Interview

„Angst habe ich nur auf dem Meer“

Weltmeister Marc Marquez genießt sein Leben – und die harte Arbeit als Motorrad-Profi

Mit seiner Trainingsbestzeit für den Großen Preis von Australien am Sonntag, der zwölften in der laufenden Saison, egalisierte der als MotoGP-Champion bereits feststehende Marc Marquez (Honda) die bisherige Bestmarke der Australier Mick Doohan (1997) und Casey Stoner (2011). Im Interview zuvor zeigte sich der 21-jährige Spanier selbstbewusst.

Berliner Morgenpost:

Herr Marquez, wie war die Nacht nach dem Titelgewinn am vorigen Sonntag?

Marc Marquez:

Wir haben mit dem Team und den japanischen Vertretern von Honda gefeiert. Aber wir mussten auch an den Flug nach Australien denken, leider.

Und dort fahren Sie locker zum Sieg?

Locker fahren stimmt schon, aber nicht unbedingt zum Sieg. Für den Rest der Saison habe ich zwar keinen Druck. Ich habe viel Selbstvertrauen, das ist ein schönes Gefühl. Aber ich nehme das Rennen ernst und will gewinnen.

Macht es Sie manchmal ein bisschen nachdenklich, wie leicht Ihnen alles fällt, solange es sich auf zwei Rädern abspielt?

Nein, denn es fällt mir nicht alles leicht. Glauben Sie mir, es ist extrem anstrengend, unseren Job zu machen.

Eher körperlich oder eher mental?

Beides. Als Fahrer stehst du zuerst für dich, dann aber auch für dein Team und in der MotoGP ja auch für einen Hersteller im Fokus. Da hängen Existenzen dran, da geht es um Image und um viel Geld. Aber genauso, wie du im Kopf frei sein musst, musst du körperlich dauernd Höchstleistungen bringen. Das geht nur mit viel Training und wenn du Spaß am Job hast.

Der ja beim Dauersiegen von selbst kommt.

Das stimmt so nur zum Teil. Vor dem Sieg kommt das Rennen. Und Valentino (Rossi, d.R.), Dani (Pedrosa, d.R.) und Jorge (Lorenzo, d.R.) haben es mir immer verdammt schwer gemacht. 45 Minuten im Rennen sind lang. Wir sind oft viel schneller als 300. Jeder Zweikampf kostet Substanz. Und alle jagen mich.

Sie haben Stürze erlebt, bei denen Sie kurz zuvor jenseits der 300-km/h-Grenze (in Mugello 2013 lag der Ausgangspunkt bei Tempo 338, d.R.) unterwegs waren. Bislang sind Sie weitgehend unverletzt geblieben. Kennen Sie das Wort Angst?

Auf dem Motorrad nicht. Sonst schon. Ich möchte zum Beispiel nie meine Leistungsgrenze erreichen. Wenn das passiert, bist du als Rennfahrer irgendwie am Ende. Leider weiß ich, dass sich mein Wunsch wohl nicht erfüllen lässt. Sonst hatte ich nur einmal richtig Angst. Das war nach einem Sturz in Malaysia (in der Saison 2012, d.R.), als ich Sehprobleme bekommen habe, die nicht weggehen wollten. Da hatte ich Angst um meine Karriere, weil ich eine lange Zwangspause hatte. Angst habe ich sonst nur auf dem Meer. Irgendwie ist mir das, was da unter mir ist, unheimlich.

Vor dem Start in die Saison 2014 haben Sie sich beim Motocross das Wadenbein gebrochen. Hatten Sie da ein paar bange Wochen?

Zum Glück sind die Bänder heil geblieben. Der Bruch war also nicht kompliziert. Ich habe zwar zwei Testfahrten versäumt, aber das war nicht ganz so schlimm.

Wann erreicht ein Fahrer eigentlich seine Leistungsgrenze?

Das weiß man leider nicht, sonst könnte man sich ja vorher verabschieden.

Bewundern Sie deswegen vielleicht Valentino Rossi, weil er mit bald 36 in seiner 19. Saison immer noch ganz vorn mitfährt, sogar Rennen gewinnt?

Auf jeden Fall. Valentino war mein Vorbild als Junge. Ich hatte Poster von ihm im Zimmer. Es wäre toll, mal gegen den 21-jährigen Rossi antreten zu können. Ich wäre schon neugierig zu wissen, wie gut er da war.

Haben Sie sich eigentlich verändert nach dem ersten WM-Titel in der MotoGP

Ja. Ich habe viel mehr Erfahrung. Sowohl auf der Piste als auch im ganz normalen Leben. Ich hatte ja plötzlich viel mehr Termine mit Sponsoren und auch mit den Medien. Ich glaube schon, dass ich ganz gut zuhören kann und auch nicht vorschnell mit Äußerungen bin.

Aber ganz spontan in ein Restaurant können Sie nicht mehr gehen.

Stimmt, das ist extrem schwierig. Dabei meinen es die, die ein Autogramm oder ein Foto wollen, ja nicht böse. Es geht aber trotzdem nicht.

Taugen Sie zu Vorbild?

Das müssen andere beantworten.

Waren Sie, wegen der Titelchance, vor dem Rennen in Japan nervöser als sonst?

Man konnte im TV sehen, dass ich nicht wie gewohnt fuhr, vor allem in der ersten Runde. Ich war in der ersten Kurve extrem zurückhaltend. Viele Fahrer sind vorbeigezogen, weil ich zu zeitig bremste. Doch das ist normal. Denn da habe ich wirklich Druck gespürt. Es war schwierig zu Rennbeginn. Ich war einfach nicht locker.

Gibt es etwas, das Sie nicht gut können?

Ja, ich verliere auf der Playstation immer gegen meinen Bruder Alex. Ich werde dann wütend. Es gibt da auch noch ein Motocross-Spiel, das man auf dem iPhone spielen kann, und Pedrosa ist immer 1,5 Sekunden schneller als ich. Das macht mich wahnsinnig, weil man die Zeiten online sehen kann. Da ich seinen Gamer-Namen kenne, kann ich immer sehen, dass er schneller ist.

Ihr Bruder Alex könnte in einigen Jahren Ihr Konkurrent werden. Er hat die besten Aussichten, in dieser Saison den Moto3-Titel zu gewinnen. Was ist, wenn er nicht nur auf der Playstation schneller wäre?

Erst mal werde ich versuchen, ihm mit gemeinsamem Training und guten Tipps zu helfen, damit er Weltmeister wird. Dann gibt es in Cervera (Marquez’ Heimatstadt, d.R.) sicher ein großes Fest. Und wenn er später mal MotoGP fährt, dann soll er Respekt vor seinem älteren Bruder haben und Zweiter werden.

Wobei können Sie am besten entspannen?

Im Kino oder vor dem Fernseher. Mein Lieblingsfilm ist Django von Quentin Tarrantino.