Pleite

Wer wir sein wollen

Nach zehn Saisonspielen steckt Hertha in einer Identitäts- und Vertrauenskrise. Eine Bilanz

Da war plötzlich dieser kurze Lacher. Kaum hör-, aber sichtbar. Jos Luhukay entglitt er, als ihm am Morgen nach dem erschreckenden Auftritt gegen Paderborn die Frage gestellt wurde, ob sich seine Mannschaft in einer Krise befinde. Weglächeln wollte Herthas Trainer sie nicht. Aber das Wort „Krise“ nahm er ebenso wenig in den Mund – auch nicht nach der zweiten Pleite innerhalb von sechs Tagen in diesem widerspenstigen Ostwestfalen, in dem die Berliner erst gegen den Drittligisten Bielefeld aus dem Pokal flogen und sich beim 1:3 vom Aufsteiger Paderborn düpieren ließen. Er sei von seinem Team tief enttäuscht, sagte Luhukay und: „Wir sind wieder auf dem Boden der Tatsachen angekommen.“

Die Frage nach der Krise wurde bei Hertha ja schon früh in dieser Spielzeit gestellt, weil der mit namhaften Profis verstärkte Klub zu Saisonbeginn vier Mal ohne Sieg blieb. Luhukay forderte Geduld und bot an, nach zehn Spieltagen eine Zwischenbilanz zu ziehen. Nun sind diese gespielt, und der 51-Jährige ist ernüchtert: „Ich hätte mir mehr Punkte erwartet. Aber mehr haben wir bisher auch nicht verdient.“ Mit elf Zählern und Tabellenplatz 13 stecken die Blau-Weißen zwar vorerst noch nicht in einer echten, existenzbedrohenden Krise, sehr wohl aber in einer Identitäts- und Vertrauenskrise. Das lässt sich an vier Punkten erläutern.

Fehlende Stabilität

Wer wollen wir sein? Diese Frage hatten sich Luhukay und Herthas Vereinsführung um Präsident Werner Gegenbauer und Manager Michael Preetz im Sommer eindeutig beantwortet: Ein ganz normaler Bundesligaklub, der fernab von allen Abstiegssorgen durch die Saison navigiert, der der zuletzt leidgeprüften Anhängerschaft keine größeren Ausschläge nach unten zumutet und – wenn möglich – ein paar schöne Träumereien ermöglicht. Aber aus diesem nervenschonenden Reisetempo wurde bisher nichts. Hertha stotterte durch die ersten zehn Spiele, gab mal Gas – gegen Wolfsburg und den HSV – wie ein heimlicher Europapokal-Anwärter und bremste sich selbst aus – gegen Augsburg, Freiburg, Paderborn – wie ein ängstlicher Abstiegskandidat. „Wir müssen unbedingt Kontinuität und Stabilität reinbekommen. Dann können wir uns langsam nach oben arbeiten. Gelingt uns das nicht, müssen wir uns nach unten orientieren“, sagte Kapitän Fabian Lustenberger.

Besonders manifestiert sich diese Wankelmütigkeit in der Diskrepanz zwischen Heim- und Auswärtsspielen. Während Hertha im eigenen Stadion drei von fünf Spielen gewann und bis auf das 1:3 gegen Mainz meistens ansehnlichen Fußball zeigte, verloren die Blau-Weißen vier von fünf Partien in der Fremde und sind mit nur einem glücklich errungenen Punkt das schlechteste Auswärtsteam der Liga.

Defensive Schwächen

Worauf können wir aufbauen? Bei dieser Frage war die Antwort im Sommer leicht: die gute Defensive. In der zurückliegenden Saison geriet Hertha trotz einer schwachen Rückrunde deshalb nie in echte Abstiegsgefahr, weil man als Aufsteiger eine der stärksten Defensiven unterhielt. Nur zwei Teams ließen weniger Torschüsse zu, nur sechs weniger Gegentreffer. Aber von diesem Fundament ist kaum noch etwas übrig. Mit schon 19 Gegentoren stellen die Berliner in den ersten zehn Spielen die drittschwächste Abwehr der Liga. Nur Stuttgart (23) und Bremen (24) kassierten mehr Tore. Ein Grund dafür ist das Fehlen des langzeitverletzten Sebastian Langkamp, der von John Heitinga oder John Brooks bisher nicht adäquat ersetzt wurde. Gewichtiger aber ist die erschreckende Zweikampfquote: Mit durchschnittlich nur 46,5 Prozent gewonnener Duelle steht Hertha in dieser Kategorie auf dem letzten Platz aller Bundesligisten. „Solange wir das nicht verbessern, werden wir immer wieder ein Auf und Ab in unseren Spielen haben“, sagte Luhukay.

Strauchelnde Führungsspieler

Wer führt uns? Diese Frage war eine, die sich im Sommer zunächst gar nicht stellte für Hertha. Hatte Fabian Lustenberger doch – obwohl kein großer Lautsprecher – mit starken Leistungen in der Hinserie der vergangenen Saison dem Team eine Schulter geboten, an der es sich aufrichten konnte. Doch dann zog sich der Schweizer in der Saisonvorbereitung erneut eine Muskelverletzung zu, die ihn schon die komplette Rückrunde gekostet hatte und kehrte erst am 2. Spieltag gegen Leverkusen zurück. Seither ist der 26-Jährige auf der Suche nach seiner Form und kann nicht der Stabilisator sein, der er war. Doch wer kann diese Führungsrolle dann übernehmen? „Das wird sich erst in den kommenden zwei Monaten zeigen“, sagte Luhukay am Montag, was ja letztlich soviel heißt wie: Ich weiß es nicht. Derzeit bietet sich keiner an.

Denn ebenso wie Lustenberger hat Heitinga, den Hertha auch aufgrund seiner Führungsqualitäten verpflichtet hat, noch viel zu sehr mit den Schwankungen seiner eigenen Leistung zutun. Aber die eigene Stabilität sei nun einmal die Hauptvoraussetzung für einen Führungsspieler, sagte Luhukay. „Er muss Gewinnermentalität ausstrahlt und die anderen mit seiner Leistung stimulieren, wenn es nicht so läuft.“ Doch außer Torwart Thomas Kraft kann das derzeit keiner der Hertha-Profis von sich behaupten, und Krafts Arbeitsbereich liegt diesbezüglich strategisch ungünstig. Salomon Kalou hat die Qualität, aber nicht unbedingt die Mentalität dafür. Und für Valentin Stocker, dem sie intern bei Hertha Führungsstärke zutrauen, gilt Gleiches wie für Lustenberger und Heitinga.

Skeptische Anhänger

Wie werden wir gesehen? Darauf hat Hertha gerade eine harte Antwort erhalten, als ihnen der eigenen Anhang in Paderborn ein „VERSAGER“-Plakat entgegen hielt. Das galt eigentlich für die Blamage im Pokal und wurde nach der Pleite gegen den SCP umfunktioniert. Aber es verdeutlicht auch, dass aufgrund der schwankenden Leistungen bisher kein echtes Vertrauensverhältnis zwischen Mannschaft und Fans entstanden ist, obwohl im Sommer aufgrund der namhaften Zugänge große Euphorie herrschte.

Die Berliner Anhänger reagieren nach den Erfahrungen der jüngeren Vergangenheit extrem sensibel auf Leistungseinbrüche. Hier und in den drei Punkten Stabilität, Defensive und Führungsstärke muss Hertha zügig nachbessern, um das zu werden, was man sein will.