Niederlagen

Ratlos im Tabellenkeller

Borussia Dortmund setzt sich in der Abstiegszone fest. Treuebekenntnis von BVB-Chef Watzke zu Trainer Klopp

Es sind emotional wohl die schlimmsten Momente in der Karriere des Jürgen Klopp. Das Spiel ist gerade vorbei, der Dortmund Trainer geht auf den Platz, will seine Spieler trösten, als ihm Robert Lewandowski über den Weg läuft. Es kommt zu einer spontanen Umarmung, und es wirkt so, als ob der ehemalige Stürmer des BVB seinen ehemaligen Coach tröstet. Den Soundtrack für die rührselige Szene liefern die Fans des FC Bayern, die ihren früheren Rivalen in Sprechchören verhöhnen. „Dortmunder Absteiger“, hallt es durch die Arena.

Nach dem 1:2 (1:0) beim FC Bayern steht Klopp gefühlt vor dem Scherbenhaufen seiner Arbeit. Es war die fünfte Bundesliga-Niederlage in Folge, die die einst stolzen Borussen auf einen Abstiegsplatz katapultiert. Der schlechteste Saisonstart in der Vereinsgeschichte ist perfekt. Alle Dortmunder rätseln, wie es so weit kommen konnte.

Neben vielen Problemen ist dies vielleicht das größte: Niemand kann sich die Dramatik des Absturzes so recht erklären. Auch Klopp nicht. „Die Niederlage tut weh, die Häufigkeit der Niederlagen noch mehr“, sagte er und wirkte dabei, wie schon häufiger in den vergangenen Wochen, extrem niedergeschlagen. Erneut konnte seine Mannschaft sein Konzept nicht richtig umsetzen, zumindest nicht über 90 Minuten. Eine Halbzeit lang hatten die Dortmunder die Bayern im Griff gehabt – so gut es eben ging.

Oft Probleme in der 2. Halbzeit

Das auf Pressing und Gegenpressing basierende Konzept schien aufzugehen. Klopp hatte eine gute Idee gehabt, ließ Xabi Alonso, den Taktgeber des Gegners, durch Shinji Kagawa in Manndeckung nehmen. Klopp hatte sein Team das spielen lassen, was es am besten kann: Konterfußball.

„Es war Teil des Plans, dass wir im Zentrum auf Xabi Alsonso draufgehen, damit er das Spiel nicht verlagern kann. Wir haben das sehr variable und flexible Aufbauspiel der Bayern gut verteidigt“, konstatierte Klopp. Seine Mannschaft hatte sich in einer 4-3-3-Ausrichtung sicher gefühlt, die Münchener wurden früh unter Druck gesetzt und zu ungewöhnlich vielen langen Bällen gezwungen. Der BVB war im Spiel und ging durch einen mustergültigen Dortmunder Angriff in Führung: Ballverlust der Bayern – Pierre-Emerick Aubameyang sprintete und flankte in die Mitte, und Marco Reus köpfte zum 1:0 ein.

Die Frage, die zu beantworten ist: Was passierte in der zweiten Halbzeit? Warum konnte ein bis dahin erfolgreiches Konzept nicht weiterhin umgesetzt werden? „Darüber müssen wir reden“, kündigte Klopp an. Die Statistik belegt, dass eine Vielzahl der Probleme, die die Dortmunder in laufenden Saison haben, oft erst nach Wiederanpfiff zu Tage treten. Würden in die Bundesligatabelle nur die Daten der ersten Halbzeit einfließen, stünde der BVB auf Rang fünf. Die Dämme brechen nach der Pause. Würden nur die zweiten Hälfte berücksichtigt, wären Dortmund Tabellenletzter.

Die Merkmale des Niedergangs in München ließen sich erneut an einem klaren Leistungsabfall festmachen. „Wir haben keinen Zugriff mehr bekommen, mussten dann wechseln und haben umgestellt“, erklärte Klopp die Dramaturgie: Zunächst kam Neven Subotic für den verletzten Mats Hummels – die Abwehr verlor ihren Kopf und die Mannschaft die entscheidende Figur für den Spielaufbau. Klopp änderte das System hin zu einem 4-4-2 mit einer flachen Vier im Mittelfeld – doch die Sicherheit der Mannschaft war trotzdem dahin. „Wir hatten das Problem, dass wir viel zu wenig Fußball gespielt haben“, analysierte Klopp: „Wir mussten lange Bälle schlagen, waren dann aber zu passiv beim Herausrücken. Die Bayern haben sich oft den zweiten Ball geschnappt, der Druck wurde zu groß.“ Spätestens als Kagawa dann in der 71. Minute entkräftet ausgewechselt werden muste, gab es gar keine Entlastung mehr.

Es fehlt derzeit an der Robustheit, um das eigene Spiel über 90 Minuten durchzuziehen: Wichtige Spieler wie Ilkay Gündogan oder Nuri Sahin sind entweder noch nicht in Form oder verletzt. Wenn dann auch noch Hummels ausfällt – nach seiner Fußverletzung vom Sonnabend droht eine dreiwöchige Pause – wird es eng.

„Es ist hart, es ist brutal. Was bei uns passiert, ist alles andere gut, wir haben viele Baustellen“, sagte Klopp, dem momentan auch das Glück bei seinen Maßnahmen fehlt, um der Mannschaft mit positiven Impulsen von außen zu helfen: Seine Systemumstellung zur Pause, mit der er glaubte, auf den Ausfall von Hummels reagieren zu müssen, spielte den Bayern letztendlich in die Karten. „Wir sind nicht durch Zufall oder böse Mächte dahin gekommen, wo wir stehen. Es gibt viele Erklärungen, aber wir müssen die Situation annehmen“, sagte Hans-Joachim Watzke. Der Vorsitzende der Geschäftsführung, der Klopp 2008 geholt hatte, bestätigte Sonntag, dass er weiter aus voller Überzeugung zum Trainer steht. „Dieser Verein hat unter Klopp grandiose Jahre gehabt, viel zusammen gefeiert. Ich habe immer gesagt: Es wird irgendwann einen Rückschlag geben. Und dass sich die wahre Stärke von Borussia Dortmund dann zeigen wird.“ Die Krise ist mittlerweile da, doch Watzke ist überzeugt, dass Klopp sie lösen wird. Dazu wäre er sogar bereit, ein Verpassen der Saisonziele in Kauf zu nehmen. „Es macht derzeit überhaupt keinen Sinn, über die Champions League zu reden“, erklärte Watzke. Wirtschaftlich würde dies die Dortmunder nicht umhauen, wenn es auch die Personalplanungen extrem erschweren würde.

Harter Kampf um Reus

Denn die Perspektiven, um Leistungsträger langfristig zu binden, würden sich massiv verschlechtern. „Dann würde es deutlich schwerer werden, Marco Reus zu halten. Das muss ich zugeben“, sagte Geschäftsführer Watzke, der weiter darauf hofft, dem vom FC Bayern umworbenen Mittelfeldspieler durch eine deutliche Gehaltsaufstockung die Ausstiegsklausel in seinem Vertrag „abkaufen“ zu können. Im Sommer 2015 könnte Reus für eine festgeschriebene Ablösesumme von 25 Millionen Euro wechseln. Die Dortmunder versuchen alles, um Reus zum Bleiben zu bewegen – möglicherweise auch mit Hilfe ihres Ausrüsters Puma, der als strategischer Investor beim BVB und persönlicher Werbepartner von Reus fungiert.

So war es auch eine Frage zu Reus, die den BVB-Trainer aus der Fassung brachte. „Das ist jetzt Ihrer fehlenden Sensibilität geschuldet, dass es Ihnen eigentlich völlig wurscht ist, wie es Ihrem Gegenüber geht“, sagte Klopp.