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Anders als Kritiker sieht Füchse-Coach Sigurdsson Zweitjob als Bundestrainer eher als Vorteil

Bei dieser Frage muss Dagur Sigurdsson schmunzeln. Ob er denn überhaupt noch Zeit habe für andere Dinge, jetzt, wo er in Doppelfunktion als Trainer bei den Füchsen Berlin und als Bundestrainer der deutschen Handball-Nationalmannschaft tätig ist. „Zeit ist nicht das Problem“, kommt die Antwort sofort, „wir müssen mehr Spiele gewinnen, dann bin ich glücklich.“

So einfach ist das. Wer siegt, macht alles richtig – und alle sind glücklich. Nicht nur der Trainer, auch die Klubverantwortlichen und die Fans, die Medien ebenfalls. Nun hat der Berliner Bundesligist in dieser Saison bekanntlich nicht so oft gewonnen, wie dies in den vergangenen Jahren der Fall war. 10:10 Punkte hat Sigurdssons Team momentan auf dem Konto. Am Sonntag (Schmeling-Halle, 17.15 Uhr) ist gegen die MT Melsungen ein Sieg Pflicht, um sich aus dem Irgendwo langsam auf den Weg in vordere Tabellenregionen zu machen.

Der Status quo ist nicht der Anspruch der Füchse, die in der Vergangenheit zweimal Dritter (2011, 2012), einmal Vierter (2013) und einmal Fünfter (2014) geworden sind. „Alles, was leicht war in den vergangenen Jahren, ist heute schwer“, stellt Geschäftsführer Bob Hanning fest. Da nutzt es im Hier und Jetzt nichts, dass das Gespann Sigurdsson und Hanning dafür gesorgt hat, dass der Klub ins Final Four der Champions League (2012) kam, oder dass die Füchse vor gut sechs Monaten mit dem Pokalsieg den ersten Titel in der Vereinsgeschichte holten.

„Wir haben gemeinsam schöne Zeiten erlebt, jetzt erleben wir eben etwas windigere“, sagt Hanning. Und wie das so ist, steht der Trainer besonders im Wind. Für einen wettererprobten Isländer offenbar kein Problem. „Die Erwartungshaltung ist schon sehr hoch“, stellt Sigurdsson fest. Man könnte es den Fluch der guten Tat nennen. Er muss wieder grinsen: „Wir sind selbst daran schuld, weil wir so viele erfolgreiche Jahre hatten.“

Diskussionen sind normal

An ihm scheint die aufgekommene Kritik abzuprallen. Sigurdsson, der Mann mit der Doppelfunktion, wenn man es neutral formuliert. Oder Sigurdsson, der Mann mit der Doppelbelastung. Das klingt gleich negativer. In den Medien taucht immer wieder die Frage auf, ob sich der 41-Jährige nicht verhoben hat mit den zwei Jobs. Auf der Titelseite der aktuellen „Handball-Woche“ prangt nicht nur die Zeile „Füchse Berlin in der Krise“. Darunter steht auch: „Keine Konstanz und nur Mittelmaß – Ist die Doppelbelastung für Trainer Dagur Sigurdsson der Grund dafür?“

Ob ihn so etwas ärgert? „Überhaupt nicht.“ Ruhig und überlegt kommen Sigurdssons Antworten. „Wenn so eine Entscheidung gefallen ist, ist es normal, dass es Diskussionen gibt.“ Aber wer nun was sage oder nicht, „ist mir letztlich egal“. Für ihn gelte nur: „Ich habe jetzt beide Jobs und versuche, die so gut wie möglich zu machen.“

Es dürfte wohl zu kurz gesprungen sein, einen kausalen Zusammenhang zwischen dem schwachen Saisonstart und der Doppelfunktion des Trainers herzustellen. Die Füchse haben in dieser Saison großes Verletzungspech, vieles wurde dadurch durcheinandergewirbelt. Spielgestalter Bartlomiej Jaszka und Abwehrorganisator Denis Spoljaric fehlen, zudem fällt Colja Löffler aus. Pavel Horak feierte am Mittwoch beim Pokalserfolg gegen den Zweitligisten Tusem Essen sein Comeback.

Doch ist in einer solch schwierigen Situation, in der kurzfristig Zugänge (Kasper Nielsen, Petar Nenadic) integriert werden und junge Kräfte wie Fabian Wiede und Paul Drux sehr viel Verantwortung übernehmen müssen, ein Chefcoach nicht besonders gefordert? Und zwar zu hundert Prozent? „Bisher war er als Bundestrainer nur fünf Tage weg“, rechnet Hanning vor. Es folgt nun die kommende Woche, in der Sigurdsson mit dem Nationalteam zwei EM-Qualifikationsspiele gegen Finnland und Österreich zu bestreiten hat. In dieser Woche übernimmt dann Sportkoordinator Volker Zerbe das Kommando.

„Natürlich habe ich viel zu tun. Aber es ist alles im Rahmen und absolut machbar“, sagt der Isländer. Er erinnert daran, dass er in seiner ersten Saison (2009/2010) bei den Füchsen ja auch in Personalunion Coach der österreichischen Nationalmannschaft war. Nach zehn Spielen lautete die Bilanz – ebenfalls 10:10 Punkte. „Damals“, so Hanning, „hat das niemanden gestört, obwohl er öfter weg war.“

Kneipier neben dem Handballjob

Die Situation entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie: Schließlich war es Hanning, der in seiner Funktion als Vizepräsident des Deutschen Handballbundes (Doppelfunktion und -belastung auch hier) Sigurdsson inthronisierte. „Er ist in sich sehr gefestigt“, beschreibt Hanning den Trainer. Keinen Millimeter weicht der Geschäftsführer von ihm ab. „Wir reden noch mehr miteinander und tauschen uns noch mehr aus als vorher“, sagt Hanning.

Druck empfindet Sigurdsson als Herausforderung. Und er liebt Herausforderungen. So brachte er einst in Reykjavik Studium, Handballspielen und den Job als Kneipier unter einen Hut. Zwischen 2000 und 2003 zog er mit seiner Familie nach Japan, war Spielertrainer bei Wakunaga Hiroshima. Nicht wenige haben ihn damals für verrückt gehalten. „Ich weiß, was ich schaffen und mir zutrauen kann“, sagt Sigurdsson.

Doppelbelastung? Er dreht das Ganze ins Positive und erzählt von den Gesprächen, die er mit Gudmundur Gudmundsson geführt hat. Unter seinem Landsmann spielte er früher in der isländischen Nationalmannschaft. Gudmundsson selbst war viele Jahre sowohl Coach der Rhein-Neckar Löwen als auch Trainer des Nationalteams. „Er hat erzählt, wie er im einen Job ausnutzen konnte, was im anderen funktioniert hat und umgekehrt.“ Und er sei noch mehr mittendrin gewesen im Handball-Geschäft als je zuvor. „Dieses Gefühl habe ich selbst momentan auch“, erzählt Sigurdsson. „Ich hoffe, davon werden die Füchse profitieren.“ Dann wären wieder alle glücklich.