DTM

Weltmeister im Simulieren

Pascal Wehrlein ist mehr als DTM-Pilot. Nebenher hilft er den Formel-1-Kollegen Hamilton und Rosberg beim Titelgewinn

Pascal Wehrlein ist ein Mann der Superlative. Mit 18 war er der jüngste Pilot der DTM-Geschichte, mit 19 fuhr er vor vier Wochen auf dem Lausitzring im Mercedes als jüngster Sieger über die Ziellinie. Am Sonntag (13.30 Uhr, ARD) will er sich selbst beschenken. Einen Tag nach seinem 20. Geburtstag gibt es für ihn beim Saisonfinale der Deutschen Tourenwagen Meisterschaft auf dem Hockenheimring nur ein Ziel: „Ich will mein zweites Rennen gewinnen.“

Stillstand ist für ihn ein Fremdwort. „Ich bin sehr, sehr ehrgeizig und ungeduldig“, gibt er zu. „Es war ein Vorteil, dass ich immer der Jüngste war und mich mit Älteren messen konnte.“ Und am liebsten würde Wehrlein gleich den nächsten Schritt tun. „Mein Ziel ist es, Fahrer in der Formel 1 zu werden. Ich wäre dafür bereit“, sagt er mit Selbstbewusstsein, das er sich durch seine vielen Erfolge im Kart, in der Formel 3 oder jetzt in der DTM erworben hat. Ein Träumer ist der gelernte Feinmechaniker aber nicht. „Wann ich in der Formel 1 fahren werde, weiß ich nicht, zumal Lewis Hamilton und Nico Rosberg bei Mercedes noch laufende Verträge haben. Mir macht aber auch die DTM riesigen Spaß. Erst recht nach meinem ersten Sieg.“

Für Norbert Haug, den früheren Mercedes-Teamchef, steht Wehrlein vor einer ganz großen Zukunft. „Pascal gehört zu den größten Talenten und kann es auch in der Formel 1 an die Spitze schaffen“, sagt der ARD-Experte. „Richtiges Auto und richtiges Team vorausgesetzt. Beides hat er jetzt, auch wenn er in absehbarer Zeit nur im Ausnahmefall zum Einsatz kommt.“ Seit einigen Wochen hat Mercedes nämlich Wehrlein zum Testfahrer und Ersatzpilot für die Königsklasse des Motorsports befördert.

Seine Aufgabe findet zwar im Verborgenen statt, ist aber enorm wichtig. An den Formel-1-Wochenenden sitzt Wehrlein stundenlang im Simulator. Er probiert dann verschiedene Einstellungen des Mercedes-Boliden aus. Je nach Ergebnis können die Ingenieure dann die Erkenntnisse aus dem Simulator in den Autos von Hamilton und Lewis umsetzen. „Pascal hat zeitweise die ganze Nacht über im Simulator gesessen. Er hat eine sehr wichtige Rolle im Team übernommen“, lobt Christian Wolff, der Mercedes-Teamchef.

Nach dem letzten DTM-Rennen am Sonntag wird sich Wehrlein ganz auf die Arbeit im Formel-1-Team für die restlichen drei Läufe konzentrieren. Fühlt er sich denn auch ein wenig als Weltmeister, nachdem Mercedes vor einer Woche den Konstrukteurs-Titel perfekt machte? „Teil, teils. Ich bin für das Team sehr viel im Simulator gefahren“, antwortet er. „Als Fahrer fühlst du dich aber als Weltmeister, wenn du selbst bei den Rennen auf der Strecke warst. Die Hauptarbeit haben die Ingenieure und Fahrer geleistet.“

Trotz aller Erfolge ist Wehrlein auf dem Teppich geblieben. Viel dazu beigetragen hat seine Familie. Seine aus Mauritius stammende Mutter Chantal und sein Vater Richard begleiten den Sohn im Wohnmobil auf seinen Renneinsätzen. „Ich bin ich nicht der Typ, der zum Abheben neigt“, sagt Pascal Wehrlein. „Ich habe schon gesehen, wie schnell es anders laufen kann.“

Damit meint er vornehmlich Probleme mit dem Auto, so wie er sie zu Saisonbeginn in der DTM erlebte. Wehrlein hat jedoch auch einen ganz persönlichen Rückschlag verarbeiten müssen, der ihn bis dato noch bekannter gemacht hat als seine Erfolge im Motorsport. Während des Trainingslagers der deutschen Fußball-Nationalmannschaft vor der WM wurden Ende Mai in Südtirol ein einheimischer Streckenposten und ein Tourist aus Thüringen schwer verletzt. Bei Werbeaufnahmen für Mercedes konnte Wehrlein in Folge eines Bremsmanövers des vor ihm fahrenden Rosberg nicht mehr ausweichen und erfasste so die beiden Personen. Das Landgericht in Bozen stellte fest, dass Wehrlein nicht den nötigen Sicherheitsabstand zu Rosberg gehabt habe. Inzwischen ist klar, dass der junge Mercedes-Pilot keine strafrechtlichen Folgen fürchten muss.

„Die erste Zeit nach dem Unfall war sehr schwierig für mich. Mir lag es am Herzen, dass ich Kontakt zu der Familie bekam. Ich habe sie zweimal besucht“, sagt Wehrlein. „Der Mann ist auf dem Weg der Besserung. Es war der richtige Schritt, sich einzusetzen und zu zeigen, dass man den Unfall nicht vergessen hat und dass es ein trauriger Tag war.“ Und so würde es auch bei einem Sieg von Pascal Wehrlein auf dem Hockenheimring bleiben.