Olympische Spiele

„Wieder näher an die Menschen“

Viel Lob für die Reform-Agenda von IOC-Chef Bach. In Berlin gibt man sich lieber noch abwartend

Thomas Bach weiß um die Kraft der Symbolik. Also lud der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) eine Schar internationaler Topathleten ins Schweizer Hauptquartier ein, um erstmals seine Reform-Agenda 2020 vorzustellen. Eine bessere Zukunft im Sinne der Athleten will er der Sportbewegung mit 40 Empfehlungen sichern, nur müssen seine IOC-Kollegen diesen durchaus offensiven Plänen auf der Vollversammlung am 8. und 9. Dezember in Monte Carlo auch noch zustimmen.

„Es ist ein Puzzle. Wenn man alle Teile zusammenfügt, entsteht ein Bild, das die Einzigartigkeit Olympischer Spiele wahrt und die Rolle des Sports in der Gesellschaft stärkt“, erklärte Bach. „Wir wollen versuchen, alle 40 Punkte durchzubringen. Die große Linie muss stimmen, die Vision zählt. Wir haben jetzt die Möglichkeit und müssen den Moment ergreifen – jetzt ist die Zeit da für den Wechsel.“

Nachdem zuletzt mehrere Bewerber für die Winterspiele 2022 abgesprungen waren, brauchen die Spiele auf vielen Ebenen wieder mehr Popularität, vor allem in der westlichen Welt ist da mehr nötig als der geplante TV-Kanal. Und Bach versucht zumindest die Abkehr vom Gigantismus. So soll das Bewerberverfahren eine „neue Philosophie“ erhalten, die sich mehr an den Bedürfnissen der Bewerberstadt orientiert. Gleichzeitig spricht sich das IOC offiziell für die größtmögliche Nutzung von bereits existierenden Sportstätten aus. Außerdem dürfen Teile der Olympischen Spiele außerhalb der eigentlichen Bewerberstadt, in Ausnahmefällen sogar auch außerhalb des Landes ausgetragen werden. Das IOC will zugleich die Kosten des Bewerbungsverfahrens reduzieren. Dafür soll die Anzahl der notwendigen Präsentationen reduziert werden. Zudem übernimmt das IOC künftig auch Teile der Reisekosten. Ausrichterstädte sollen auch zwei eigene Vorschläge für zusätzliche Sportarten machen dürfen, solange damit die Obergrenzen an Teilnehmern eingehalten werden.

Um mehr Transparenz zu erreichen, sollen die Verträge mit Bewerberstädten öffentlich gemacht werden. Alle Organisationen sollen die Prinzipien der „Good Governance“ akzeptieren. Zudem sollen höhere internationale Standards für mehr Transparenz sorgen.

Und auch politisch soll eine klarere Positionierung als bisher erfolgen: So wird ein Frauenanteil von 50 Prozent angestrebt, auch durch die Schaffung von gemischten Teamwettbewerben. Und in der Regel 6 der Olympischen Charta soll explizit Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung verboten werden.

Als gäbe es einen Wettbewerb um das erste Lob, stimmte Hamburgs Sportsenator Michael Neumann (SPD) sofort Jubel an. „Thomas Bach hat Wort gehalten. Die Vorschläge zeigen, dass das IOC es mit Reformen wirklich ernst meint. Weg vom Gigantismus, hin zu Nachhaltigkeit, Kostenbewusstsein und Anpassung der Spiele an die Ausrichterstadt“, erklärte der SPD-Politiker, die Reformvorschläge „kommen dem Hamburger Bewerbungskonzept sehr entgegen“. In Berlin, das mit den Hanseaten um eine mögliche Bewerbung für die Spiele 2024 oder 2028 konkurriert, hielten sich die Verantwortlicher bedeckter. „Wenn das IOC mehr Transparenz und Flexibilität verspricht, ist das zu begrüßen. Das sind zwei zentrale Punkte, die für unsere Bewerbung enorm wichtig sind“, sagte Senatssprecher Richard Meng. Um dann einzuschränken: „Ob der Schritt ausreicht und ob das IOC noch weitere Veränderungen folgen lässt, kann ich nicht beurteilen.“

Beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), der im März 2015 seine Bewerberstadt kürt, haben sie dagegen keine Probleme mit der Deutung. „Damit werden die Spiele wieder näher an die Menschen und die Natur gebracht. Sie ermutigen uns, unsere Bemühungen um eine deutsche Olympiabewerbung mit Berlin oder Hamburg für 2024 und gegebenenfalls 2028 konsequent weiter zu gehen“, sagte DOSB-Chef Alfons Hörmann. Eine gemeinsame Bewerbung beider Städte schließt er jedoch als „nicht zielführend“ aus.

Ob das IOC tatsächlich verlorenes Vertrauen zurückgewinnen kann, muss sich im Dezember erst noch erweisen. Nicht, dass die entscheidenden Punkte da wieder weggelassen werden. Am Ende zählen Fakten, nicht Symbole.