Federation-Cup

Die größte Chance ihres Lebens

Tennis-Frauen können im Fed-Cup-Finale gegen Tschechien Historisches erreichen

Angelique Kerber bevorzugt die leisen Töne. Die deutsche Nummer eins ist eher introvertiert und bescheiden. Bestimmte Umstände am Wochenende könnten allerdings das Partytier in „Angie“ wecken. „Wenn wir wirklich gewinnen sollten, dann lassen wir es so richtig krachen“, kündigt die 26-jährige vor dem Fed-Cup-Finale am Sonnabend und Sonntag gegen Gastgeber Tschechien in Prag an (jeweils 13 Uhr, SAT.1).

Eine Herausforderung würde es diesbezüglich sein, die denkwürdige Schlafanzug-Fete zu übertreffen. Nach dem Halbfinal-Erfolg in Australien (3:1) im April hatten die Spielerinnen um Kerber, Andrea Petkovic (Darmstadt) & Co. die gesamte Strecke von 16.109 Kilometern im Pyjama-Outfit zurückgelegt. „Aber ich verspreche, dass wir auch das toppen werden, wenn alles gut läuft“, sagt die Kielerin. Und: „Wir wollen den Pott nach Hause holen. Das wäre der Wahnsinn, ein Highlight meiner Karriere.“

Doch Kerber ist Realistin genug, um zu wissen, dass es bis zum Gipfel der Gefühle noch ein weiter Weg ist. Und der Wimbledon-Halbfinalistin von 2012 kommt dabei vielleicht die entscheidende Bedeutung zu. Ein Umstand, der ihr Respekt, aber längst keine Angst mehr einflößt. „Ich fühle mich mittlerweile wohl in der Rolle, die Nummer eins zu sein und das Team anzuführen“, so Kerber. Bester Beweis: In dieser Fed-Cup-Saison ist sie noch unbesiegt (4:0 Siege).

Auch Teamchefin Barbara Rittner macht die Entwicklung auf und abseits des Platzes Freude. „Wenn sich Angie im Kreis der Mannschaft wohlfühlt, dann geht sie richtig auf, und dann übernimmt sie inzwischen auch bereitwillig eine Hauptrolle“, erklärt Rittner. Und das macht Kerber auf eine ihr typische Weise: „Für alle sichtbar, aber trotzdem leise“, sagt Rittner.

Damit ist Kerber die ideale Ergänzung zur extrovertierten Petkovic, mit der sie eng befreundet ist. Die lebhafte Hessin hatte die stille Norddeutsche einst sogar davon abgehalten, die Karriere nach einer Niederlagenserie vorzeitig zu beenden. Kerber wird Petkovic allein deshalb auf ewig dankbar sein. Zwischen das kongeniale Duo passt auch in den Tagen von Prag kein Blatt Papier. „Angie ist eine ganz liebe Person. Ich bewundere sie für ihre Disziplin und ihren Kampfgeist“, sagt Petkovic über die Nummer zehn des WTA-Rankings.

Rittner auf Beckenbauers Spuren

Seit knapp drei Jahren steht Kerber nun schon in den Top 10 und beweist die Konstanz, die beispielsweise einer Sabine Lisicki (Berlin) fehlt. Beim WTA-Finale in Singapur vor zwei Wochen blieb der Kielerin nach zwei Teilnahmen zwar diesmal nur die Rolle als Ersatzspielerin. Doch Kerber lässt sich von Rückschlägen längst nicht mehr so schnell entmutigen wie früher. „Nächstes Jahr will ich dort wieder dabei sein“, sagt sie kämpferisch. Nach vier Finalniederlagen 2014, die sie wurmen, glaubt sie dennoch, „dass die beste Phase noch vor mir liegt“.

Mit dem Fed Cup könnte sie beginnen, es wäre die erste Trophäe seit 22 Jahren. Auch für Teamchefin Rittner ist es ein besonderes Wochenende, die 41-Jährige trägt seit 2005 die Verantwortung. Trotz jahrelangem Pendeln zwischen Weltgruppe und Zweitklassigkeit verlor sie nie die Geduld und den Glauben an das Team. Sie redete Spielerinnen stark, wenn sie mies spielten. Sie knöpfte sich Spielerinnen vor, wenn sie zickten, stänkerten oder Allüren zeigten. Und vor allem: Die Netzwerkerin mit besten Kontakten zu Politik, Wirtschaft und Medien weiß genau, wem sie was erzählen kann und will oder wann sie sich äußert.

„Sie hat wirklich ein ganz tolles Team um sich geschart, in dem eine tolle Atmosphäre entstanden ist“, sagt Steffi Graf. Seit Jahren tauschen sich die beiden früheren Fed-Cup-Kolleginnen regelmäßig aus. Sie telefonieren viel und reden auch über einzelne Spielerinnen. Rittners Bedeutung als Moderatorin und Mahnerin ist nicht hoch genug einzuschätzen. Sie hat talentierte Einzelspielerinnen um sich, aus denen sie ein Team gemacht hat. „Ich habe den Vorteil, dass ich alle Mädels seit deren Jugend kenne“, sagt sie.

Klaus Hofsäss, der Teamchef bei den beiden deutschen Erfolgen von 1987 und 1992, traut Rittner, die 1992 dabei war, und ihrer Truppe viel zu in Prag: „Die Zeit ist reif für den Titel, es passt gerade alles richtig gut zusammen.“ Wenn er über den möglichen neuen Spitznamen Rittners nachdenkt, schmunzelt der 65-Jährige: „Aus Barbara Rittner wird dann Barbara Beckenbauer.“ Der Fußball-Kaiser hatte als Spieler und Trainer die WM gewonnen. Jetzt will sich Rittner 22 Jahre nach ihrem Sieg als Profi in Prag zur Tennis-Kaiserin krönen. Dazu muss sich ihr Team um Angelique Kerber aber unter anderen gegen Wimbledonsiegerin Petra Kvitova durchsetzen.