Bundesliga

Jugend forsch

Dank seiner hervorragenden Nachwuchsarbeit schwingt sich Borussia Mönchengladbach zum ersten Jäger von Meister Bayern München auf

Es steht nicht zum Besten um den FC Bayern, als Erster hat das Karl-Heinz Rummenigge erkannt. Bei den Profis ist so weit ja alles ganz in Ordnung, aber was ist mit dem Nachwuchs? Um es mit Rummenigge zu sagen: Der ist nicht „State of the Art“. Da gewinnt die deutsche U19-Nationalmannschaft die EM, und keiner von Bayern München darf sich Europameister nennen. Deshalb muss, so Rummenigge, bei der Ausbildung junger Spieler „ein Zahn zugelegt“ werden.

Da sind sie in Mönchengladbach einen Schritt weiter. Die Borussia ist am Sonntag Gegner der Bayern (17.30 Uhr). Spitzenreiter trifft auf Verfolger. Die Rollen sind klar verteilt, obwohl die Bayern ohne Arjen Robben (muskuläre Probleme) antreten müssen. Dennoch gibt es da doch ein Ungleichgewicht. Die Gladbacher haben das, wonach sie sich in München sehnen: gute junge deutsche Spieler. Es wird in München registriert, dass Bundestrainer Joachim Löw längst ein Auge auf sie geworfen hat, wenn er an die Neugestaltung seines Weltmeister-Kaders denkt. Dahinter steckt eine „kluge Transferpolitik“, wie auch Franz Beckenbauer erkannt hat – und eine der herausragenden Talentschmieden Deutschlands.

Die Zentren des Bundesliganachwuchses werden mit Sternen beurteilt. Drei sind die Höchstzahl. Die Borussia bekam noch einen Bonus-Stern, für „Effektivität“ und „Durchlässigkeit“. Heißt, dass der Klub in großer Zahl Nachschub für die Profis anbieten kann, die dann auch Fuß im Team von Lucien Favre fassen. Der Schweizer Trainer zählt zu den größten Fans des „Fohlen-Stalls“, wie der Klub seinen Talentschuppen getauft hat.

Tradition verpflichtet eben. Die „Fohlen-Elf“ der 70er-Jahre sorgte mit jungen Spielern für Furore und war zu der Zeit der große Widersacher der Bayern. Damals wie heute folgt die konsequente Förderung des Nachwuchses in Mönchengladbach in erster Linie finanziellen Zwängen. Trainerlegende Hennes Weisweiler musste einst mangels Geld auf die Jugend setzen, für Favre sieht es nicht rosiger aus. Er ist darauf angewiesen, dass immer mal wieder Spieler wie Patrick Herrmann, 23, oder aktuell Julian Korb, 22, sich aus den eigenen Reihen hervor tun und die Borussia stark machen. Zwar muss Favre dann und wann ein Eigengewächs ziehen lassen, wie im Sommer Torwart Marc-Andre ter Stegen zum FC Barcelona. Durch Ablösesummen im zweistelligen Millionenbereich aber werden die Kassen für Neuerwerbungen gefüllt. Gekauft werden dafür keine überteuerten ausländischen Stars, sondern Jungs wie Andre Hahn, 24, oder einer wie Christoph Kramer, 23, wird an den Klub gebunden. Das Gladbacher Planziel ist, jedes Jahr ein bis zwei Jugendspieler Favre zuführen zu können. Das gelingt bislang vortrefflich.

Bei der Borussia sind die Jansens-Marins-Jantschkes der Nachweis, dass es von unten nach oben geht. Das übt auf junge Spieler eine enorme Anziehungskraft aus. Auch bei den Bayern verfolgt Trainer Pep Guardiola die Philosophie, fünf oder sechs junge Spieler neben 18 gestandenen Profis einzugliedern. Allerdings ist David Alaba der letzte, der dafür zum Beweis taugt, dass es auch klappen kann. Dafür muss man auch weit zurück schauen: Sein Profidebüt gab er Anfang Februar 2010, der Trainer hieß noch Louis van Gaal.

In Mönchengladbach ist Sportchef Max Eberl der Garant dafür, dass die Jugend nicht nur gefordert, sondern auch nach Kräften gefördert wird – möglichst bis zur Endstation Bundesliga. Eberl ersann vor zehn Jahren den Plan, dass der Jugendbereich wieder ein Standbein werden muss. Lange war der vernachlässigt worden, hatte nur einen Ascheplatz mit Flutlicht sowie einen Rasenplatz ohne Licht. Eberl war damals Nachwuchskoordinator, und mit ihm wurde alles besser. Heute haben die Juniorenmannschaften acht Plätze und die Toptalente wohnen im Stadion über drei Etagen. Er verwaltet also heute nur das Erbe, dass er selbst geschaffen hat. Ein Sportchef, der von seiner Arbeit als Nachwuchschef profitieren will. „Ohne Max Eberl würde es nicht gehen“, sagt Roland Virkus. Der war damals schon an Eberls Seite, heute leitet er den Jugend- und Amateurbereich.

Die beiden haben bewirkt, dass Favre aus dem Jungbrunnen schöpfen kann. So wurde zwischen den A-Junioren und der Profimannschaft ein Team installiert, das mit einem „Übergangstrainer“ bestückt ist. Der ist Favres Assistent, heißt Manfred Stefes, trainiert mit ausgesuchten Talenten einmal die Woche, spielt in einer Nachwuchsrunde gegen internationale Topteams und berichtet dann seinem Chef, wen er für geeignet hält.

Wer da noch nicht angelangt ist, für den rückt das Ziel zumindest bei jedem Training in den Blickpunkt. Im langen Kabinengang des Gladbacher Stadions sind alle Teams untergebracht, von der U9 ganz hinten bis zu den Profis. Nach Jahrgängen geordnet rücken die Mannschaften mit ihrer Umkleide ein Stück näher an das Refugium der Stars des Klubs heran. Eine Aufteilung mit Hintergrund: Es ist ein langer Weg bis zu den Profis, aber er ist für euch frei.

Die Bayern dagegen wollen ihre Nachwuchsteams aus Platzgründen von den Profis an der Säbener Straße auslagern und sie in ein zig Kilometer entferntes Ausbildungszentrum am Rande von München verfrachten. Auch eine Symbolik, selbst wenn es jetzt heißt, dass dort Uli Hoeneß nach seiner Haftstrafe arbeitet.