Fußball

Auf Umwegen zum Ziel

Elias Kachunga scheiterte einst bei Hertha. In Paderborn ist er zum Stammspieler gereift

Manchmal dauert es eben ein bisschen länger. Als der Fußballgott einst die Startplätze für die Bundesliga vergab, musste sich der SC Paderborn jedenfalls ganz weit hinten anstellen. Erst seit diesem Jahr darf Herthas kommender Gegner mitmischen, als 53. Klub in der Geschichte der höchsten deutschen Spielklasse – und als absoluter Underdog. Die Vorzeichen waren schon vor Saisonbeginn klar: Der Abstiegskandidat Nummer eins kommt aus Paderborn.

In der glamourösen Beletage erinnert der Liga-Neuling ein wenig an einen Hobbyfilmer, der plötzlich zur Oscar-Verleihung darf. Wie groß das Gefälle zwischen den etablierten Platzhirschen und dem unscheinbaren Aufsteiger ist, verdeutlicht ein Blick auf die Marktwerte: Ein Paderborner Bundesligaspieler kostet im Schnitt knappe 800.000 Euro. Selbst beim zweitgünstigsten Kader der Liga, dem des 1. FC Köln, wird der Pro-Kopf-Preis doppelt so hoch taxiert.

Abgang nach nur einer Hinrunde

Derartige Zahlen sagen zwar vieles aus über die Qualitäten einer Mannschaft, aber eben längst nicht alles. Von Abstiegsangst kann derzeit keine Rede sein in Ostwestfalen. Nach neun Spieltagen steht Paderborn auf Rang acht. „Es ist normal, wenn uns jeder als ersten Absteiger sieht“, sagt Elias Kachunga. „Aber wir wollen zeigen, dass wir zurecht in der Bundesliga sind.“ Der 22 Jahre alte Angreifer hat maßgeblichen Anteil am Paderborner Höhenflug. Er erzielte das ersten Bundesligator in der Geschichte des SC Paderborn (beim 2:2 gegen Mainz) und ließ rasch zwei weitere folgen. Zwar sagt Kachunga: „Die Bundesliga war immer mein großes Ziel.“ Doch das Ziel lang auch ziemlich lange in weiter Ferne. Wie sein Arbeitgeber musste sich Kachunga gedulden. Bei Borussia Mönchengladbach kam er 2010 zwar zu zwei Kurzeinsätzen, seinen Stammplatz aber hatte er im Regionalligateam. 2012 wurde er zum Drittligisten VfL Osnabrück ausgeliehen, im darauffolgenden Sommer zu Hertha BSC. In Berlin produzierte er Testspiel-Treffer am Fließband und avancierte zum Gewinner der Vorbereitung. Weil Hertha aber noch drei weitere Stürmer an einem einzigen Tag verpflichtete (Sandro Wagner, Sami Allagui und Ben Sahar) und zudem der Abgang von Adrian Ramos ausblieb, hatte der Deutsch-Kongolese seinen Stammplatz fortan neben dem Rasen. „In Berlin“, sagt Kachunga heute, „habe ich gelernt, wie hart das Profigeschäft sein kann.“

Man kann sagen, dass Elias Kachunga in Berlin und bei Hertha gescheitert ist. Schon im Winter 2012 und nach nur einer Hinrunde in Berlin wechselte er in die beschauliche Bistumsstadt Paderborn. Ein Kontrast, der größer kaum hätte sein können. Auch sportlich: Während Hertha einen Rekord für die meisten Punkte in einer Zweitligasaison aufstellten, hieß Kachungas Alltag Abstiegskampf. Als jener erfolgreich gemeistert war, schauten sich die Paderborner nach einem neuen Trainer um. Und fanden Andre Breitenreiter. Der Ex-Profi sei nah dran an den Spielern, sagt Kachunga. „Er legt viel Wert auf Disziplin, weiß aber auch, dass wir Spaß brauchen. Er trifft die perfekte Mischung.“ Nach anfänglichen Schwierigkeiten führte Breitenreiter das Team im vergangenen Jahr nach oben. Eine aufsehenerregende Aufholjagd, an deren Ende die Sensation steht: der Aufstieg. Kachungas Beitrag: 33 Einsätze, sechs Tore, neun Vorlagen. Es war seine bislang beste Saison.

Kachunga wuchs mit Paderborn und Paderborn mit Kachunga. Die Erstliga-Euphorie sei deutlich spürbar, berichtet der Stürmer. Dass Paderborn nicht mehr als „Kleinstadt mit vielen Kühen“ wahrgenommen wird, sei für das Selbstverständnis der knapp 150.000 Einwohner durchaus förderlich. Dennoch: Verglichen mit anderen Bundesliga-Standorten wirkt der Klub wie ein Dorfverein. Das sagt zumindest Trainer Breitenreiter. Der Rasen des einzigen Trainingsplatzes habe höchstens „Schwimmbadniveau“, zürnte der 41-Jährige kürzlich.

„Wir holen unsere Sachen zwar aus einer Garage und ziehen uns in einer alten Turnhalle um“, erzählt Kachunga, „aber das ändert nichts daran, dass hier gute Arbeit gemacht wird.“ Vielleicht, sagt er, werde die Mannschaft durch die etwas widrigen Umstände sogar stärker zusammengeschweißt. „Fakt ist, dass jeder für jeden läuft“, sagt Kachunga. Das sei das Geheimnis des Paderborner Erfolgs.

Rasantes Umschaltspiel

Ein weiterer ist das rasante Umschaltspiel, das dem schnellen Kachunga zugute kommt. Dazu die typischen Trümpfe eines Aufsteigers: Im unaufgeregten Paderborn ist das Anspruchsdenken gering. Druck ist für die Paderborner ein Fremdwort, stattdessen grassiert spätestens seit der zwischenzeitlichen Tabellenführung am vierten Spieltag der blanke Enthusiasmus. „Wir haben eigentlich keinen Grund, diese Welle zu verlieren“, sagt Kachunga. „Wir dürfen uns nur nicht nach drei, vier Niederlagen am Stück verrückt machen.“

Für Kachunga ist die Partie heute gegen Hertha (17.30 Uhr/Sky und im Liveticker auf immerhertha.de) keine gewöhnliche: „Natürlich ist das etwas Besonders“, sagt er. „Man will zeigen, dass man eine Chance verdient gehabt hätte.“ In Berlin ist es ihm nicht gelungen, Herthas Trainer Jos Luhukay nachhaltig zu beeindrucken. Das aber würde er nun gerne nachholen. Dass Elias Kachunga auch auf Umwegen zu seinem Ziel kommt, hat er eindrucksvoll bewiesen. Manchmal dauert es eben ein bisschen länger.