Hertha BSC

Schmerz, lass nach

Die Verletzungen seiner Nationalspieler stellen Hertha-Trainer Luhukay vor neue Probleme

Es gibt eine Handvoll Merkmale, die Jos Luhukay von seinen Berufskollegen unterscheidet. Die Tatsache, dass er auf den Trainerbänken der Fußball-Bundesliga derzeit der einzige Niederländer ist, zum Beispiel. Oder der Fakt, dass er als einziger Chef-Coach die Fahne der Schnauzbartträger hochhält. In einem Punkt aber herrscht zwischen dem Trainer von Hertha BSC und den übrigen Fußball-Lehrern eine große Übereinstimmung: Sie sind keine Fans von Länderspielen.

Während die Herren Nationalspieler ins Scheinwerferlicht der internationalen Bühne treten, kann Luhukay mit den Daheimgebliebenen kaum effektiv an der Weiterentwicklung des Teams arbeiten. Schlimmer noch: Bei jedem Länderspieleinsatz kickt immer auch die Angst vor Verletzungen mit – eine Angst, aus der für Hertha nun bittere Realität geworden: Peter Pekarik hat sich im Spiel der slowakischen Nationalmannschaft am vergangenen Sonnabend einen leichten Muskelfaserriss zugezogen. Für die Partie beim 1. FC Köln am Sonnabend (18.30 Uhr) fällt der Rechtsverteidiger aus. Pekariks Verletzung trifft die Berliner schwer. In der defensiven Viererkette ist der Vizekapitän nun schon das zweite wichtige Glied, das wegbricht. Zur Erinnerung: Innenverteidiger Fabian Lustenberger – für Luhukay der strategisch wichtigste Spieler – fällt wegen eines Sehnenanrisses bis zum Jahresende aus. Dabei benötigt Hertha nach drei Niederlagen in Folge in Liga und Pokal vor allem eins: Stabilität. Mit bislang 21 Gegentoren aus elf Spielen stellen die Berliner die viertschlechteste Abwehr der Liga. Die beiden jüngsten Pleiten gingen mit fünf Gegentoren einher. Ein Aufwärtstrend in Sachen Abwehrarbeit ist, obwohl das Problem seit Längerem besteht, nicht zu erkennen.

Auf der Suche nach Stabilität

Die Ursache allein in der Defensive zu suchen, wäre jedoch oberflächlich. Denn die Defizite ziehen sich in dieser Saison durch alle Mannschaftsteile. Mit einer Zweikampfquote von knapp 45 Prozent und einer Passquote von gut 67 Prozent stellen die Herthaner die schwächsten Werte aller Bundesligisten. Zahlen, die belegen, was jeder Hertha-Fan in den vergangenen drei Spielen auch ohne Schlaumeier-Statistik gesehen hat: Die einzelnen Zahnräder im Hertha-System greifen im Moment nicht ineinander. „Es macht keinen Sinn, über einzelne Spieler zu sprechen“, sagte Manager Michael Preetz. „Aber Fakt ist, dass wir ein Problem der Stabilität haben, weil fast alle Spieler, die in der vergangenen Saison dafür zuständig waren, fehlen.“

Die Achse, die dem restlichen Team Halt geben sollte, wurde schon vor Monaten gesprengt. Spielmacher Alexander Baumjohann zog sich seinen Kreuzbandriss noch vor dem Liga-Start zu, und weder Ronny noch Per Skjelbred waren bislang in der Lage, das Kreativ-Vakuum zu füllen. Verteidiger Sebastian Langkamp verletzte sich nach dem ersten Spieltag und konnte von Sommerzugang John Heitinga nicht adäquat ersetzt werden. Und Tolga Cigerci? Meldete sich schon Ende der vergangenen Saison ab und arbeitet nach wie vor an seinem Comeback. Es birgt schon eine gewisse Tragik in sich, dass Hertha die sonst so schmerzlich vermisste Stabilität ausgerechnet bei den Hiobsbotschaften vorweisen kann.

Jeder Ausfall für sich dürfte Luhukay schon genug Kopfzerbrechen bereiten. Die Folgen aber sind weitreichender. Beispiel Hajime Hosogai: Der Japaner ist zwar der einzige Verbliebene aus der einstigen Achse der Stabilisatoren. Der Abstand zwischen seiner derzeitigen Form und der Verfassung der vergangenen Hinrunde entspricht gefühlt allerdings der Distanz zwischen Tokio und Berlin. Ohne den starken Cigerci an seiner Seite stößt Hosogai im defensiven Mittelfeld an seine Grenzen. Läuferisch müht er sich zwar bis zum Äußersten, seine Zweikampfstärke aber hat spürbar gelitten.

Immerhin gab es am Mittwoch gleich mehrere Botschaften, die Herthas Sorgen deutlich lindern. Mit Marcel Ndjeng, der wegen einer Sprunggelenkprellung in dieser Woche bislang nur individuell trainiert hatte, kehrte der etatmäßige Pekarik-Vertreter ins Mannschaftstraining zurück. Und er hielt dem Belastungstest stand, sodass er spielen kann.

Muskuläre Probleme häufen sich

Auch um den Einsatz von Innenverteidiger John Brooks hatten die Berliner gebangt, denn wegen einer leichten Knöchelverletzung war der 21-Jährige im Länderspiel der USA gegen Irland kurzfristig geschont worden, obwohl er zunächst in der Startelf stehen sollte. Die Untersuchung nach seiner Rückkehr blieb aber ohne Befund. „Bei Marcel und John sieht es sehr gut aus“, sagte Luhukay. Eine gewisse Erleichterung war dabei nicht zu übersehen.

Auch die übrigen Nationalspieler wie Valentin Stocker (Schweiz) und Per Skjelbred (Norwegen) sind unbeschadet nach Berlin zurückgekehrt. Dennoch: Die Häufung muskulärer Probleme ist auffällig. Eine einzelne Ursache werde sich nicht finden lassen, aber „so ein Pech wie in den letzten Monaten ist nicht normal“, sagte Luhukay.

Vor Pekarik waren zuletzt Nico Schulz und Änis Ben-Hatira betroffen, die nun vor ihrem Comeback stehen. Auch Julian Schieber und Johannes van den Bergh wurden von ihrer Muskulatur geplagt – zwei weitere Kandidaten, die Luhukay seit dieser Woche wieder zur Verfügung stehen. Damit kann der 51-Jährige vorhandene Personallücken kitten. Als er gefragt wurde, wer in Abwesenheit von Lustenberger und Pekarik Kapitän sein werde, strahlte Luhukay fast schon wieder Zuversicht aus: „Wir werden schon jemanden finden“, sagte der Hertha-Coach und lächelte.