Hertha gegen Bayern München

„Wir wollen das Olympiastadion rocken“

Der Außenseiter stiehlt den hochgewetteten Bayern die Show – Salomon Kalou weiß, wie es geht. 2012 vermasselte der Stürmer mit dem FC Chelsea Bayern München das „Finale dahoam“, als die Londoner sich im Elfmeterschießen des Champions-League-Finales den begehrten Titel sicherten. Kalou stand damals in der Startelf. Heute trifft der zweimalige WM-Teilnehmer mit der Elfenbeinküste am 13. Bundesliga-Spieltag mit Hertha BSC auf den Double-Sieger aus München (15.30 Uhr, Olympiastadion). Vorher nahm sich Kalou Zeit für eines seiner raren Interviews.

Berliner Morgenpost:

Bei Ihrer Vertragsunterschrift in Berlin haben Sie von der Reputation der Bundesliga geschwärmt. Nach drei Monaten: Wie sieht die Realität der Bundesliga aus?

Salomon Kalou:

Die Bundesliga ist, wie ich sie erwartet habe. In Frankreich wird sehr taktisch gespielt, abwartend auf den einen Fehler des Gegners, den man versucht zu nutzen. In Deutschland gibt es Wettbewerb auf allen Ebenen: Technisch, taktisch, es ist körperbetont. Jede Mannschaft spielt darauf, Tore zu schießen. Das ist attraktiv für die Zuschauer, weil die Fans pro Spiel locker vier, fünf Tore erleben können. Für mich ist die Bundesliga mit der Premier League die stärkste Liga der Welt.

Sind Sie überrascht, dass Hertha sich schwer tut, Stabilität zu finden?

Nein, man muss sehen, wo der Verein herkommt. Vor zwei Jahren hat Hertha Zweite Liga gespielt. Niemand kann erwarten, dass ein Verein nach einem Jahr Bundesliga auf einmal in der Spitzengruppe mithalten kann. Ich wusste, dass dieses Jahr schwierig wird. Aber keine Sorge, wir schaffen das.

Nach den schwierigen vergangenen Jahren haben einige Fans Sorgen, dass Hertha absteigen könnte.

Das wird nicht passieren. Ich habe bei Hertha einen Drei-Jahres-Vertrag unterschrieben. Ich sehe das erste Jahr als Lehrjahr. Ich muss Hertha und die Bundesliga kennenlernen. Wir haben neun neue Spieler. Das braucht etwas Zeit. Im zweiten Jahr erwarte ich, dass wir alle Fortschritte machen. Ich bin sehr zuversichtlich. Und mal sehen, was dann im dritten Jahr möglich ist.

Wie weit ist Ihre Integration im Team?

Ich bin zwar seit drei Monaten in Berlin, war aber wegen der Länderspielreisen dauernd unterwegs. Wenn ich bei Hertha bin, bekomme ich sehr viel Unterstützung von den Kollegen. Aber ich bin neu, ich muss die neue Sprache lernen, versuche alles zu adaptieren, wie das Spiel bei Hertha läuft. Auch das braucht Zeit.

Was haben Sie von Berlin gesehen?

Gefühlt war ich die Hälfte dieser drei Monate unterwegs. In Berlin habe ich nichts gesehen außer dem Trainingsplatz, dem Olympiastadion und dem Hotelzimmer. Aber ich bin John Heitinga sehr dankbar. Er hat eine Wohnung für mich gefunden, sich um alles gekümmert und sogar die Wohnung eingerichtet, als ich auf meiner letzten Länderspiel-Reise war. Als ich vergangene Woche zurückgekommen bin, war es das erst Mal, dass ich die Tür aufgeschlossen habe und dachte: Jetzt bin ich bei mir Zuhause.

Sie brauchen im Spiel nicht viele Chancen, haben bei zehn Einsätzen vier Tore geschossen. Es fällt aber auf, dass Hertha Schwierigkeiten hat, den Ball in die gefährliche Zone vor dem gegnerischen Tor zu bekommen.

Um es einfach zu sagen: Ein Stürmer braucht Vorlagen. Ich habe Selbstvertrauen, aus zwei Chancen mache ich in der Regel ein Tor. Wir sind ein neu zusammengestelltes Team. Wir sind auf dem Weg, dass alle Teile zueinanderpassen. Ich lerne gerade unheimlich viel. Die Situation ist eine Herausforderung, weil wir Siege brauchen. Dafür brauchst du Selbstvertrauen. Deshalb war das 2:1 in Köln für uns als Mannschaft wichtig. Es war der erste Auswärtssieg in diese Saison. Jetzt müssen wir schauen, dass wir mal aus der Achterbahn ‚Sieg-Niederlage-Sieg-Niederlage’ rauskommen. Wir brauchen einen zweiten Sieg in Folge. Und dann einen dritten hinterher.

Als Beobachter hat man den Eindruck, dass es Hertha noch nicht gelingt, seine ganze Qualität aufs Feld zu bringen.

Wir sind dabei, uns kennen zu lernen. Wir haben einige, die Spiele entscheiden können: Änis Ben-Hatira kann das oder Valentin Stocker oder Roy Beerens. Aber diese Spieler müssen so bedient werden, dass sie ihre Stärken einsetzen können. Wenn sie keine guten Anspiele bekommen, können sie ihre Qualitäten nicht einsetzen.

Was ist gemeint mit „besser spielen“?

Wir spielen manchmal zu viel mit langen und hohen Bällen. Bei den Spielern, die wir haben, sollten wir versuchen, präzise zu kombinieren und gerade unseren Außen die Bälle flach in den Lauf spielen. Weil sie alle stark sind bei Eins-gegen-eins-Situationen. Wir haben gegen Stuttgart, Wolfsburg und Hamburg gezeigt, welches Potenzial im Team steckt.

Sind Sie eher der geduldige Typ oder ein ungeduldiger?

Ich bin geduldig. Klar bin ich mal frustriert. Dann muss man arbeiten und schauen, dass es besser wird.

Waren Sie enttäuscht, dass Sie gegen Köln auf der Bank saßen?

Natürlich möchte ich immer spielen. Aber ich bin nach elf Tagen in Afrika erst am Donnerstag zurück gekommen, habe nicht mit der Mannschaft trainiert. Am Freitag gab es nur ein kleines Training. Ich war nicht frustriert, weil ich auf der Bank saß. Ich kann nicht nur auf mich schauen, sondern es geht um die ganze Gruppe. Es hat doch gepasst, dass der Trainer die Leute in die Startelf gestellt hat, die frisch waren. Ich habe meinen Teil beigetragen, als ich eingewechselt wurde. Wir wollten gewinnen, das ist gelungen – das ist es, worum es geht.

Bei Hertha sind Sie einer der wenige Profis, die gegen Bayern schon gewonnen haben ...

Ja (lacht), daran denke ich sehr, sehr gerne zurück, an die Nacht des Champions-League-Finales vor zwei Jahren.

Was ist Ihr Rat an die Kollegen: Wie kann Hertha gegen Bayern bestehen?

Wir müssen sehr gut spielen. Wir brauchen 100 Prozent, besser: 200 Prozent. Und die Bayern müssen einen schlechten Tag erwischen. Im Ernst: Bayern hat eine tolle Mannschaft mit sehr guten Spielern. Aber in einem Spiel ist alles möglich. Auch, dass wir, Hertha, die Bayern schlagen können. Das ist das, was ich meinen Teamkameraden sagen werde.

Gibt es bei den Bayern einen Spieler, auf den sie sich freuen?

Ich freue mich auf Arjen Robben. Unsere Wege haben sich schon in Holland gekreuzt. Und bei Chelsea haben wir zwei Jahre zusammen gespielt. Er ist nicht nur ein großartiger Fußballer sondern auch ein guter Typ.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Hertha gegen Bayern gewinnt?

Bayern ist wie Real Madrid oder FC Barcelona. Überall, wo die hinkommen, wollen alle diese Mannschaft sehen. Sie haben diese besondere Qualität, sehr gute Spieler und bieten attraktiven Fußball. Jeder von uns will in so einem Spiel spielen. Ich liebe es, gegen einen besondere Gegner Tore zu schießen. Das Olympiastadion ist mit 75.000 Zuschauern ausverkauft. Ich hoffe, dass wir mit Unterstützung der Fans es schaffen, zu gewinnen und für diesen Nachmittag das Olympiastadion rocken.

Hertha steht im Moment bei 14 Punkten und hat noch fünf schwere Partien. Wie viel Punkte sollen es sein bis Weihnachten?

Sechs Punkte wären gut bis zur Winterpause, so dass wir dann 20 Punkte hätten.