Champions League

Rendezvous mit dem Ex

Schalkes Trainer Di Matteo muss beim Wiedersehen mit dem FC Chelsea punkten

Es gibt sie tatsächlich, die Episoden im Leben des Roberto Di Matteo, die belegen, dass auch er in bestimmten Situation die Kontrolle über seine Gefühle verlieren kann. So wie am 19. Mai 2012 im München, als er auf dem Weg zur Pokalübergabe auf Roman Abramowitsch getroffen war. Di Matteo, der auf Schalke bislang so unterkühlt auftritt, dass zumindest einige Fans mit seiner Art sehr fremdeln, war damals gerade als Trainer mit dem FC Chelsea Champions-League-Sieger geworden. Er war Abramowitsch, dem allmächtigen Klub-Eigner, um den Hals gefallen, hatte ihm stolz zugerufen: „I won it!“ – „Ich habe es gewonnen!“

Hoffen auf Zusatzeinnahmen

Ein halbes Jahr später, am 21. November, war für den mittlerweile 44-jährigen Italiener das Kapitel Chelsea beendet. Denn er hatte zwar die Königsklasse und den FA-Cup gewinnen können – aber niemals das Vertrauen des russischen Oligarchen. Seine Beurlaubung an der Stamford Bridge vor genau zwei Jahren traf Di Matteo schwer – entsprechend emotional wird für ihn das Wiedersehen mit seinem Ex-Verein in der Champions League: Mit Schalke 04 muss er am Dienstag gegen Chelsea (20.45 Uhr, live Sky) antreten und zumindest einen Punkt holen, um weiterhin reelle Chancen zu haben, das Achtelfinale zu erreichen.

Doch die persönliche Brisanz versucht Di Matteo herunterzuspielen. „Natürlich werde ich vor dem Spiel alte Bekannte begrüßen“, sagte er: „Aber ich werde mich nur auf meine Arbeit konzentrieren und versuchen, mit Schalke gegen Chelsea zu gewinnen.“ Um ihn gehe es dabei nicht, vielmehr um die Weiterentwicklung seiner Mannschaft. Denn die ist, davon ist Di Matteo überzeugt, nicht unwesentlich davon abhängig, ob das Überwintern in der Königsklasse gelingt. Das Erreichen des Saisonzieles würde Sicherheit vermitteln, die Zusatzeinnahmen würden eine größere Wahrscheinlichkeit bedeuten, dass er im Sommer Verstärkungen verpflichten könnte.

Denn auch wenn der Gewinn der Champions League der Höhepunkt seiner eher kurzen Trainerbiografie ist – er will demonstrieren, dass er in der Lage ist, eine Mannschaft langfristig zu entwickeln. In London war ihm das nicht vergönnt. An der Stamford Bridge war Di Matteo, nachdem er am 4. März 2012 zum Nachfolger von Andre Villas-Boas gemacht wurde, nur als Übergangstrainer angesehen worden, als Lehrling. Wohl auch, weil er sich entsprechend verhielt. Di Matteo war sich, nachdem er überraschend vom Co- zum Chefcoach befördert worden war, bewusst, dass er nur erfolgreich sein kann, wenn er in Kooperation mit den erfahrenen Stars Taktiken erarbeitet – wie beispielsweise seine viel kritisierte, aber erfolgreiche defensive Spielweise im Finale gegen die Bayern. Doch in London war er Primus inter Pares, kein Chef. Von Abramowitsch wurde er deshalb gering geschätzt – bei den Spielern war er hingegen beliebt. „Wir hatten so viele Trainer, die etwas Besonderes nach Chelsea gebracht haben. Aber der, an den sich die meisten erinnern, ist Roberto, weil er die Champions League gewonnen hat“, sagte Didier Drogba, einer von vier Chelsea-Profis, die unter Di Matteo gespielt hatten und heute noch da sind.

Auf Schalke hatte Di Matteo einen anderen Einstand. Er kam als Champions-League-Sieger, wurde als gewiefter Taktikfuchs eingeführt. „Er kann seine Taktik dem Gegner anpassen“, hatte Manager Horst Heldt gesagt. Eine Kostprobe hatte es am vergangenen Sonnabend gegeben: Mit einer Umstellung auf ein 3-5-2-System hatte Di Matteo den VfL Wolfsburg überrascht und konnte so erheblich zum 3:2-Erfolg beitragen. Es war wettbewerbsübergreifend der vierte Heimsieg unter Di Matteo – wenn auch ein glücklicher, da die vom neuen Trainer angemahnte taktische Disziplin nur eine Halbzeit lang zu sehen war.

Dem Team fehlt es an Stabilität

Sowohl die zittrige Vorstellung in der zweiten Halbzeit als auch die drei Auswärtsniederlagen, die seit Di Matteos Dienstantritt am 8. Oktober verbucht werden mussten, verdeutlichen, dass die Mannschaft noch weit davon entfernt ist, stabil aufzutreten. Oft hatte Schalke sogar wie ein Team gewirkt, das mit den taktischen Vorgaben des Trainers überfordert sei. Di Matteos Maßnahmen, um die defensive Organisation zu verbessern, waren zu Lasten der Kreativität gegangen – das vorhandene Offensivpotenzial wurde nur teilweise ausgeschöpft, die Geduld der Fans auf eine harte Probe gestellt.

Eine grundlegende Neuausrichtung der Königsblauen ist Di Matteo bislang noch nicht gelungen, sie kann frühestens in der Winterpause erfolgen. Bis dahin müsse sich Schalke „durchwurschteln“, wie es Heldt ausdrückte. Dabei sind die Improvisationsfähigkeiten des Trainers gefragt. „Wir haben limitierte Optionen. Da ist es wichtig, das Beste rauszuholen mit den Spielern, die zur Verfügung stehen“, sagte Di Matteo. Dies gelte speziell für das Spiel gegen Chelsea.

Er werde das Wolfsburg-Spiel „genau analysieren, Schlüsse daraus ziehen und Verbesserungsmöglichkeiten erwägen“, kündigte er an. Welche das sein werden, ließ er offen.