Interview

„Die Rolle des Jägers passt besser zu Alba“

Zum 25-jährigen Jubiläum spricht Geschäftsführer Marco Baldi über den schwierigen Anfang und die Philosophie des Basketball-Klubs

Am Montag wird gefeiert: Aus Anlass des 25-jährigen Jubiläums des Alba Berlin Basketballteams hat der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit zu einem Empfang in den Großen Saal des Roten Rathauses geladen. Fast die ganze Zeit über bis heute war und ist Marco Baldi, 52, Geschäftsführer des Klubs, der am Sonntag in der Bundesliga in Trier antritt. Im Interview erinnert sich der ehemalige Basketball-Profi an offene Rechnungen, spricht über die Faszination Alba sowie Persönlichkeiten, die den Klub geprägt haben.

Berliner Morgenpost:

Herr Baldi, erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Arbeitstag für Alba Berlin, an den 1. Mai 1990?

Marco Baldi:

Ich ging zu unserem damaligen Präsidenten Herbert Brüggenkamp ins Büro. Ich habe ihn nach Unterlagen gefragt, nach der Struktur des Vereins. So nach dem Motto: Wo ist denn das alles? Die Antwort lautete: Hier ist eigentlich gar nichts! Es gab nur ein paar Blättersammlungen, den berühmten Adidas-Schuhkarton, wo ich irgendwelche Rechnungen finden konnte, vor allem offene. Geld habe ich leider keines gefunden. Auch keine Verträge – es gab nur einen Spielervertrag damals. Und keinen Sponsorenvertrag. Es war eigentlich ein Himmelfahrtskommando.

Wenn kein Geld da war: Was haben Sie verdient? Wovon haben Sie gelebt?

Ich hatte natürlich auch einen Vertrag, aber das hat alles nicht so hingehauen. Ich habe erst mal bei meinem ehemaligen Mitspieler Mattsi Strauss gewohnt, der immer noch im Team war. Aus dem „erst mal“ wurde über ein Jahr. Ein Auto hatte ich zum Glück aus Stuttgart mitgebracht. Und Geld? Die Auffassung bestand, dass ich dafür geholt worden sei, Geld für den Verein zu beschaffen, damit auch der Manager bezahlt werden konnte. Der war ich. Aber in meiner Prioritätenliste standen da noch viele andere vor mir, vor allem die Trainer und Spieler, damit wir überhaupt eine Bundesligasaison absolvieren konnten. Da blieb dann leider am Ende für mich nichts mehr übrig. Im September wurde langsam auch mein Geld knapp. Zum Glück gab es dieses Backkombinat im Osten.

Welches Backkombinat?

Ich hatte einen Tipp bekommen, dass es im Osten ein Backkombinat gebe, gerade von der Treuhand übernommen, die bräuchten Beratung. Da bin ich dreimal die Woche morgens um 5 Uhr nach Lichtenberg gefahren, bis neun, halb zehn da gewesen, habe in großen Gesprächsrunden versucht, meine Expertise einzubringen. Um zehn war ich wieder im Westen und habe versucht, Basketball in die Gänge zu kriegen. Ich kann mich echt nicht an eine Zeit in meinem Leben erinnern, wo ich weniger geschlafen habe. Trotzdem war da eine Aufbruchstimmung, und ich hatte Glück, dass ich nicht allein war. Da gab es Peter Schließer (Anm. d. Red.: wurde später Vizepräsident), Gerd-Ulrich Schmidt (Teamarzt) relativ bald auch Dieter Hauert (wurde später Präsident).

Dafür haben Sie in Stuttgart einen sicheren Job als Betriebswirt aufgegeben. Warum?

Ich hatte nie eine Karriereplanung. Der Job war in der High-Tech-Branche, wo ich null Ahnung hatte. Ich war dankbar für die Chance. Es gab Budget, Personal, ich konnte alles selbst gestalten. Nur: Es war nicht meine Branche, meine Leidenschaft. Das war Basketball. Dazu ging mir Berlin nie aus dem Kopf. Alte Freunde, der Mauerfall, ich hatte richtig Hummeln im Hintern und habe die erstbeste Gelegenheit genutzt, nach Berlin zu kommen. Dann kam das Angebot, das war dann meine Traumkombination, mit Berlin und Sport.

Was haben Sie sich vorgestellt, was aus Alba mal werden könnte, als Sie begonnen haben?

Es gab ja schon eine kleine Historie. 1981 war der DTV Charlottenburg, der Vorgängerverein, aufgestiegen, ich war dann selbst zwei Jahre als Spieler dabei. Der Plan war, dass man Basketball in Berlin größer macht. Ohne über Kennziffern nachzudenken, in Zuschauer oder Etatzahlen. Ziel war: Daran glaube ich, das bringen wir voran. Es gab keinen Fünfjahresplan.

Wo lagen die Hauptprobleme?

Es ging erst mal drum: Wo kommen Mittel her? Was können wir möglichen Sponsoren anbieten? Wir brauchen eine Mannschaft! Eine Basisinfrastruktur. Über Jugendarbeit oder so etwas war überhaupt nicht nachzudenken. Personal, Event, Ticketing? Das war damals eine Abreißrolle. Da saß einer im Kassenhäuschen der Sömmeringhalle und hat die Tickets abgerissen. Dann ist man rein in die Halle und hat sich hingesetzt, wo gerade Platz war. Da war viel Platz.

Das war die Geburt von Alba Berlin?

Ja, aber der alles entscheidende Punkt war das Zusammentreffen von Dieter Hauert und dem damaligen Alba-Chef Franz-Josef Schweitzer. Irgendwann saß ich bei Dieter Hauert im Büro, so Mitte 1991. Ich habe ihm gesagt: Sie waren jetzt bei ein paar Spielen, ich hoffe, es hat Ihnen gefallen. Wenn wir das jetzt weiterführen wollen, brauchen wir irgendwie Geld. An was hast du denn gedacht?, wollte er wissen. Ich sagte, so 50.000 D-Mark, es kann auch als Bürgschaft sein. Ich habe zwei Dinge nicht vergessen. Wir sind mit den 50.000 raus. Und Hauert hat zu mir gesagt: Wenn die 50.000 nicht zurückkommen, halte ich mich an dich. Danach haben wir uns besser kennen gelernt, gegenseitig Begeisterung entfacht. Dann haben wir den Plan gefasst, zu Franz-Josef Schweitzer zu gehen. Das war Mitte 1991. Er war schon länger als Sponsor dabei. Er gewann durch die Seriosität Dieters das Vertrauen, dass hier etwas Interessantes wächst. Die beiden haben gesagt: Jetzt machen wir das mal richtig. Bis dahin war bei uns nur Mangel, in allen Bereichen. Alles war improvisiert. Plötzlich hatten wir einen Dreijahresvertrag. Das war der absolute Glückstag für unseren Verein. Von dem Tag an konnten wir strukturell arbeiten.

Wie hoch war dann der Etat?

Ich glaube, 1990/91 hatten wir 500.000 DM. Im zweiten Jahr war unser Etat verdoppelt bis verdreifacht. Einen großen Anteil hat Alba Recycling getragen. Aber auch viele andere Sponsoren, die wir vorher angesprochen hatten, sind dem Sog gefolgt. Sie haben gesehen, hier entsteht etwas.

Was macht die Faszination Alba Berlin aus?

Wir vertreten schon immer unsere Stadt. Berlin hatte nicht immer diese spannende Aura, diese große Aufmerksamkeit. Wir haben uns immer als Repräsentant der ganzen Stadt gesehen. Und so werden wir auch gesehen. Es ging nie um Ost und West, das ist die Gnade unserer späten Geburt. Alba war immer ein Klub, der mutig war, der neue Wege gegangen ist. Zum Beispiel die Max-Schmeling-Halle. Alle haben uns für wahnsinnig erklärt. Das war 1995. Ihr geht in den Osten? Wir haben es gemacht. Korac-Cup-Finale. Wir sind in die Deutschland-Halle gegangen zum Rückspiel. Eine Halle für 10.000 Zuschauer. Man wusste ja nicht, ob da viele kommen oder ob es im wirtschaftlichen Fiasko endet! Ich bin stolz darauf, Teil einer solchen Mentalität zu sein. Wir waren in vielen Dingen Pionier und haben uns diesen Geist bis heute bewahrt. Jetzt sind wir eben auch in China aktiv. Wir streben nach ständiger sportlicher Exzellenz. Wir gehen aber auch in die Breite, weil wir uns in Berlin noch tiefer verankern wollen.

Sind Ihnen in all den Jahren ganz besondere Typen in Erinnerung geblieben, besondere Charaktere, die Alba geprägt haben?

Franz-Josef Schweitzer war ein besonderer Mensch, seine Söhne Axel und Eric, Dieter Hauert ist auch so einer. Große Persönlichkeiten. Selfmade-Men. Dieter ist mit einem Pappkoffer aus dem Osten rüber marschiert nach West-Berlin. Er hatte ein Hemd. Als junger Mann war er Balletttänzer und Boxer gleichzeitig. Eine bunte, großartige Persönlichkeit. Oder unser Doc Gerd-Ulrich Schmidt: was für ein starker Mensch. Und was für ein gebender Mensch. Es geht mir nicht um Verherrlichung. Das sind Typen, die ohne laut zu sein viel gegeben haben. Wir hatten Krieg in Jugoslawien damals. Und bei uns im Team einen Serben, einen Kroaten, einen Bosnier. Da wurden in alle Länder Konvois mit Medikamenten losgeschickt, die brauchten alle. Ohne viel Worte, keine Charity-Aktion mit PR-Charakter. Das sind die Dinge, die es am Ende ausmachen.

Wir hätten gedacht, Sie nennen jetzt den einen oder anderen Spieler.

Natürlich bleiben einzelne Spieler besonders in Erinnerung. Wie Wendell Alexis. Wendell hat am 31. Juli Geburtstag und wollte deshalb nie schon am 1. August zum Trainingsbeginn in Berlin sein. Deshalb hat er es ewig hinausgezögert mit seiner Vertragsverlängerung. Am Ende hat er sechs Jahre hier gespielt und wir sind gemeinsam sechsmal Meister geworden. Mich haben immer die am meisten fasziniert, die in der Lage sind zu geben. Das kommt im Sport relativ selten vor. Da ist Leistung definiert, und die wird bezahlt. Aber es gibt welche, die darüberhinaus zu geben bereit sind. Wenn ich da einen herausheben möchte, dann ist es Henrik Rödl. Seine ganze Karriere bei Alba durchzuziehen, mit der Jugend zu arbeiten, als Headcoach. Das war eine echte Partnerschaft.

In einer Woche spielen Sie gegen Bayern München. Die sind jetzt finanziell die Nummer eins, sind Meister. Alba ist wieder zum Jäger geworden. Ist diese Rolle angenehm?

Sie passt besser zu uns. Sie passt auch besser zu Berlin. Wir sind mehr diejenigen, die kreativ sein müssen, Wege gehen, Dinge probieren. Es gibt ja den Spruch: Wenn jemand Karriere machen will, geht er nach München oder Düsseldorf. Will er sich ausprobieren, geht er nach Berlin. Da ist viel dran. Einige Jahre waren wir unserer Zeit voraus. Jetzt haben wir im deutschen Basketball das, was man braucht, einen sehr dichten, hochqualitativen Wettbewerb. Dafür haben wir immer gekämpft. Da, wo wir jetzt stehen, das sind wir. Wir sind eben nicht Mia san mia, sondern mit Leib und Seele für Berlin!

Skizzieren Sie kurz Ihr Verhältnis zu den Bayern? Da fliegen ja ungewöhnlich – für den deutschen Basketball – viele Giftpfeile hin und her.

Das hat mit der gestiegenen Popularität zu tun. Das Bild wird gern gemalt: Der Platzhirsch wird bedroht von den Großkopfeten aus dem Süden, die immer die Taschen voll Geld haben. Das Bild stimmt nicht so, aber es lässt sich gut vermitteln. Da wird richtig Stimmung gemacht, auch in den Medien. Das hatten wir im Basketball zuvor auf einem sehr überschaubaren Niveau. Ich sehe das relativ sportlich, jeder sagt seine Meinung, und damit ist es gut. Beide Seiten haben Punkte, die sie beim anderen kritisieren. Wenn das im Rahmen bleibt, ist alles okay.

Aber das Verhältnis zu Svetislav Pesic, Ihrem einstigen Erfolgstrainer, scheint nachhaltig getrübt.

Was er gesagt hat, hat er gesagt. Das hat ihm in Berlin sehr geschadet. Er war früher mit Barcelona hier, auch mit Köln, und es gab vom Publikum immer große Sympathie und Anerkennung für das, was er für Alba geleistet hat. Das wird auch so bleiben, er hat diesen Ehrenplatz verdient. Aber seine Anerkennung in Berlin ist durch seine Äußerungen deutlich gesunken. Durch Anfeindungen, die man nur schwer nachvollziehen kann. Das findet entsprechenden Widerhall. Zum persönlichen Verhältnis äußere ich mich nicht öffentlich.

Eine Frage zum anderen Pesic in München, zu Marko, der viele Jahre für Alba gespielt hat und jetzt dort Geschäftsführer ist. Macht er seinen Job aus Ihrer Sicht gut?

Wer Meister ist und so ein Budget (Anm. d. Red.: 14 Mio. Euro) auf die Beine stellen kann, der macht selbstverständlich einen guten Job. Die Ergebnisse sprechen ganz klar für ihn. Wie weit der Erfolg seine Handschrift trägt, das kann ich schwer beurteilen. Da bin ich zu weit weg von München. Und ich sehe ihn auch nicht bei Gesprächen, wo es um die Entwicklung der Liga geht oder Ähnliches. Bei einem Gunnar Wöbke in Frankfurt oder einem Wolfgang Heyder in Bamberg kennt man ihre Positionen. Das ist gar nicht negativ gemeint: Ich kann das bei Marko nur nicht beurteilen.

Sie sind bei fast jedem Auswärtsspiel Albas dabei. Immer noch, seit 25 Jahren. Warum?

Die Liebe zum Spiel steht für mich im Zentrum. Der ganze Aufwand, diese riesige Intensität, das könnte ich nicht betreiben, wenn ich nicht da unten am Spielfeld sitzen würde. Nicht auf der Tribüne, direkt am Spielfeld. Ich brauche die Vibration des Parketts, ich muss das Spiel spüren.

25 Jahre sind rum, blicken wir 25 Jahre voraus: Wo steht Alba 2039?

(denkt eine Weile nach) Ausverkaufte O2 World. Ein europäisches Finalspiel. In unserem Team sind drei, vier Spieler, die bei uns groß geworden sind. Wir verlieren das Finale, und ganz Berlin weint sich die Augen aus dem Kopf. Warum ich es mir wünsche: Nehmen wir den FC Barcelona. Wenn es dem schlecht geht, warum auch immer, stehen in Barcelona 150.000 Leute vor dem Rathaus. Dieses Bild fasziniert mich. Sport ist da, um eine Möglichkeit zur Identifikation zu geben. Und Sport ist da, um Emotion zu geben. Wenn wir das schaffen, dass wir auf höchstem sportlichen Niveau viele Menschen haben, die hinter uns stehen, die sich mit uns auseinandersetzen, dann ist unsere Mission quasi erfüllt.

2039 wären Sie 77 – und noch bei Alba?

Der Klub ist nicht abhängig von mir und ich auch nicht existentiell vom Klub. Aber selbst, wenn man mich hier irgendwann vom Hof jagt, weil man in neuen Zeiten neue Personen, neue Instrumente braucht. Oder ich bin der Meinung, es ist an der Zeit, etwas ganz anderes zu machen. Dass Alba fast wie ein Kind für mich ist und deshalb nie mein Herz verlassen wird, das weiß ich.