Fußball

Rohes Fest

Borussia Dortmund ist am Tiefpunkt angelangt. Großkreutz appelliert an wütende Fans

Wer wissen will, wie schlecht ein Unternehmen wirklich dasteht, der schaut sich am besten den entsprechenden Aktienkurs an. Im Fall von Borussia Dortmund darf festgehalten werden: Der Fußball-Bundesligist steht so schlecht da wie es nur geht, am Ende der Fußball-Bundesliga. Dementsprechend reagierte auch der Kurs der BVB-Aktie. Bis auf 3,96 Euro fiel das Papier zwischenzeitlich am Montag und verlor im Vergleich zum Freitag fast sieben Prozent – ein Erdrutsch in der Börsenwelt.

Der BVB ist mit Trainer Jürgen Klopp am Tiefpunkt angekommen. Die als Titelaspirant und sicherer Champions-League-Anwärter in die Saison gestartete Mannschaft weist fast alle Merkmale eines ernsthaften Abstiegskandidaten auf: Eine löchrige Abwehr mit 21 Gegentoren, ein konfuses Mittelfeld und eine stumpfe Offensive, die nur 14 Saisontreffer zustande brachte. Der Unterschied zu anderen Mannschaften, die ebenfalls ums Überleben kämpfen, ist nur, dass die Dortmunder aufgrund ihrer technischen Qualitäten in einzelnen Phasen ihrer meist wenig erfolgreichen Spiele etwas geschmeidiger wirken. Dafür aber ist es um das Nervenkostüm der Spieler offenbar deutlicher schlechter bestellt als bei ihren Kollegen aus Vereinen, für die es von Anfang an klar war, dass es nur ums nackte Überleben gehen wird.

Spieler sind psychisch überfordert

Wie prekär die Situation nach dem 0:2 in Frankfurt, der achten Niederlage im 13. Saisonspiel, tatsächlich ist, zeigte Kevin Großkreutz. Der Nationalspieler richtete am Montagnachmittag über das Fotoportal Instagram einen Aufruf an die Fans der Schwarz-Gelben. „Wir haben uns die Scheiße selbst eingebrockt und kein anderer! Wir als Team haben versagt und als Team müssen wir da rauskommen!“, schrieb Großkreutz. Der Weltmeister appellierte an die Fans, der Mannschaft die Treue zu halten: „Wir brauchen euch dafür, ansonsten wird es so wie in manch anderen Vereinen, die auch nie damit gerechnet haben, da unten mal zu stehen und da nicht mehr raus kommen!“

Der Appell ist offenbar nötig, denn längst stehen nicht mehr alle Fans bedingungslos hinter ihrer Borussia. Direkt nach der Spiel in Frankfurt waren BVB-Anhänger im Fanblock auf den Absperrzaun geklettert, und als die Profis auf Rufweite herangekommen waren, gab es Beschimpfungen und Pfiffe. Vereinzelt wurden ihnen ausgestreckte Mittelfinger gezeigt. So etwas hatte es in den vergangenen knapp sechseinhalb Jahren unter Klopp noch nicht gegeben. „Wir sind mitten im Abstiegskampf. In den letzten Wochen hat man immer noch geschaut, wie sind die Abstände nach oben. Damit ist seit dem heutigen Spiel endgültig Schluss. Alles andere wäre Schönfärberei“, sagte Sportdirektor Michael Zorc. Das Dortmunder Urgestein, seit über 36 Jahren im Verein, schlug Alarm.

Nur ist es so, dass fast alle Dortmunder Spieler keinerlei Erfahrungen im Umgang mit dem Druck haben, der in solchen Situation entsteht und der weit über all das hinausgeht, was sie bislang erleben mussten. Die Fehler, die den Spielern derzeit unterlaufen, sind keine Folge fehlender Qualität, sondern eine von psychischer Überforderung. „Wir leisten tatkräftige Unterstützung bei den Gegentoren, wir geben sie auch zu einfach her. Und auf der anderen Seite nutzen wir unsere Chancen nicht“, monierte Zorc.

Die größte Herausforderung für Klopp besteht nun wohl darin, seine Spieler auf den Existenzkampf einzustellen. Er ist sich der Schwere der Aufgabe bewusst. Denn die Fähigkeit der Mannschaft, Rückschläge zu verarbeiten, tendiert nach den vielen Rückschlägen stark gegen null. Erstmals musste sich nun auch der eigentlich unangreifbare Coach Fragen gefallen lassen, ob er noch der richtige Mann am richtigen Ort sei. Klopp beantwortete sie unzweideutig, seine Argumentation machte aber auch klar, dass ihm Selbstzweifel nicht fremd sind. „Solange keiner zu mir kommt und sagt, wir haben einen, der es besser kann, kann ich ja nicht gehen“, erklärte er. Wenn ihm jemand „Garantien“ geben könnte, dass ein Trainerwechsel etwas bringen würde, müsse man ihn nur anrufen: „Dann mache ich den Weg frei.“

Doch selbst wenn sich bei Klopp tatsächlich Amtsmüdigkeit einstellen sollte – die üblichen Maßnahmen, mit denen klassische Feuerwehrleute darangehen, eine Mannschaft aus dem Keller zu führen, würden in Dortmund wirkungslos verpuffen. „Wir müssen weiter versuchen, Fußball zu spielen. Wir sind keine Mannschaft, die mauert und sich hinten reinstellt“, erklärte Zorc.

Es gibt keinen Plan B

Es gilt, sich bis zur Winterpause irgendwie von den Abstiegsrängen abzusetzen. Einen Plan B gibt es bei Borussia Dortmund nicht.

Die Kritik von außen, wie beispielsweise die von Ex-Trainer Ottmar Hitzfeld an der Transferpolitik, ist nicht unberechtigt. Zugänge wie Matthias Ginter, Ciro Immobile oder Ex-Herthaner Adrian Ramos enttäuschen seit Wochen. Vor allem von Italiens Torschützenkönig Immobile, für 19,4 Millionen vom FC Turin gekommen, bleibt weit hinter den Erwartungen zurück. Dem Italiener gelangen gerade mal zwei Tore in neun Einsätzen. Dazu kommt das Verletzungspech von Führungsspielern wie Mats Hummels, Marco Reus oder Ilkay Gündogan.

Für die Borussen geht es am Dienstag mit dem Training weiter, am Abend steht eine Weihnachtsfeier mit Fans auf dem Programm. Ob die Stimmung besinnlich sein wird, darf bezweifelt werden. Auf die Dortmunder warten rohe Weihnachten.