Handball-Bundesliga

Wiedersehen auf Augenhöhe

Beim HSV Handball hat sich viel verändert, die besondere Rivalität zu den Füchsen aber bleibt

Wenn sich im Markgrafenhaus am Gendarmenmarkt im 1. Stock die Fahrstuhltür öffnet, fällt der Blick des Besuchers sofort auf die große silberne Trophäe. Bewusst ist der Pokal am Empfang platziert, dort also, wo alle Mitarbeiter der Füchse Berlin jeden Tag mehrmals vorbeikommen, markiert er doch den ersten Titelgewinn in der 123-jährigen Vereinsgeschichte. Errungen am 13. April in der Hamburger O2 World. Am Sonntag nun kehren die Berliner Handballer zurück an den Ort ihres historischen Triumphes, wenn sie in der Bundesliga den HSV Handball herausfordern (17.15 Uhr, Livestream bei sport1.de).

„Es ist für uns etwas Besonderes, in diese Halle zurückzukehren“, sagte Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning, „jeder bei uns verbindet mit dem Ort ja eine positive Erinnerung.“ Hausherr HSV hatte das Final Four dagegen nur von der Tribüne aus verfolgen können, er war bereits in der 2. Runde des Wettbewerbs gescheitert. Zu wenig für einen Verein, der wenige Monate zuvor noch die Champions League gewonnen hatte.

Aber was ist schon normal seit der vergangenen Saison bei den Hamburgern? Der HSV hatte Monate zwischen Hoffen und Bangen verlebt, immer den Absturz in Form des Zwangsabstiegs vor Augen. Nach einer erneuten Finanzspritze des damaligen Vereinspräsidenten Andreas Rudolph bekam der finanziell schwer angeschlagene Klub – die Spieler und der damalige Coach Martin Schwalb hatten im Frühjahr vergeblich auf die Zahlung ihrer Gehälter gewartet – erst in letzter Instanz noch die Lizenz für die Beletage des deutschen Handballs. Das unabhängige Schiedsgericht der Handball-Bundesliga (HBL) hatte einem Einspruch des Nordklubs gegen die Lizenzverweigerung durch die HBL-Gremien stattgegeben. Maßgeblicher Grund für die HBL-Entscheidung war der fehlende Nachweis einer gesicherten wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit gewesen.

Die überraschende nachträgliche Lizenzerteilung für den HSV war in der Liga nicht überall gut aufgenommen worden. Einige hatten die Begünstigung großer Vereine kritisiert, andere der HBL eine Blamage bescheinigt. Motto: Dem unseriösen Wirtschaften werde mit dieser Entscheidung Tür und Tor geöffnet. Auch die betroffenen Klubs hatten Kritik geübt, wie etwa HBW Balingen-Weilstetten. Als Tabellen-16. waren die Schwaben sportlich aus der Bundesliga abgestiegen, hatten nach der zweimaligen Lizenzverweigerung für den HSV jedoch wieder für die Bundesliga geplant. Nach der endgültigen Lizenz für die Hamburger hatte die HBL dann aber rasch beschlossen, die neue Bundesligasaison mit 19 Vereinen zu spielen.

Bei den Füchsen sind die Verantwortlichen rückblickend froh, dass der HSV erstklassig geblieben ist. „Hamburg gehört in die Bundesliga“, stellt Hanning unmissverständlich klar. Der Manager hat einst selbst den Nordklub mit aufgebaut. „Es wäre nicht schön gewesen, dieses Projekt zerstört zu sehen.“ Auch Füchse-Trainer Dagur Sigurdsson freut sich über den Verbleib des HSV in Liga eins. „Da ist in den letzten zehn Jahren eine gute Geschichte für den deutschen Handball geschrieben und gute Arbeit geleistet worden“, sagt der Isländer.

Die neue Spielzeit begann für die Hamburger freilich mit schmerzlichen Einschnitten. So war der zuvor auf zwölf Millionen Euro geschätzte Saisonetat auf nunmehr sechs Millonen Euro reduziert worden. Die Füchse verfügen über ein Budget von knapp über fünf Millionen Euro. Zudem verließen sechs namhafte Profis den HSV, darunter die beiden Weltklassespieler Domagoj Duvnak und Joan Canellas, die beide zum Rekordmeister THW Kiel wechselten. „Wir standen vor einem Neuanfang“, sagt Christian Gaudin. Der Franzose hatte im Sommer das Traineramt von Martin Schwalb übernommen.

Gaudin verordnete ein neues Spielsystem. Bis das greift, dauert es, und so verlief der Saisonstart denn auch eher holprig. Ebenso wie bei den Füchsen, die aufgrund der langwierigen Verletzungen ihres Regisseurs Bartlomiej Jaszka und Abwehrchef Denis Spoljaric und den daraufhin nachverpflichteten Petar Nenadic (Spielmacher) sowie Kasper Nielsen (Defensivspezialist) nicht so recht in Tritt kamen. Inzwischen sind beide Vereine auf den Erfolgsweg zurückgekehrt. Den Füchsen gelangen zuletzt vier Pflichtspielsiege in Folge, der HSV siegte gar sechs Mal in Serie, ehe er am vergangenen Sonntag in Göppingen erstmals wieder verlor. „Auf Augenhöhe“ sieht Hamburgs Geschäftsführer Christian Fitzek daher beide Teams, die in der Tabelle nur zwei Punkte trennen. „Wir fahren mit einem guten Gefühl nach Hamburg“, sagt Sigurdsson, „das wird ein sehr interessantes Spiel.“ Auch, weil beide Teams am Ende um einen internationalen Startplatz kämpfen könnten.

Die schweren Turbulenzen haben auch die Anhängerschaft des HSV beeindruckt. Dermaßen, dass im Sommer 1500 Dauerkarten weniger als im Jahr zuvor verkauft wurden. Zudem haben die Hamburger in Heimspielen gegenüber der Vorsaison zwischen 2500 und 3000 Fans pro Partie verloren. Selbst gegen den Liga-Primus Kiel war die Arena nicht ausverkauft. Das wird sie wohl auch am Sonntag nicht sein, aber immerhin kommen zum zweiten Mal in der Saison mehr als 7000 Zuschauer. „Die Füchse ziehen eben“, sagt Hanning stolz.

Im Duell der Großstädte geht es stets heiß her. „Das Torhüter-Duell wird ausschlaggebend sein“, ahnt Hanning. Konkret bedeutet das Silvio Heinevetter (Füchse) contra Johannes Bitter (HSV), die aktuelle Nummer eins im Nationalteam gegen die frühere Nummer eins. Für den Berliner geht es in der Partie auch darum zu zeigen, „ob wir den Trend nach oben beibehalten können“. Bislang fehlte es den Füchsen oft an der nötigen Kontinuität. Oder wie Hanning sagt: „Die Mannschaft hat mich noch nicht restlos überzeugt, ich weiß nicht, wie stabil wir sind. In Hamburg können die Jungs zeigen, wozu es zurzeit wirklich reicht.“ Das gilt auch für den HSV.