EM-Qualifikation

Das andere Vier-Gefühl

Nach dem Gewinn des vierten WM-Titels genügt ein 4:0 gegen Gibraltar keinem mehr. Löw sucht daher nach neuen Impulsen

Wie ein Baby hielt Jonas Hector sein Trikot – in die Armbeuge gebettet und fest an den Körper gedrückt. So streifte der 24-Jährige schüchtern durch die Interview-Zone im Bauch der Nürnberger Arena am Freitagabend und schaute immer mal wieder wie verliebt an sich herunter, als wollte er sich vergewissern, dass das Shirt auch tatsächlich da war.

Der Kölner Linksverteidiger kam in der 71. Minute der EM-Qualifikationspartie gegen Gibraltar erstmals für die deutsche A-Nationalmannschaft zum Einsatz. Unter Bundestrainer Joachim Löw ist er damit der 74. Debütant seit August 2006. Und wenn man eben noch in der Zweiten Liga spielte, dann kann das schon mal zu väterlichen Gefühlen zu einem Stück Stoff führen: „Mit all diesen Weltklasse-Spielern auflaufen zu dürfen, ist ein riesiges Gefühl“, sagte Hector. Seine ganze Familie sei im Stadion gewesen, und nun überlege er sich noch, was er mit dem Debüt-Trikot anstellen werde: „Vielleicht bekommt es mein Bruder, oder ich hänge es in die Wohnung.“

Müller kritisiert Spielansetzung

Dass Jonas Hector an diesem Abend ein glücklicher Mann war, konnte man verstehen. Wenn man sich nach dem 4:0 gegen die Amateure aus dem britischen Überseegebiet aber so umsah, fiel schnell auf, dass er auf deutscher Seite der Einzige blieb. Da war zunächst das Nürnberger Publikum, dass nach Spielende zwar nur vereinzelt, aber hörbar vor Enttäuschung in den Nachthimmel pfiff. Und da war vor allem ein Bundestrainer, der deutlich wie nie zuvor seit dem Gewinn des WM-Titels vor vier Monaten sein Team kritisierte: „Ein solches 4:0 ist mir viel zu wenig. Von meiner Mannschaft hätte ich mir weit mehr erwartet“, sagte Löw und blickte finster drein. Weltmeisterlich hätte seine Elf eigentlich auftreten sollen – irgendwie furchteinflößender wie ein Wachhund, der jeden dahergelaufenen Eindringling in Panik versetzt. Doch sie gab sich dann eher wie ein müder Schoßhund, der zwar mal kurz knurrte, was am Ende auch zum Ziel führte, aber ansonsten froh war, seine Ruhe zu haben. Keine Gala. Erst recht kein Torrekord. Nur Pflichterfüllung. Mehr nicht.

Toni Kroos fand das Ganze zwar auch nicht berauschend, aber so richtig verstehen konnte er nicht, warum ihm die Journalisten all diese kritischen Fragen stellten. Muss man als Weltmeister diesen Fußballzwerg nicht höher bezwingen? Schließlich könnte es ja sein, dass am Ende der Qualifikation für die EM 2016 in Frankreich auch das Torverhältnis in der deutschen Gruppe D entscheidet. Die Kontrahenten Polen und Irland hatten Gibraltar schließlich mit je 7:0 besiegt. Und Deutschland steht hinter beiden mit sieben Punkten nur auf Rand drei. „Ob wir nun 10:0 oder 4:0 gewinnen, ist nicht so wichtig“, sagte Kroos. „Am Ende zählen nur die drei Punkte. Die Spiele, in denen es darauf ankommt, kommen noch.“

Das ist natürlich in der Logik des Sports irgendwie richtig, aber vor dem Hintergrund des vergangenen Sommers auch vorbei an der Logik des Erfolgs interpretiert. Seit dem Triumph von Rio de Janeiro gibt es die Kategorie „Pflichterfüllung“ nämlich nicht mehr für das DFB-Team. Oder sie hat sich deutlich erweitert: Vom Weltmeister wird nunmehr ständig Weltmeisterliches erwartet. Keine Leistung wird mehr bewertet, ohne die Leistung von Brasilien als Maßstab anzulegen. Pflichterfüllung heißt nun Siegen – und bitteschön auch in aller Deutlichkeit.

Mit dem Hashtag #4gefühl garniert der DFB seit dem Gewinn des vierten WM-Titels jeden Eintrag auf Twitter. Das drückt den Stolz auf das Erreichte aus, und das hat sich der Verband ja auch verdient. Die nur vier erzielten Tore gegen Gibraltar aber legen nun auch ein anderes Vier-Gefühl frei – das der Schattenseite. Die Erwartungen an Löws Mannschaft sind mit dem Titel in neue Dimensionen vorgedrungen, und sie kann diese im Post-WM-Zeitalter noch nicht erfüllen. Gegen Argentinien im Testspiel war sie überfordert (2:4), gegen Schottland uninspiriert und glücklich, am Ende zumindest 2:1 gewonnen zu haben. Gegen Polen (0:2), Irland (1:1) und nun Gibraltar bestätigte sich der Eindruck, dass die Anstrengungen des Sommers auch eine mentale Leere hinterlassen haben. „Einige Spieler werden froh sein, wenn das WM-Jahr vorbei ist. Ich bin sicher, dass sie nach der Winterpause körperlich und geistig frischer sind“, sagte Löw. Und wie zum Beweis gab Thomas Müller zu, der immerhin fleißig zweimal traf, dass nach der Halbzeit und dem Stand von 3:0 „der Kopf einsetzte“. Darüber hinaus sei das auch so eine Sache, wenn der Gegner Gibraltar heiße und eigentlich nicht ernst zu nehmen sei: „Solche Spiele sind für uns Spieler nicht angenehm und für den Zuschauer nur bis zu einem gewissen Punkt erträglich. Deshalb frage ich mich schon, ob das sein muss“, sagte Müller.

Gladbacher Kruse enttäuscht

Auch wenn Löw wohl ähnlich denkt, ärgerte sich der 54-Jährige mehr über sein Personal: „Von einigen, die ihre Chance bekommen haben, hätte aus meiner Sicht viel mehr kommen müssen: mehr Zug zum Tor, mehr Torschüsse“, sagte er und meinte damit vor allem Stürmer Max Kruse, der nach langer Zeit mal wieder in der Startelf stand. Der Gladbacher muss sich den Vergleich gefallen lassen, dass er weniger Torschüsse verbuchen konnte (einen) als Gibraltars Mittelfeldspieler Liam Walker (zwei).

Aber eigentlich kommt die neuerliche Unzufriedenheit für den Bundestrainer gar nicht so ungelegen. Löw hat bereits vor der Partie angekündigt, dass sich im neuen Jahr „einige Dinge ändern“ müssten und er für neue Impulse sorgen werde. Nach dem enttäuschenden 4:0 darf er sich darin bestätigt sehen. Die Nationalmannschaft steht vor einem größeren Umbruch als gedacht – nicht nur personell, sondern auch mental. „Wir müssen jetzt einen Strich ziehen und uns richtig vorbereiten auf das nächste Turnier“, sagte Löw.

Zum Jahresabschluss wartet auf das DFB-Team am Dienstag in Vigo (20.45 Uhr /RTL) ein Test gegen das frühere Leitbild Spanien. Deren Trainer Vicente del Bosque riet Löw neulich, den WM-Titel schnell abzuhaken: „Siege in der Vergangenheit helfen Dir nicht, das nächste Spiel zu gewinnen“, sagte er. Und del Bosque ist nicht der schlechteste Ratgeber, hat er doch erreicht, was Löw noch vorhat: Er gewann neben dem WM- auch den EM-Titel.