Ethikkommission

Beckenbauer unter Verdacht

Es geht um Verstöße vor WM-Vergabe an Russland/Katar und eine Allianz mit Australien

In Kitzbühel sah es so aus, als sei die Fußball-Welt für Franz Beckenbauer wieder in Ordnung. Da fand im Hotel Stanglwirt das „Camp Beckenbauer“ statt, hochrangige Funktionäre und Politiker diskutierten über die „Zukunft des Sports“. Dabei wurden auch „Selfies“ ins Internet gestellt. Eines zeigte Sepp Blatter, den Fifa-Präsidenten, neben Franz Beckenbauer, dem Gastgeber, und Wolfgang Niersbach, dem Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes. Alle lächelten.

Das Bild erzählte von Versöhnung zwischen Beckenbauer und dem Herrscher über den Weltfußball. Noch drei Monate zuvor hatte es düster um ihr Verhältnis ausgesehen: Weil Beckenbauer Fragen zur WM-Vergabe nach Katar und Russland nicht beantworten wollte, sperrte die Fifa-Ethikkommission ihn für alle Fußball-Aktivitäten – Stadionverbot inklusive. Blatter unternahm nichts, um ihm zu helfen. Eine unangenehme Situation für Deutschlands Fußball-Kaiser, die mit dem „Selfie“ in Kitzbühel überwunden schien.

Nun droht Beckenbauer aber neuer Ärger. Laut „Welt am Sonntag“ weitet die Ethikkommission die Ermittlungen gegen den 69-Jährigen aus. Grund sind Ungereimtheiten vor der Abstimmung über die nächsten WM-Gastgeber im Dezember 2010 in Zürich. Beckenbauer war damals eines von 22 stimmberechtigten Mitgliedern des Exekutivkomitees, das die Turniere nach Russland (2018) und Katar (2022) vergab.

Die ermittelnde Kammer der Ethikkommission, die von dem ehemaligen New Yorker Staatsanwalt Michael Garcia angeführt wird, sieht wegen einer Reise Beckenbauers nach Katar im Oktober 2009 Erklärungsbedarf. Damals war er mit Fedor Radmann ins Emirat gereist. Radmann war Lobbyist der Australier, die sich um die WM 2022 bewarben. „Radmann hatte den Auftrag, den Emir zu überzeugen, die WM-Bewerbung fallen zu lassen“, berichtet ein Insider des australischen Bewerber-Teams. „Der Vorschlag war, dass sich das Land erst einmal um ein nicht-sportliches Großereignis bemüht.“

Radmann bat seinen Freund Beckenbauer, ihn nach Katar zu begleiten. Die Fifa-Ermittler stellen sich die Frage, ob Beckenbauer damit gegen den Ethikkodex verstieß, schließlich war er selbst stimmberechtigt. Bekanntermaßen ist Radmanns Mission fehlgeschlagen. Katar zog seinen WM-Plan unbeirrt durch, Australien bekam nur eine von 22 Stimmen – die Beckenbauers.

Dahinter soll ein Pakt zwischen dem DFB und dem australischen Verband FFA gestanden haben. Nach der WM 2006 sollen die Bosse beschlossen haben, dass Australien den Deutschen den Vorzug bei der Bewerbung um die Frauen-WM 2011 lässt, sie war dem damaligen DFB-Präsidenten Theo Zwanziger wichtig. Dafür sollte Deutschland Australien dann für die WM 2022 unterstützen. Gerät Beckenbauer nun in die Bredouille, weil er dem DFB half? Chefermittler Garcia ist Beckenbauers Motivation egal, er handelt, weil der Deutsche als Wahlmann nicht objektiv war. Erwähnen muss man zudem, dass Beckenbauer kurz nach den WM-Vergaben Werbefigur der russischen Gasindustrie wurde. Auf der Liste der Ethikkommission sollen übrigens auch Namen hoher Funktionäre aus anderen Ländern stehen.

FBI weitet Ermittlungen aus

Am Donnerstag hatte Hans-Joachim Eckert, der Richter der Ethikkommission, den 42-seitigen Abschlussbericht zur Vergabe der beiden Weltmeisterschaften veröffentlicht. Die Fifa-Spitze hatte ihn in Auftrag gegeben, um Korruptionsvorwürfe aufzuklären. Trotz zahlreicher, de facto dokumentierter Verfehlungen spricht Eckert die siegreichen Russen und Kataris von Korruptionsvorwürfen frei. Obwohl etwa das Emirat nachweislich den Kongress des afrikanischen Fußballverbandes CAF in Angola finanzierte und 1,8 Millionen US-Dollar bezahlte, um Werbung für sich machen zu dürfen.

Die Basis für die Auswertung des deutschen Richters war dabei ein rund 400-seitiger Bericht von Garcia. Beide arbeiten seit 2012 für die Fifa. Mit dem Ziel, transparenter zu werden und Betrüger besser zu bestrafen, hatte der Verband sein Rechtssystem reformiert. Garcia fiel nun aus allen Wolken, als er den Bericht seines Kollegen las, hält ihn für einen Skandal. Der Bericht sei unvollständig, voller Fehler und falscher Schlussfolgerungen. Es sind vor allem die positiven Worte Eckerts über Blatter, die so gar nicht zum Ermittlungsbericht des US-Amerikaners passen. Dieser soll den Fifa-Boss scharf kritisiert haben.

Der Streit droht zu eskalieren. Garcia geht in Berufung und fordert einen neuen Bericht. Er pocht darauf, dass sein Report komplett veröffentlicht wird. Und das FBI, bei dem Garcias Frau arbeitet und das zuletzt über die Arbeit früherer Fifa-Funktionäre als Informanten berichtete, kündigte eine Verstärkung seiner Verfolgungen an.

Nur in einem Punkt ist man sich bislang einig: Dass nach und nach Ermittlungsverfahren gegen jene Funktionäre eingeleitet werden, die im Rahmen der WM-Vergaben gegen den Ethikkodex verstoßen haben könnten. Beckenbauer ist derzeit der Einzige, der – wenn auch anonymisiert – in Eckerts Bericht erwähnt wird. Unter Punkt 6.1 kritisiert der Fifa-Richter das australische Bewerbungsteam scharf: Dieses habe „besonderen Aufwand“ betrieben, um die Unterstützung von einem „bestimmten Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees“ zu gewinnen. Die Australier hätten versucht, „gewisse wesentliche Beziehungen in diesem Kontext“ zu verschleiern. Gemeint ist das Verhältnis von Beckenbauer und Radmann.

Dass Beckenbauer sich nicht persönlich bereichert hat, steht außer Frage. „In Sachen Korruption“, sagte er schon vor Monaten, „bin ich der falsche Ansprechpartner.“ Aktuell äußert er sich auf Anfrage nicht. Aber: Alle Amtsträger sind laut Ethikkodex verpflichtet, Untersuchungen der Ethikkommission zu unterstützen. Weil er das nicht tat, wurde er während der WM in Brasilien provisorisch gesperrt – bis er kooperierte. Was damals niemand ahnte: Beendet war das Kapitel für die Ermittler damit nicht.