Basketball

Siege auf Vorrat

Alba hamstert einen Punkt nach dem anderen und schafft damit ein Polster für harte Zeiten, die kommen werden

Irgendwie haben die Basketballer von Alba derzeit einiges mit Hamstern gemeinsam. Die zur Unterfamilie der Mäuseartigen gehörenden Wühler sind nämlich nicht nur so possierlich, dass sie Kinderherzen erfreuen, sondern auch verdammt schlau. Sie schleppen in ihren Backentaschen, so lange es geht, Kilo um Kilo Getreide in den Bau, weil ihre Gene sie wissen lassen: Der Winter wird hart, und er kommt bestimmt.

Das Wissen des Teams von Sasa Obradovic ist im Unterschied zu den kleinen Nagern erlernt, und sie sammeln Siege statt Körner. Mittlerweile sind es in der Bundesliga zehn an der Zahl, ohne Niederlage. Die Berliner liegen vor Bayern München, die bereits zwei Spiele gegen nationale Konkurrenten verloren haben, und sind souveräne Tabellenführer. Bamberg, Oldenburg, Quakenbrück und der Mitteldeutsche BC haben bereits drei Niederlagen auf dem Konto.

Dirigent Obradovic

Ein erstes Polster ist also angehamstert, um Anfang Mai 2015 mindestens als Tabellenvierter und mit dem Heimrecht im Viertelfinale in das Play-off um die Meisterschaft zu gehen. Ein kleines Polster, wird Obradovic nicht müde zu wiederholen. „Wenn wir in der Europaliga die Top 16 erreichen, werden wir in Situationen kommen, wo wir verlieren“, ist sich Albas Trainer sicher. Deswegen freut er sich besonders über den Big Point seines Teams beim 93:86 am Sonntag in Oldenburg. „Nicht viele Teams werden in Oldenburg gewinnen“, glaubt Obradovic, „deshalb war das ein wichtiger Sieg im Kampf um das Heimrecht.“ Schließlich sei der Gegner so stark gewesen, dass sich „auch über einen Sieg von Oldenburg niemand hätte beschweren können“.

An der Seitenlinie ist Albas Coach nicht anzumerken, wie zufrieden er mit dem Start seines Teams eigentlich ist. Auch in Oldenburg reichte ihm die Coachingzone kaum aus, um seine Temperamentsausbrüche auszuleben. Kaum Bodenkontakt, die Arme in der Luft, seine Stimme im Meer der 6000 Kehlen gut hörbar, gab er wieder alles.

Nach geschlagener Schlacht ist es, als habe jemand den Stecker herausgezogen. Dann sitzt der Alba-blaue Maßanzug wieder wie eine Eins, und die Manschetten des Hemdes schließen makellos mit den Ärmeln des Sakkos ab. Dann sagt er ganz ruhig Sätze wie: „Wir haben das Selbstvertrauen aus der Euroleague mit ins Spiel genommen. Das zeigen die guten Quoten aus der Distanz.“ Die mit „gut“ eher unzulänglich beschrieben sind. „Exzellent“ wäre besser, denn Alba ist mit einer Trefferquote von 46,3 Prozent das beste Dreier-Team der Bundesliga, auch die 52,7 Prozent bei Würfen aus dem Feld bedeuten eine souveräne Bestmarke.

In Oldenburg freute sich Obradovic darüber, dass sein Team die Euphorie des 79:78-Krimis gegen Malaga mit in den Norden nahm. Eine Woche zuvor war er nicht minder zufrieden, dass seine Mannschaft die 66:95-Lehrstunde bei ZSKA Moskau schnell abgehakt und die Braunschweiger Löwen mit 80:63 abgefertigt hatte.

Emotionen und Frische erhalten

Noch bekommt Alba den Spagat zwischen Europa- und Bundesliga bestens hin. Würden sich die Berliner für die Top 16 qualifizieren, was nach dem Sieg gegen Malaga realistisch ist, ginge es noch knapp drei Monate so weiter. Denn die noch einmal verdichtete Creme de la Creme des Kontinents wird in zwei Achter-Gruppen eingeteilt, es würden noch mal 14 Spiele warten. Die fleißigen Hamster würden angreifbar, denn Alba bliebe dauerhaft in einem Rhythmus wie in dieser Woche.

„Wir spielen am Donnerstag bei Maccabi Tel Aviv, reisen am Freitag zurück und spielen am Sonnabend, keine 48 Stunden später, ohne eine wirkliche Vorbereitung gegen Quakenbrück, eine weitere Spitzenmannschaft der Liga“, sagt der Coach, der seiner Mannschaft am Montag frei gab, weil sich „Emotionen und geistige Frische nicht in harten Trainingseinheiten verschleißen“ dürften. Er müsse die Einsätze seiner Spieler in beiden Ligen so „smart“ verteilen, „dass alle involviert bleiben“, sagt Obradovic weiter. „Jeder weiß, dass Leon Radosevic, Reggie Redding und Cliff Hammonds unser Spiel tragen. Zuletzt haben aber auch immer wieder andere die Mannschaft geführt. Dadurch sind wir schwer auszurechnen.“

Obradovic und die Seinen werden sich durch das Mehr an Stress nicht davon abbringen lassen, alles zu geben, um Europas Top 16 zu erreichen. Denn das Mehr an nationalem und internationalem Renommee wiegt alle Strapazen auf. Zumal die Ehre, ganz oben mitzuspielen, dem großen Rivalen im Süden voraussichtlich nicht zuteil wird. Alba hat in der Europaliga drei, Bayern München derzeit aber nur einen Sieg auf dem Konto. „Unsere Verteidigung ist nicht auf Euroleague-Niveau oder auch nicht auf dem Niveau, damit wir um die Meisterschaft spielen können“, moniert Bayern-Coach Svetislav Pesic.

Ob es den Bayern irgendwann in der Saison zugute kommt, dass sie sich der Körperpflege hingeben können, während Alba weiter durch Europa jettet, weiß niemand. Deshalb am besten einfach weiter machen: Siege hamstern so lange wie irgend möglich.