Boxen

Kein Problem mit einem Veilchen

Nina Meinke und Ornella Wahner boxen in Südkorea um WM-Medaillen

Das gute Dutzend Boxer in der kleinen, aber durchdacht eingerichteten Trainingsstätte des Berliner Klubs BSG 76 macht sich warm. Trainer Udo Ziebarth schaut zu, fordert mit kurzen Kommandos „linke Gerade, rechte Gerade“. Zwei Figuren fallen auf. Nicht, weil sie als einzige ihre Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengenommen haben, sondern weil sie sich erkennbar routinierter, wie aus einem Guss bewegen.

Nina Meinke und Ornella Wahner, die beiden Ladys der Trainingsgruppe – und seit Wochenbeginn mit der deutschen Nationalmannschaft via Wladiwostok (in Russland steht ein weiteres Trainingslager auf dem Programm) und Chinas Hauptstadt Peking unterwegs ins südkoreanische Jeju. Dort werden ab Mitte November die Amateurbox-Weltmeisterschaften 2014 ausgetragen. Und warum trainieren zwei Weltklasse-Athletinnen in einem Freizeit-Klub? Die überraschend einfache Antwort gibt die 21-jährige Nina Meinke: „Wir können uns hier einfach individueller vorbereiten. Wenn Ornella oder ich in Südkorea etwas reißen, dann hat Udo daran einen großen Anteil.“

Das Lob in Richtung Heimcoach ist eine kleine Backpfeife in Richtung Deutscher Boxsport Verband (DBV). Nicht böse gemeint, aber ehrlich. Nina Meinke weiter: „Wir haben gerade ein Höhentrainingslager in Kislowodsk (im Kaukasus, d. Red.) hinter uns gebracht. Unsere Trainingspartner waren Russinnen, die uns im Sparring vermöbelt haben, weil sie in einer anderen Aufbauphase waren. Ich hätte mehr davon gehabt, in Berlin zu bleiben. Denn viel Höhe haben wir nicht gesehen.“ Dabei lächelt sie, will nicht alles schlecht machen, was der DBV an Maßnahmen bietet. Ornella Wahner, 20 Jahre alt und 2011 bereits als Juniorinnen-Weltmeisterin gefeiert, ist mit einer Erkältung zurückgekehrt. „Ich habe mich ins Bett gepackt, mal das Training sausen lassen“, sagt die Studentin (Geschichte). Wahner, etwas weniger quirlig (außerhalb des Rings) als Nina, fühlt sich in den Trainingssitzungen jenseits des Leistungszentrums und der Nationalmannschaft ebenfalls wohl. „Alles ist wichtig, aber bei Udo passt für uns alles gut zusammen.“

Das Ziel heißt Olympia in Rio

So gut, dass beide frühzeitig ihr WM-Ticket in der Tasche hatten. Ein gemeinsames Ziel vereint sie: Olympia 2016. Genauso einig sind sich die beiden auch, wenn es um ein beim Boxen manchmal unvermeidliches blaues Auge geht. Das gehöre dazu, wozu gäbe es Schminke?

Ralf Dickert, Leitender Landestrainer in Berlin und gleichzeitig Bundestrainer, sieht für Meinke und Wahner Medaillenchancen. „Natürlich muss alles perfekt laufen, aber sie sind beide dran an der Weltspitze.“ Ornella Wahner, gebürtige Dresdnerin und als Leichtathletin sogar mal Bezirksmeisterin ihrer Altersklasse, zog 2006 nach Berlin – des Boxens wegen. „Ich bin total begeistert von dem Sport. Man muss körperlich gut drauf sein und vor allem Köpfchen haben“, so die amtierende Deutsche Meisterin. Köpfchen, wie ihr Vorbild Muhammad Ali.

Ninas Vorbild kann sich ebenfalls sehen lassen, nicht ganz so überragend wie Ali, aber als Profibox-Weltmeister ungeschlagen abgetreten: Sven Ottke. „Sven und mein Vater sind dicke Freunde. Ich habe früher immer mit ihm vor seinen Kämpfen Tee getrunken. Und wir haben viel über Boxen geredet. Ich wollte nichts anderes machen als diesen Sport, und er hat mich immer unterstützt“, sagt die Auszubildende als Groß- und Einzelhandelskauffrau. Genau wie ihr Freund Serdar Sahin – selbst Profiboxer. Vater Christian und Serdar werden sich zu WM-Beginn in Südkorea einfinden.