Interview

„Ich bin dankbar, dass ich noch Sport treiben kann“

Miriam Gössner erlitt bei einem Fahrradsturz Wirbelbrüche und verpasste die Winterspiele in Sotschi. Nun greift die Biathletin wieder an

Nach drei Weltcupsiegen wurde sie schon als Nachfolgerin von Rekord-Weltmeisterin Magdalena Neuner gefeiert. Doch dann hat Miriam Gössner, 24, die Olympischen Winterspiele in Sotschi nach einem schweren Fahrradsturz mit mehreren Wirbelbrüchen verpasst. Beim Weltcup in Östersund/Schweden ab Sonntag, dem Auftakt des Biathlon-Winters, kehrt die Freundin von Skistar Felix Neureuther zurück ins deutsche Team.

Berliner Morgenpost:

Ein Sprichwort sagt: Zum Erfolg gibt es keinen Lift. Man muss die Treppe benutzen. Bei Ihnen müsste man eher sagen, Sie wurden öfter von der Treppe geschubst – durch Verletzungen und Krankheiten. Wie zermürbend ist das, Frau Gössner?

Miriam Gössner:

Es ist nicht einfach, sich immer wieder zurückzukämpfen. Ich habe das jetzt schon so oft erlebt. Manchmal tut es aber auch ganz gut, wenn der Körper eine kleine Auszeit bekommt. Man muss nicht immer alles negativ betrachten, sondern sollte das Gute in dem vermeintlich Schlechten sehen. Das hilft.

So oft, wie sich zurückkämpfen mussten, gibt es zwei Möglichkeiten: Man resigniert und ist frustriert – oder denkt sich: jetzt erst recht.

Im vergangenen Winter gab es natürlich auch mal Momente, in denen ich dachte: Jetzt mag ich nicht mehr. Dann kam aber doch der Kampfgeist zurück mit exakt diesem Antrieb, den Sie beschreiben. Ich lasse mich nicht unterkriegen.

Heißt das, Sie dachten kurz ans Aufhören?

Nein, das war nie ein Thema. Aber klar, ich hatte schon mal einen Hänger, gerade im Januar. Da fehlte die Motivation.

Wie groß ist sie jetzt?

Ich bin unglaublich motiviert, endlich wieder an den Start zu gehen.

Waren Sie immer schon eine Kämpfernatur oder kam das mit jedem Rückschlag mehr und mehr?

Ich habe schon immer Verletzungen mit mir mitgezogen, musste deshalb immer ein bisschen kämpfen. Aber das kann ich gut, es bringt ja Spaß, seine Grenzen zu spüren. Darum geht es im Sport.

Der schwerste Kampf zurück war sicher jener nach dem Mountainbike-Unfall. Dennoch mussten Sie die Olympischen Spiele von zu Hause beobachten. Wie erging es Ihnen in der Zeit?

Ich hatte zwar Schmerzen im Rücken, war aber in sehr guter Behandlung. Das war für mich das einzig Wichtige. Ich habe alles probiert für Olympia, musste aber feststellen, dass ich an meiner Grenze angekommen war. Deswegen gab es keine Alternative.

Was war der schwierigste Moment?

Jener, in dem ich gemerkt habe: Jetzt geht es nicht weiter. Für mich selbst hatte ich dann den Entschluss gefasst, nicht nach Sotschi zu fahren – das war in Oberhof, kurz vor der Pressekonferenz. Deshalb konnte ich dort emotional nicht so gut damit umgehen. Es war noch so frisch.

Die Tränen hat Ihnen doch niemand verübelt, im Gegenteil.

Ich wäre gern gefasster in die Pressekonferenz gegangen. Am Abend ging es mir zu Hause aber schon relativ gut. Es war eine Riesenlast von mir abgefallen.

Bereuen Sie denn, es versucht zu haben?

Nein. So kann ich mir nichts vorwerfen. Hätte ich es nicht versucht, hätte ich mich ewig gefragt: Was wäre, wenn?

Sie sind damals bei dem Unfall nur knapp dem Rollstuhl entgangen. Kurzfristig ändert so etwas die Sichtweise, langfristig hält sich das nicht immer. Nun ist eine Zeit vergangen. Wie ist das bei Ihnen?

Die Sichtweise ändert sich auch langfristig. Wenn ich mal wieder anfange, leichtsinniger oder zu erwartungsvoll zu sein, kann ich mich ganz schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Wenn ich mich beim Training im Sommer manchmal gefragt habe, warum es nicht besser wird und schneller voran geht, konnte ich mich sehr gut beruhigen, indem ich mich erinnert habe: Überleg mal, was du eigentlich durchgemacht hast. Ich kann das dann schnell neutraler sehen. Heute bin ich einfach dankbar dafür, dass ich überhaupt noch Sport treiben kann. Das ist nicht selbstverständlich.

Sind Sie entspannter geworden?

Auf jeden Fall.

Auch ängstlicher?

Das könnte man natürlich vermuten, ist bei mir aber nicht der Fall.

Sie waren in Vietnam. Was hat Ihnen dort imponiert? Was haben Sie mitgenommen?

Das Schöne dort war zu sehen, wie übertrieben unsere Gesellschaft zum Teil ist. Bei uns hat jeder das Beste vom Besten, niemand ist mit irgendetwas zufrieden, wir wollen immer mehr und mehr. Dort ist es ganz anders. Ich fand es sehr beeindruckend, wie die Menschen dort leben und mit wie wenig sie glücklich sind, teilweise wahrscheinlich sogar glücklicher als wir. Das fand ich brutal imponierend.

Sie waren dort mit Ihrem Partner Felix Neureuther. Wie klappt der Alltag zweier Topsportler? Das kann nicht immer einfach sein.

Bei uns funktioniert es sehr gut. Wirklich. Für mich könnte es nicht besser sein. Das Gute ist, dass wir beide schon ziemlich viel mitgemacht haben und wissen, wie sich der andere in einer schwierigen Situation fühlt. Felix konnte mir deshalb im vergangenen Jahr auch sehr viel helfen. Wir können uns gegenseitig gut unterstützen.

Haben sich mit der veränderten Sichtweise auch Ihre Ziele geändert? Mit welchem Wunsch gehen Sie in die Saison?

Ich wünsche mir natürlich, vorne mitzulaufen und meinen Sport auf einem hohen Niveau betreiben zu können. Ich muss aber auch realistisch sein, ich habe insgesamt sieben Monate Trainings- und Wettkampfpause im letzten Jahr hinter mir. Es wird jetzt erst einmal ein Herantasten sein, überhaupt wieder mal einen Wettkampf zu laufen. Es ist wie eine Leiter, auf der ich einen Schritt nach dem anderen machen muss. Ich kann keine drei Schritte auf einmal machen. Natürlich habe ich den Wunsch, wieder ganz vorn dabei zu sein. Wenn ich den nicht hätte, würde ich keinen Sport mehr machen. Ich will wieder gewinnen.

Was reizt Sie so am Biathlon – neben dem Willen zum Erfolg –, dass Sie sich immer wieder durchbeißen?

Es ist so eine Freude, die man in sich drinnen hat. Wenn ich von dem schnellen Laufen komme, auf die Scheiben zielen muss und auch treffe, ist es einfach ein tolles Gefühl. Sich dann auf der Laufstrecke wieder zu verausgaben und sich auf der letzten Runde bis zum Anschlag zu quälen, hat einen großen Reiz. Das ist wie ein Kick, weil du deinen Körper natürlich sehr stark spürst, wenn du über die Schmerzgrenze gehst, ins Ziel läufst und es geschafft hast.