Bundesliga

Die Leitwölfe schwächeln

Weil die Führungsspieler im Formtief stecken, kommt Borussia Dortmund nicht in Schwung

Es fällt nicht leicht, in solchen Zeiten den sozial verantwortungsbewussten Profi zu geben. Doch Mats Hummels blieb keine Wahl. Die Aktion lag ihm am Herzen. „Schule gegen Rassismus – Schule mit Courage“ heißt die Kampagne, die er unterstützt. Die führte ihn nach Hamm, ins Märkische Gymnasium. Dort warb Hummels für eine tolerante Gesellschaft, schrieb Autogramme und posierte tapfer für Handyfotos. Dabei bemühte er sich zu lächeln. Die Krise von Borussia Dortmund aber nagt an ihm.

Nach zwei Stunden brauste Hummels zurück zum Training nach Dortmund. Dienstag saß er im Flieger Richtung Istanbul, wo am Mittwoch (20.45 Uhr/ZDF und Sky) der dritte Auftritt dieser Champions-League-Saison bei Galatasaray ansteht. In der Königsklasse lief es für Borussia Dortmund bislang gut: Arsenal London (2:0) und der RSC Anderlecht (3:0) wurden besiegt, da hatte die „Pressing/Gegenpressing-Maschine“ des Jürgen Klopp bestens funktioniert. Rühmliche Ausnahmen.

Warum es in der Bundesliga nicht läuft, kann auch Hummels nicht erklären. Zumal ausgerechnet er, der Abwehrchef mit den hohen Ansprüchen an sich selbst, derzeit bei der Problemlösung nicht helfen kann. „Um sich aus so einer Situation raus zu holen, gibt es nur eins ... sich mit allem, was irgendwie möglich ist, aus der (auch persönlich) schlechten Verfassung wieder raus kämpfen“, hatte er nach dem 1:2 beim 1. FC Köln bei Facebook gepostet. Das war zwar selbstkritisch, wirkte aber pflichtschuldig. Nach dem Motto: Hier stehe ich und kann leider nicht anders.

An Einsicht fehlt es auch einem weiteren Führungsspieler nicht. Wie Hummels sagte Roman Weidenfeller, der das zweite Gegentor verschuldete: „Das war klar mein Fehler, ich habe mich bei der Mannschaft entschuldigt.“ Erstaunlicherweise erntete der Nationalkeeper dafür neue Kritik. „Wenn er sagt, er hätte sich entschuldigt, dann ist das falsch“, sagte Franz Beckenbauer. Es sei nicht an der Zeit für Demutsgesten, sondern, „die Ärmel aufzukrempeln, sich auch mal anzuschreien“.

Es ist zwar eines von vielen Problemen, mit denen die Mannschaft derzeit zu leben hat, aber auf keinen Fall das unwichtigste: Die Leitwölfe schwächeln. Weidenfeller musste in der laufenden Saison bereits 14 Mal hinter sich greifen, konnte nur 60 Prozent Bälle abwehren. Zwar ist dies nur begrenzt sein Verschulden, aber es erschwert seine Position, um bei der Krisenbewältigung voran zu gehen.

Die vielleicht größten Probleme hat Hummels. Der 25-Jährige durchlebt seit dem Gewinn der WM eine Verkettung von Pleiten, Pech und Pannen. Wegen einer Sehnenreizung im Knie musste sein Trainingsstart in Dortmund verschoben werden. Am 24. September gab er endlich beim 2:2 gegen Stuttgart sein Saisondebüt, am Wochenende darauf stand er beim 1:2 im Derby auf Schalke in der Startelf. Doch seine Leistungen verrieten: Er ist weit davon entfernt, seine alte Form zu erreichen.

Neues Störfeuer aus München

Doch was soll Trainer Klopp machen? Es fehlt an defensiver Stabilität und an einer Figur, die die Abwehr zusammenhält. Er braucht den Mann, den er im Sommer zum Kapitän ernannt hat, auf Sicht und muss deshalb in Kauf nehmen, dass Hummels patzt, bis er seinen Rhythmus durch weitere Spiele gefunden hat. Zumal derzeit auch die Alternativen neben sich stehen: Neven Subotic hat die gleichen Probleme wie Hummels, Zugang Matthias Ginter ist noch nicht integriert.

Es hilft nichts: Spielführer Hummels und seine Stellvertreter Weidenfeller und Marco Reus müssen voran gehen. „Wir wissen, was wir verbessern müssen. Das zu zeigen, ist Kunst“, erklärte Hummels. Auch Weidenfeller glaubt nicht, dass es einfach wird, in die Spur zu finden: „Viele der jungen Spieler sind es nicht gewohnt, so eine schwierige Phase zu durchleben.“

Bei Reus erscheint die Situation ähnlich suboptimal: Der Mittelfeldspieler hat im letzten halben Jahr zwei vierwöchige Verletzungspausen hinter sich. Ein „Emotional Leader“ war er ohnehin nie – eher ein Spieler, dessen besondere Fähigkeiten das Selbstbewusstsein seiner Mitspieler stärken können. Aber Reus ist erst seit Sonnabend spielfähig und in eine nicht funktionierende Mannschaft zurückgekehrt. Weniger belastend sind vor diesem Hintergrund die Spekulationen um einen Wechsel von Reus, die erneut aus München befeuert wurden. „Karl-Heinz Rummenigge ist eben so“, sagte Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. Zuvor hatte Bayerns Vorstandchef erklärt, dass Reus ein Wechselkandidat sein könnte.

Watzke beschäftigen konkretere Probleme. Es gehe darum, in Istanbul „ein anderes Gesicht“ zu zeigen, sich Sicherheit zu holen. „Die Mannschaft muss es jetzt umsetzen“, forderte der Chef des BVB: „Dass sie über großes Potenzial verfügt, ist bekannt.“