Interview

„Für mich geht ein Traum in Erfüllung“

Der Berliner Daniel Siebert steigt ab 2015 zum jüngsten deutschen Fifa-Schiedsrichter auf

Früher stürmte Daniel Siebert für den FC Nordost in der Verbandsliga – ab kommendem Jahr darf er nun Spiele des Fußball-Weltverbandes Fifa leiten. Hier spricht der 30-Jährige über die neuen Anforderungen an seinen Berufsstand, Druck, den Umgang mit Fehlentscheidungen und seine Skepsis am Videobeweis.

Berliner Morgenpost:

Herr Siebert, der Deutsche Fußball-Bund hat Sie kürzlich als Fifa-Schiedsrichter nominiert – und das, obwohl Sie erst 30 Jahre alt sind. Hat Sie die Berufung überrascht?

Daniel Siebert:

Rechnen kann man mit so etwas nicht, schließlich gab es Konkurrenten, die es genauso verdient gehabt hätten. Ich wusste aber, dass ich ein Kandidat bin.

Ab kommendem Jahr sind Sie damit der jüngste der zehn deutschen Fifa-Referees.

Für mich geht damit ein Traum in Erfüllung. Schiedsrichter der Fifa zu werden, war für mich ein großes Ziel. Dass ich das nun schon mit 30 erreicht habe, freut mich besonders. Wenn es optimal läuft, könnte ich 15 Jahre auf diesem Niveau pfeifen.

Sie arbeiten als angehender Lehrer in Teilzeit an der Sportschule Hohenschönhausen. Wie viel Zeit lässt Ihnen Ihr Schiedsrichter-Dasein?

Ich habe wirklich jeden Tag mit der Schiedsrichterei zu tun. Nehmen Sie diese Woche: Von Dienstag bis Donnerstag war ich auf Reisen, weil ich am Mittwoch in der Champions League als Torrichter im Einsatz war. Dazu kommen Regenerationstraining und ein wenig Bürokratie, ehe es schon wieder zum nächsten Bundesliga-Einsatz geht.

Klingt nach einem Fulltime-Job.

Die Spieler gehen ja auch nicht nur zweimal pro Woche zum Training und spielen dann. Außerdem sind die Anforderungen in den letzten Jahren nicht gerade geringer geworden. Der Fußball wird immer schneller, die Spieler immer athletischer. Dadurch ist das Spiel auch für uns Schiedsrichter intensiver geworden.

Was zeichnet einen guten Schiri aus?

Früher waren die zwei wesentlichen Punkte: Regelkenntnis und Fitness. Heutzutage ist dies nur noch die Basis. Ich vergleiche das gerne mit den vielzitierten „deutschen Tugenden“ bei den Spielern. Kämpfen und beißen – das sind keine Alleinstellungsmerkmale mehr. Heute spielen Kommunikation und Psychologie eine große Rolle.

Wie wird man als Schiedsrichter besser?

Ab einem bestimmt Punkt hat man das Gefühl, man habe schon alles erlebt. Und dann kommt doch wieder eine Situation, die neu ist. Wir Schiedsrichter sagen uns immer: Erwarte das Unerwartete. Jedes Spiel, das man pfeift, ist Gold wert.

Trotzdem liegt selbst der beste Schiedsrichter mal daneben. Wie gehen Sie mit Fehlentscheidungen um?

Ich habe noch nie ein perfektes Spiel gepfiffen. Wenn mir ein Fehler unterläuft, dann analysiere ich die Ursachen und gestehe ihn mir ein. Für mein Gewissen ist es dann wichtig, dass ich eine optimale Vorbereitung auf die Partie hatte. Nach dem Motto: Mist, jetzt ist es passiert, aber ich kann mir nicht viel vorwerfen.

Wie bereiten Sie sich auf Ihre Einsätze vor?

Das geht schon mit der Nachbereitung los. Wenn ich gepfiffen habe, bekomme ich danach eine DVD in die Hand, damit ich die Partie auswerten kann. Da geht es um einzelne Entscheidungen, aber auch um Körpersprache. Ich schaue mir meine Handhaltung, Mimik und Gestik an und überprüfe, wie die Dinge, die ich gesagt und entschieden habe, auf die Spieler wirken.

Viele Fußballer haben Glücksbringer oder Rituale. Sie auch?

Einen Talisman habe ich nicht. Aber: Ich achte auf einen immer gleichen Ablauf. Ankunft, Stadionrunde, Gespräch mit dem Beobachter, Warmmachen – jeder Punkt ist immer an derselben Stelle. Das gibt mir Sicherheit.

Wenn Sie falsch entscheiden, ziehen Sie die Wut eines ganzen Stadions auf sich. Wie groß ist der Druck, unter dem Sie stehen?

Das kann man Menschen, die nicht selbst in dieser Situation waren, wahrscheinlich gar nicht richtig beschreiben. Für mich ist das aber ein normaler Druck. Man ist angespannt und weiß, was einen erwartet, wenn man Fehler macht. Ich empfinde das nicht als Überforderung.

Auf dem Rasen stehen Ihnen neue Hilfsmittel zur Verfügung, Stichwort Freistoßspray. Eine nette Spielerei, oder?

Das Spray liefert schon einen Mehrwert. Allerdings gibt es nur wenige Situationen, in denen ein Einsatz wirklich Sinn macht. Bei Freistößen in Tornähe liegt es in der Natur der Sache, dass die verteidigende Mannschaft versucht, dem Schützen das Leben so schwer wie möglich zu machen. Ein paar Zentimeter vortrippeln – schon ist der Winkel deutlich ungünstiger. Die gesprühte Linie stellt auf jeden Fall eine höhere Hemmschwelle dar.

Wie sehr sehnen Sie sich nach der Einführung der Torlinientechnologie?

Es ist nicht so, dass ich zu Hause sitze und dafür bete (lacht). Wir bekommen die Spiele ja auch so insgesamt gut geregelt. Andererseits freuen wir uns natürlich über jede Erleichterung. Und wenn die Technik mit hundertprozentiger Zuverlässigkeit funktioniert, wäre sie sicher eine super Hilfe.

Ein Videobeweis dürfte Ihre Arbeit ebenfalls erleichtern.

Ich bin da skeptisch. Die Frage ist, wo das hinführt. Mir hat bislang noch niemand erklärt, wie die Umsetzung funktionieren soll. Wie oft darf man den Videobeweis einsetzen? In welchen Situationen? Auch für einen simplen Einwurf an der Mittellinie, aus dem später ein Tor entsteht? Was passiert, wenn das Spiel erst mal weiterläuft?

Herr Siebert, welches war Ihr bislang schwierigstes Spiel?

1. FC Nürnberg gegen Eintracht Braunschweig in der vergangenen Saison. Das war Abstiegskampf pur. Ich musste früh einen Platzverweis gegen das Heimteam Nürnberg verhängen. Dazu kamen drei Elfmeter.

Und, lagen Sie richtig?

Die Entscheidungen wurden alle als korrekt erachtet. Das hat mir einen Schub gegeben. In dem Spiel hätte man viel falsch machen können.

Die Partie ist trotzdem in die Bundesliga-Geschichte eingegangen.

Richtig. Aber daran, dass alle drei Elfmeter verschossen wurden, hatte ich ja Gott sei Dank keinen Anteil.