Saison

Ende der Schonzeit

Eisbären-Trainer Tomlinson startet mit deutlich mehr Leistungsdruck ins zweite Saisondrittel

Was er sagt, will nicht zu seinem Naturell passen. Deshalb wirkt die Präsentation vielleicht nicht ganz so überzeugend, wie sie es sein könnte. Am Ton der Thematik ändert das allerdings nichts, schließlich lassen sie sich Ergebnisse aus den vergangenen Spielen nicht einfach wegalbern. „Man spürt schon mehr Ernsthaftigkeit“, sagt Florian Busch und beschreibt damit die Gefühlswelt beim EHC Eisbären. Er selbst verliert auch bei solchen Dingen nicht sein Grinsen, Trübsal bringt ja ohnehin niemanden weiter.

Die Pause macht alle frischer

Außerdem sollte die Länderspielpause in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) alle sowieso ein bisschen ablenken von diesen vier Niederlagen in Folge zuvor. Abstand, klarer Kopf, neuer Start – alles ganz einfach. „Im Training war zu merken, dass alle frischer sind, vor allem gedanklich“, sagt Übungsleiter Jeff Tomlinson. Er hat jetzt sogar wieder mehr Spieler zur Verfügung: Busch bestritt wegen Schulterproblemen bislang erst ein Spiel, Mark Bell war zuletzt erkrankt. Fehlen nur noch vier Profis, zwei davon werden baldigst zurück erwartet. „Wir bekommen langsam ein bisschen Konkurrenz in das Team. Das ist etwas Neues für mich“, sagt der Trainer. Also kann der Angriff auf die Play-off-Plätze beginnen.

Das hört sich zunächst gut an, nur ist es nicht das Selbstverständnis der Berliner, sich als Elfter der Tabelle strecken zu müssen, um es überhaupt in die Regionen des Pre-Play-off zu schaffen. Diesbezüglich tun sich unschöne Parallelen zur Vorsaison auf, als der Klub in der November-Pause in einer ähnlichen Situation steckte. Am Ende ließ sich das nicht mehr korrigieren, das Viertelfinale fand ohne den DEL-Rekordmeister statt. Vor einem Jahr startete der EHC mit 21 Punkten in das zweite Drittel der Hauptrunde, genau wie jetzt. Diesmal wurde diese Zählerzahl mit zwei Partien weniger erreicht, aus dem Torverhältnis von -12 wurde eines von +1. „Statistisch sind wir etwas besser. Aber reicht das?“, fragt Manager Peter John Lee besorgt.

Grundsätzlich fällt die Antwort natürlich negativ aus. Doch in der Frage stecken mehrere Ebenen. Da geht es um reine Ergebnisse, aber genauso darum, ob die Arbeit gut genug war, bessere Resultate erzielen zu können. Es geht um Entwicklung. Und da sagt der Manager: „Wir sind unzufrieden, das müssen wir zugeben. Wir wollen mehr als das, wo wir sind.“ Warum es nicht zu mehr gereicht hat, ist derzeit Dauerthema bei Peter John Lee.

Vor einem Jahr wollte der Kanadier dem Trainer nichts von der Misere ankreiden, Verletzungspech und Motivationsprobleme in der Mannschaft nach drei Titeln in Folge machten dessen Wirken enorm schwierig. Tomlinson hatte daher einen überaus sicheren Posten in seinem ersten Jahr als EHC-Cheftrainer. Inzwischen verpflichtete Lee einige starke Akteure, die der Mannschaft mehr Qualität geben sollten. Immer ist die allerdings nicht zu sehen. Dafür setzte erneut eine Verletzungswelle ein, die sich leicht als Schicksal hernehmen ließe. Doch der Manager findet: „Wir haben nicht nur Pech, da gehört mehr dazu.“ Busch warf ein, dass auch „das Glück gefehlt“ habe. Das meinte Lee aber definitiv nicht.

Busch dämmerte das selbst. Zuletzt hakte das Überzahlspiel gewaltig, bei Fünf-gegen-Fünf wurden zu wenige Tore erzielt. „Wir haben an Zweikampfstärke und Körperspiel gearbeitet“, erzählte der Stürmer, „wenn sich das richtig durchsetzt, läuft vieles besser.“ Das muss es auch, denn so bequem wie in der Vorsaison wird es im zweiten Jahr kaum weitergehen für Tomlinson. „Wir stellen den Trainer nicht in Frage“, sagt Lee. Diesmal ist das jedoch nur eine Momentaufnahme. Noch eine Saison ohne Viertelfinale will sich der Klub nicht erlauben, und sollten sich Tendenzen abzeichnen, die diesem Ziel entgegenstehen, wird neu überlegt werden. Lee: „Wir denken über alles nach, die Spieler, den Trainer.“ Der November und der Dezember dürften zeigen, in welche Richtung es geht.

Strafversetzung auf die Bank

Bessere Bedingungen, das hat Tomlinson öfter gesagt, stehen ihm trotz der Ausfälle zur Verfügung. Wobei es in allerlei Situationen auf dem Eis so aussieht, als wären nicht genug Spieler im Sommer ausgetauscht worden. Das betrifft meist sensible Ausländerpositionen in Abwehr und Angriff. Spieler wir Julian Talbot oder Darin Olver sind kaum zu sehen, andere wie Jim Sharrow und Casey Borer können ihre Fehlerquote einfach nicht eindämmen. Zumindest im Powerplay müssen sich Talbot und Olver vorerst um einen Platz streiten. Status soll keine Rolle mehr spielen, wenn die Verletzten zurück sind. Wer nicht gut spielt, soll mehr Zeit auf der Bank verbringen. „Das ist das beste Mittel, um Druck auszuüben“, sagt der Trainer. Interessant wird, ob die Umsetzung tatsächlich so entschlossen erfolgt wie die Ankündigung es verspricht.

Fürs Erste hat Tomlinson seinen Spielern noch mit auf den Weg gegeben, stärker an der Scheibe werden zu müssen, auf die beliebten schwierigen Pässe zu verzichten und einfacher zu spielen, um im Aufbau nicht so oft den Puck zu verlieren. In Hamburg können sie am Freitag zeigen, ob sie dazu in der Lage sind. „Das ist ein wichtiges Spiel“, sagte Busch, „wenn wir gewinnen, ist das immer erfrischend nach der Pause.“ Um das allgemeine Wohlbefinden zu steigern beim EHC, braucht es allerdings ein paar Siege mehr.