Bundesliga

Ben-Hatira stiehlt Lasogga die Show

Hertha besiegt den HSV dank zweier Treffer des Tunesiers mit 3:0. Für den ehemaligen Publikumsliebling gibt es dagegen nur Pfiffe

Der Irokese kam kaum die Treppen hinunter. Vom Spielfeld humpelte Änis Ben-Hatira zur Umkleidekabine – sein rechter Oberschenkel dick bandagiert, sein Gesicht verzerrt. Kurz vor Schluss der Partie gegen den Hamburger SV, die Hertha vor allem dank der beiden Treffer Ben-Hatiras (59. und 85. Minute) und einem von John Heitinga (65.) mit 3:0 (0:0) gewann, hatte es im Muskel gezwickt, so dass der 26-Jährige seinen Indianerhaarschnitt (an den Seiten raspelkurz und oben eine kleine Bürste) vor Schmerz in den Rasen drückte. Alles war bis dahin ganz wunderbar gelaufen. Ausgerechnet gegen den Klub, bei dem Ben-Hatira fünf Jahre lang (2006-11) gespielt hatte und zum Bundesligaprofi reifte, gelangen ihm seine ersten beiden Saisontore. Und dann dieses Malheur.

„Ich hoffe, es ist nichts Schlimmes“, sagte Ben-Hatira also im Bauch des Berliner Olympiastadions über den ramponierten Oberschenkel. Am Sonntag wird er genauer untersucht. Aber der Mittelfeldspieler wollte viel lieber noch einmal auf die Bedeutung dieses herbstlich kalten Sonnabendnachmittags für sich persönlich zu sprechen zu kommen: „Es war etwas ganz Besonderes für mich, gegen den Klub zu treffen, bei dem ich erwachsen geworden bin. Aber jetzt lebe ich in Berlin meinen Traum, in dem Stadion, in dem ich mal Balljunge war“, sagte der Deutsch-Tunesier. Zwei Herzen also in seiner Brust. Ben-Hatira ging schließlich einst von Hertha zum HSV und kam erst 2011 wieder zurück.

Jene zwei Herzen trug auch Pierre-Michel Lasogga an diesem Tag mit sich herum. Das sagte er zumindest vor dem Spiel. Erstmals lief der frühere Hertha-Stürmer, der im Sommer unter viel Tamtam zum HSV gewechselt war, als Gegner im Olympiastadion auf und wurde von einem Großteil der 58.000 Zuschauer mit gellenden Pfiffen begrüßt. Vielleicht auch deshalb war vom 22-Jährigen über 90 Minuten lang nichts zu sehen, und Ben-Hatira stahl ihm die erhoffte Show.

Bundestrainer Löw im Stadion

„Das war eine hervorragende Leistung von Änis. Er hat sie mit zwei Toren gekrönt“, lobte Herthas Trainer Jos Luhukay seinen Doppeltorschützen. „Er war heute extrem motiviert und hat die vielen Gedanken, die er in seinem Kopf hat, in die richtige Bahn gelenkt“, sagte der Berliner Manager Michael Preetz. Bei den Blau-Weißen war die Laune also prächtig nach dem Spiel: Für Hertha war es schließlich der dritte Sieg gegen den HSV in Folge und auch – viel wichtiger – der dritte Heimerfolg in Serie in dieser Saison. Der sorgt dafür, dass sich Luhukays Team mit elf Punkten stabilisiert hat. „Wir haben ein richtig gutes Spiel gemacht. Ich bin heute ein zufriedener Trainer“, sagte Luhukay.

Der Niederländer hatte in seinem 100. Bundesliga-Spiel als Cheftrainer zum dritten Mal hintereinander derselben Startelf vertraut. Das hieß, hinten sollten es gegen die schlechteste Offensive der Liga (HSV hatte nur drei Saisontore erzielt) erneut der zuletzt schwächelnde Kapitän Fabian Lustenberger und Heitinga richten. Vorn hofften die Berliner auf Ben-Hatira und Salomon Kalou.

Dass dies ein vernünftiger Plan war, zeigte sich schon im ersten Durchgang, als beide mehrfach gefährlich vor dem Hamburger Tor auftauchten. Ben-Hatira vergab zunächst zwei gute Gelegenheiten und scheiterte am ehemaligen Hertha-Schlussmann Jaroslav Drobny im HSV-Tor (10./34.). Ebenso war es bei Kalou: Drobny parierte zunächst (22.) gegen ihn und hatte später Glück, dass ein Kopfball des Ivorers hauchdünn am Pfosten vorbeiflog (30.).

Es sah schon fast wieder so aus wie zuletzt auf Schalke, als Hertha zwar gute Gelegenheiten hatte, diese dann aber liegen ließ und am Ende 0:2 verlor. In der Halbzeit forderte Luhukay sein Team deshalb auf: „Lasst euch nicht von den vergebenen Chancen runterziehen!“ Und seine Mannschaft parierte vor den Augen von Bundestrainer Joachim Löw auf der Tribüne. Erst traf der für den ebenfalls am Oberschenkel verletzten Nico Schulz eingewechselte Marcel Ndjeng mit einem 35-Meterschuss die Querlatte (57.). Dann hielt Thomas Kraft im Berliner Tor stark gegen den völlig freien Marcell Jansen (58.). Womöglich war das sogar die spielentscheidende Szene, denn im Gegenzug tauchte Ben-Hatira nach feinem Pass von Valentin Stocker allein vor Drobny auf und behielt diesmal die Nerven: 1:0 (59.).

Heitinga staubte nur Minuten später einen Pfostenschuss von Hajime Hosogai nach einer Ecke ab: 2:0 (65.). Es war das erste Bundesligator des Niederländers und bereits das achte Herthas von insgesamt 14 Saisontreffern, die ein Zugang erzielte.

Nachdem der enttäuschende Lasogga unter ein paar hässlichen Beschimpfungen aus der Ostkurve ausgewechselt worden war, machte sich Ben-Hatira noch einmal auf den Weg nach gutem Zuspiel von Per Skjelbred und lupfte den Ball frech über Drobny zum 3:0-Endstand ins Tor (85.). Wäre da nicht die Verletzung gewesen, es hätte ein perfekter Tag für Änis Ben-Hatira werden können. Nun ist sein Einsatz im DFB-Pokalspiel gegen den Drittligisten Arminia Bielefeld am Dienstag ebenso fraglich wie der von Nico Schulz. „Wir haben zu Hause einen echten Lauf. Nun müssen wir das auch mal auswärts zeigen“, sagte Kalou nach dem Spiel. Am Dienstag in Westfalen haben er und sein Team Gelegenheit dazu.