Trauer

Berlins Radsportidol Otto Ziege mit 88 Jahren verstorben

Der kleine Mann im dunklen Anzug steht an der Innenkante der Radbahn des Berliner Velodrom. Immer wieder stellt er sich kurz auf die Fußspitzen, macht eine sparsame Handbewegung. Kaum einer im weiten Rund weiß, wie viel Autorität dahinter steckt. Otto Ziege, jahrzehntelang Sportlicher Leiter des Berliner Sechstagerennens, war der Chef auf der Bahn. Nicht gefürchtet, aber von Sternchen bis Weltstar respektiert. Was Otto sagte, war Gesetz.

In der Nacht zum Sonnabend, einen Tag nach einer ganz stillen Feier seines 65. Hochzeitstages, ist „Otto“ im Alter von 88 Jahren an Magenkrebs gestorben. Seine Frau Ingrid hatte es geahnt, ihre Trauer ist dennoch groß. Nicht nur ihre. Für Dieter Stein, seit 2009 Nachfolger des Berliner Originals als sportlicher Chef des Rundenwirbels, endet eine Epoche. „Ich hatte das Glück, ganz viel von ihm lernen zu können. Er war zusammen mit Heinz Seesing ein ganz wichtiger Initiator dafür, dass seit 1997 wieder Sechstagerennen in Berlin gefahren werden. Dass wir das mit Abstand größte Rennen in Europa austragen, dass 70.000 Leute in die Halle kommen“, so der 59-Jährige.

Die Sportwelt trauert

Auch Robert Bartko, zweimaliger Olympiasieger, viermal Weltmeister und in Berlin auf der Bahn Publikumsliebling, empfindet einen „ziemlichen Verlust“. „Herr Ziege war eine Autorität. Dabei war er aber immer ein Freund der leisen Töne, allerdings ab einem bestimmten Punkt auch ziemlich hart in Verhandlungen. Ein Kompromiss war sein Ding, aber nicht um jeden Preis. Der Berliner Radsport hat ihm extrem viel zu verdanken“, so Bartko.

Obwohl Otto Ziege nie ein Sechstagerennen gewinnen konnte, war er ein Star. Ziege war zwischen 1947 und 1956 aktiv und gehörte ab 1949 dem Profirennstall des Fahrradherstellers Dürrkopp an. Seinen größten sportlichen Erfolg feierte er 1949 mit dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft der Profis – auf der Straße.

„Es war für mich das schönste Geschenk, dass sich die große Radsportfamilie wieder im Velodrom versammeln konnte“, sagte Ziege zu seinem 80. Geburtstag bei seiner großen Feier auf dem Gelände des Tennisklubs Blau-Weiss mit einer Träne im Augenwinkel. Zieges Credo lautete: „Jeder Mensch kann Rad fahren, der eine ein bisschen schneller, der andere ein bisschen langsamer.“

Nur seine Ingrid stand über allem. In seinen letzten Stunden war sie bei ihm. „Meine Frau ist das Beste, was mir passieren konnte“, hat Otto Ziege oft gesagt. Und er war bis zuletzt stolz wie Bolle, wenn er Seite an Seite mit ihr als Ehrengast bei „seinem“ Sechstagerennen mitfiebern konnte.