Formel 1

Hamilton versetzt Rosberg den nächsten Nackenschlag

Brite gewinnt den Großen Preis der USA und fährt mit 24 Punkten Vorsprung zum vorletzten WM-Rennen nach Sao Paulo

Auf dem Siegerpodest trennten sie nur wenige Zentimeter. Dennoch hätten die Mienen von Nico Rosberg und Lewis Hamilton unterschiedlicher kaum sein können, als nach dem Großen Preis der USA die Pokale verteilt wurden. Der Brite machte Freudensprünge wie ein Kind an Weihnachten und bespritzte jeden mit Champagner, der sich nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht hatte. Rosberg hingegen starrte niedergeschlagen in den bewölkten Himmel über Austin, er wirkte inmitten des farbenfrohen Tumults regelrecht abwesend. Für ihn bedeutete Rang zwei den vielleicht entscheidenden Nackenschlag im Kampf um die Formel-1-Krone.

Für Rosberg hatte das drittletzte Rennen der Saison etwas von einem Finale. Viermal hintereinander hatte er seinem Mercedes-Kollegen zuletzt gratulieren müssen, aus einem 29-Punkte-Vorsprung war binnen zweier Monate ein 17-Zähler-Rückstand geworden. „Wenn er ihn heute nicht besiegt, wird es schwierig für ihn “, meinte Niki Lauda, der Chefaufseher der Silberpfeile, vor dem Rennen: „Er ist voll motiviert.“ Doch Motivation allein reichte nicht.

Entscheidung in Runde 24

Von der Poleposition aus war der Wiesbadener als Führender durch die ersten Kurven geprescht. Aber wie schon in Monza und Suzuka, als sich der 29-Jährige mit Flüchtigkeitsfehlern um den Sieg gebracht hatte, kollabierte er auch am Sonntag unter dem Druck seines Teamkollegen. Rundenlang lieferten sich beide eine Hetzjagd wie lange nicht mehr. Abwechselnd trieben sie sich zu Rundenrekorden, der Abstand zwischen ihren Silberpfeilen betrug nur selten mehr als zwei Sekunden. Und obwohl Rosberg als Führender den Zeitpunkt des Reifenwechsels bestimmen durfte, so will es die interne Mercedes-Strategie, fiel die Entscheidung zu seinen Ungunsten kurz nach dem Boxenstopp. Nach zwei Garagenbesuchen mit fast identischer Standzeit presste sich Hamilton in Runde 24 mit einem riskanten Manöver am Ende der Start-Ziel-Gerade an Rosberg vorbei. Als WM-Spitzenreiter konnte er billigend das Risiko einer neuerlichen Mercedes-Kollision in Kauf nehmen; der Deutsche zog im letzten Augenblick zurück.

Der britische Wahl-Monegasse Hamilton, der mit seiner Freundin Nicole Scherzinger viel Zeit in den USA verbringt und das einzige Rennen in den Staaten mehrfach zu seinem heimlichen Lieblings-Grand-Prix erklärt hatte, wirkte danach wie befreit. Ihm gelang, was Rosberg zuvor nicht geschafft hatte: Er distanzierte seinen Teamkollegen so weit, dass der keine Chance zur Attacke mehr bekam. Mit nun 24 Zählern Rückstand kann der Deutsche, der ungeachtet der schlechteren Ausgangsposition im WM-Klassement auf dieselbe Strategie wie Hamilton gesetzt hatte, nicht mehr aus eigener Kraft den herbeigesehnten ersten WM-Titel gewinnen – trotz der erstmals vergebenen doppelten Punktzahl beim Schluss-Grand-Prix.

Wie so oft wurden die spannendsten Duelle hinter dem weit enteilten Silberpfeil-Duo ausgetragen. Fernando Alonso, Daniel Ricciardo, Valtteri Bottas und Felipe Massa rangelten um den verbleibenden Podestplatz. Am Ende hatte Ricciardo das bessere Ende für sich und festigte auch im Gesamtklassement seine Position als erster Verfolger der Mercedes-Piloten. Trotzdem hat der Australier jetzt auch rechnerisch keine Chance mehr auf den Gewinn der WM-Krone. Was seit Wochen absehbar war, ist seit Sonntagabend offiziell: Ein Mercedes-Pilot wird auf jeden Fall, aber erst am 23. November in Abu Dhabi, Weltmeister. Denn Rosbergs Rückstand könnte bis dahin maximal 49 Punkte betragen.

Doch auf dem Titel wird ein kleiner Schatten liegen. Erstmals seit 2005 waren in Austin nur 18 Autos am Start, die Formel 1 steckt in einer schweren Finanzkrise. Marussia und Caterham, die beiden Teams der Hinterherfahrer, hatten aus Geldmangel auf die Reise nach Texas und zum Großen Preis von Brasilien am nächsten Sonntag verzichtet, die Konten von Rennställen wie Sauber und Lotus sollen kaum besser gefüllt sein. Die Rede ist gar von einem Boykott der überschuldeten Crews, die eine Neuordnung des Prämiensystems fordern. Chef-Promoter Bernie Ecclestone signalisierte an diesem Wochenende erstmals Gesprächsbereitschaft, räumte jedoch ein: „Ich weiß, was schief läuft. Aber ich weiß nicht, wie ich es stoppen soll.“ Um das Problem zu lösen, erwägen die Branchenriesen Ferrari, Red Bull und Mercedes unter anderem, in der kommenden Saison drei Autos an den Start zu schicken. Bis es so weit ist, bleibt das Feld ausgedünnt; und davon profitierte am Sonntag vor allem der Vierfach-Weltmeister Sebastian Vettel.

Der entthronte Weltmeister musste nach einem Wechsel der Antriebseinheit aus der Boxengasse starten. Doch trotz einer frühen Safety-Car-Phase nach einer Kollision von Sergio Perez und Adrian Sutil brauchte der Vierfach-Champion fast das halbe Rennen, um sich nach vorn in die Punkteränge zu kämpfen. Mehr als Rang sieben war für den Hessen auf der drittletzten Station seiner Abschiedstournee von Red Bull nicht mehr drin. Der Titelverteidiger blieb damit auf dem fünften Platz der Fahrerwertung. Vettels heiß diskutierter Wechsel ins Ferrari-Team ist übrigens immer noch nicht offiziell. Nach wie vor gibt es offenbar Unklarheiten über einige Punkte in den umfangreichen Fahrerverträgen.