Länderspiel

Kroos setzt den Schlusspunkt

Dank eines Treffers des Real-Profis gelingt dem Fußball-Weltmeister zum Jahresende ein verdientes 1:0 gegen Europameister Spanien

Mal ganz ehrlich: Wer erinnert sich noch? Die Kritiken waren, gelinde gesagt, besorgt bis ängstlich: „So ist Deutschland kein WM-Favorit“, schrieb beispielsweise der „Focus“ nach dem mühsamen 1:0-Sieg gegen Chile am 5. März in Stuttgart (Torschütze Mario Götze). Mit Länderspiel Nummer 17 in 2014, einem überzeugenden 1:0 (0:0) in Spanien, endete nun das so ereignisreiche WM-Jahr für die deutsche Nationalelf. „Genau das haben wir uns gewünscht. Es war ein tolles Jahr, und dieser Sieg gegen Spanien ist ein toller Abschluss für uns“, sagte Toni Kroos, der mit seinem Treffer eine Minute vor Schluss den Sieg perfekt machte. Als er das Fußball-Jahr 2014 mit einem Wort beschreiben sollte, sagte der Mittelfeldspieler: „Weltklasse“.

Dreierkette in der Abwehr

Nicht unbedingt Weltklasse, aber nach den vielen Ausfällen durchaus bemerkenswert war der Auftritt der DFB-Elf gegen den Europameister Spanien in einem der selten gewordenen Stadien. Trotz einiger Modernisierungen strahlte das 1928 erbaute Estadio Balaidos den altertümlichen Charme jener Fußballstätten aus, der in den hochmodernen Arenen Deutschlands längst nicht mehr zu finden ist. Die Umkleidekabinen hätten allenfalls Bezirksliga-Niveau, schilderte ein DFB-Betreuer seine Eindrücke. Bundestrainer Joachim Löw und sein spanischer Kollege Vicente del Bosque machten gestern Abend Bekanntschaft mit der veralteten Architektur des Stadions – und stießen sich den Kopf an der zu niedrigen Trainerbank-Überdachung. Warum dies alles erzählt werden kann? Weil sich die Ereignisse auf dem Feld stark in Grenzen hielten.

Es war zu erwarten gewesen, dass die Nationalmannschaft zunächst abwartend und kompakt agieren würde. Löw probierte wie gegen Gibraltar in der Abwehr eine Dreier-Kette aus, die bei Ballbesitz des Gegners mit den Außen Rudy und Durm zu einer Fünfer-Linie mutierte. Doch die Spanier, die versuchten, ihr Kurzpassspiel aufzuziehen, konnten sich kaum einmal gefährlich bis in den Strafraum der Nationalelf durchspielen. Ein Distanzschuss von Nolito, mit dem Ron-Robert Zieler keine Probleme hatte (12.), blieb in der ersten Hälfte die einzige nennenswerte Torchance der Gastgeber vor rund 23.994 Zuschauern.

Zwar tauchte auch Löws Elf erst nach 20 Minuten gefährlich vor dem Tor von Iker Casillas (spielte entgegen den Ankündigungen doch von Beginn an) auf, als Thomas Müller wunderbar für Mario Götze auflegte, der jedoch am Torwart von Real Madrid scheiterte (20.). Aber in der Folge dominierten vor allem Toni Kroos, Sami Khedira und der immer anspielbare Götze die Partie, inspirierten mit einigen gelungenen Kombinationen das Offensivspiel. Und das, obwohl Thomas Müller – von Sergio Ramos gefoult – früh mit einem Pferdekuss vom Feld musste (22.). Nach einem ansehnlichen Solo des eingewechselten Karim Bellarabi hatte Sebastian Rudy die Führung auf dem Fuß, zielte aber auf dem von einsetzenden heftigen Regenschauern tiefen Rasen deutlich zu hoch (33.). „In Anbetracht der vielen Umstellungen war das ein sehr ordentlicher Auftritt der deutschen Mannschaft“, urteilte ARD-Experte Mehmet Scholl, „wir sind die torgefährlichere Mannschaft. Enttäuschend sind die Spanier, mich überrascht, dass die Deutschen trotz der vielen neuen Spieler mindestens auf gleichem technischen Niveau spielen.“

Auch nach Wiederanpfiff kam aufseiten der Spanier kaum einmal der gewünschte Spielfluss zustande, ungewohnte Abspielfehler unterstrichen die nach vielen personellen Umstellungen fast zwangsläufigen Abstimmungsprobleme. Einzig einen Freistoß Nolitos (59.) musste Zieler entschärfen. Aber im zweiten Durchgang nahm noch mehr die deutsche Elf das Heft in die Hand, hatte zwar keine wirklich gefährlichen Torchancen, aber immerhin: Das zuvor noch zu Gunsten der Spanier neigende Ballbesitzverhältnis kippte nun deutlich auf die Seite des DFB-Teams. Dass der Boden wegen des anhaltenden Regens immer seifiger und tiefer wurde, machte die ganze Angelegenheit für beide Teams allerdings nicht einfacher.

Sonderlob von Löw

Und was macht man bei einem solchen Geläuf? Man probiert es aus der Distanz. Einen Versuch vom Hoffenheimer Kevin Volland konnte der eben erst eingewechselte Ersatzkeeper Francisco Casilla noch parieren (78.). Doch nachdem Pedro auf der anderen Seite völlig frei an Zieler scheiterte, probierte es Kroos einfach mal aus 25 Metern: Casilla patzte, und der Ball lag im Tor (89.). Dabei blieb es. Das DFB-Team siegte erstmals seit 14 Jahren wieder gegen Spanien und kann nach den wenig befriedigenden Auftritten zuletzt nun mit einem guten Gefühl ins neue Jahr gehen. „Das war für uns ein hervorragender Abschluss des Jahres“, sagte Aushilfskapitän Sami Khedira.

„Man hätte sich keinen besseren Jahresabschluss wünschen können“, sagte auch Bundestrainer Löw, der zuletzt nach dem 4:0 gegen Fußball-Zwerg Gibraltar noch ziemlich sauer auf seine Spieler war. Diesmal aber sagte er: „Ich war insgesamt mit der Leistung sehr zufrieden. Die Bedingungen waren sehr schwer – mit dem Regen und dem Wind“, und adelte den Siegtorschützen: „Toni Kroos ist im Moment wohl der beste Mittelfeldspieler der Welt“ , so Löw.

Vier Monate müssen die deutschen Fans nun auf das nächste Spiel warten. Nach dem Test gegen Australien in Kaiserslautern (25. März) wird die EM-Qualifikation vier Tage später in Georgien fortgesetzt.