Defizite

Das Ende der Leichtigkeit

Erstmals seit dem Aufstieg 2007 geht die Entwicklung bei den Füchsen bergab. Jetzt ist besonders Trainer Sigurdsson gefordert

Den Handball-Profis der Füchse Berlin hatte es die Sprache verschlagen. Wortlos schlichen sie nach dem 26:26 gegen den HC Erlangen, das sich wie eine Niederlage anfühlte, in die Katakomben der Schmeling-Halle. Nur Torhüter Petr Stochl erklärte: „So ist ist eben im Sport: Einmal bist du oben, einmal unten.“

Die Füchse sind nach dem Remis gegen den Aufsteiger am vorläufigen Tiefpunkt angelangt. 9:9 Punkte, Platz zwölf in der Tabelle. Weit entfernt ist die Mannschaft von Trainer Dagur Sigurdsson von den eigenen Ansprüchen. „Da gibt es nichts schönzureden“, sagte Geschäftsführer Bob Hanning. „Man darf jetzt nicht wegschauen“, ergänzte der Trainer.

Was ist los mit den Füchsen? Sicherlich sind sie in dieser Saison vom Verletzungspech gebeutelt. Der Ausfall von Bartlomiej Jaszka, Denis Spoljaric, Pavel Horak und Colja Löffler lässt sich, trotz der Nachverpflichtung von Petar Nenadic und Kasper Nielsen, nicht kompensieren. Aber Hanning sagte zu Recht: „Es wäre fatal, wenn wir jetzt warten wollen, bis die Verletzten zurück sind.“

Sicher ist aber auch: Die Mannschaft kann und muss selbst in ihrer aktuellen Besetzung besser spielen, als sie das bisher getan hat. Hanning sprach mit Blick auf die zweite Hälfte gegen Erlangen von einer „desolaten Leistung“. Nach der Pause habe sich das Team „in Einzelteile pulverisiert“.

Doppelbelastung wird zum Thema

Als „wackelig und ohne Konstanz“ bezeichnete Sigurdsson den Status quo seiner Mannschaft. Der Isländer weiß, dass gerade er nun besonders gefordert ist. „Wir müssen jetzt diese Herausforderung meistern. Das gilt für mich und alle im Verein.“ Nur gemeinsam gehe es, so Hanning. Der Trainer werde jegliche Unterstützung bekommen. „Wir werden ihm helfen. Bisher hat er immer die richtige Balance in den Dingen gefunden.“

Die Füchse sehen sich jetzt einer Diskussion ausgesetzt, die unbedingt vermieden werden sollte. Hätten die Berliner einen einigermaßen erfolgreichen Saisonstart hingelegt, hätte wohl niemand groß die Doppelbelastung von Dagur Sigurdsson thematisiert, der neuerdings Füchse-Coach und Bundestrainer in Personalunion ist. „Hat er sich mit den Jobs übernommen?“, fragte das ZDF-„Morgenmagazin“ am Tag nach dem indiskutablen Remis gegen Erlangen und sendete gleich ein kritisches Fan-Statement dazu.

Hanning, der als für den Leistungssport zuständige Vizepräsident des Deutschen Handballbundes (DHB) ja führend an der Inthronisierung des Isländers beim Nationalteam beteiligt war, hat immer erklärt, die Doppelfunktion dürfe und werde nicht als Ausrede jedweder Art herhalten. Der 41-jährige Sigurdsson selbst hat in der Vergangenheit in Interviews Fragen nach der Doppelbelastung eher mit Ironie gekontert. So finden sich auf seinem Facebook-Account auch Fotos, die mit dem entsprechenden Schlagwort (#Doppelbelastung) versehen sind: Schüler bei einem Handballturnier, oder zwei Fernseher in einem Zimmer, die unterschiedliche Programme ausstrahlen.

Auf entsprechende Nachfrage antwortete Sigurdsson am Mittwoch gegenüber dem ZDF: „Zwei Jobs? Das ist so, als wenn ich eine Champions-League-Saison habe. Da kommen neue Mannschaften, die man beobachten und analysieren muss.“

Aber der signifikante Unterschied ist eben doch, dass ein Trainer in Doppelfunktion nicht nur mit einer Mannschaft, sondern nebeneinander mit zwei unterschiedlichen Gruppen arbeiten muss. Auch da gilt es, die Balance zu halten. Eine andere Lösung als die momentane wird es aber nicht geben. Sigurdsson und Hanning sagten im Angesicht der Füchse-Krise unisono: „Wir müssen da durch.“

Die Situation im Oktober 2014 ist neu für den Berliner Handball-Bundesligisten: Denn seit dem Aufstieg 2007 ist es kontinuierlich bergauf gegangen. Sigurdsson und Hanning haben den Klub binnen weniger Jahre zu einer hervorragenden Adresse, national wie international, gemacht: Es gab Top-Platzierungen in der Bundesliga (5./2014, 4./2013, 3./2012 und 2011), in der Champions League wurde das Final Four erreicht (2012); die Füchse wurden im April dieses Jahres sogar deutscher Pokalsieger (erster Titel in der Vereinsgeschichte), einen Monat später erreichte der Klub Rang drei im EHF-Cup. Schritt für Schritt steigerte sich die Handball-Begeisterung in der Stadt. In der Saison 2013/2014 verzeichneten die Berliner in der Schmeling-Halle einen Schnitt von 7963 Fans.

Bereits am Freitag in Wetzlar

Es klang etwas Wehmut durch, als Hanning sagte: „Alles, was leicht war in den vergangenen Jahren, ist jetzt schwer.“ Die Füchse und das Ende der Leichtigkeit. Zum Vergleich die Saison 2013/2014: Nach der Vorrunde, nach 17 Spielen, hatten die Berliner lediglich acht Minuspunkte auf ihrem Konto.

Jetzt, so Hanning, „wird es spannend“. Wie wird die Reaktion der Mannschaft sein? Bereits am Freitag müssen die Füchse in Wetzlar antreten. „Wenn wir unter Stress geraten, sind wir keine Mannschaft“, kritisierte der Geschäftsführer und forderte: „Im Kopf muss sich was ändern.“

Nervosität bei den Spielern angesichts der vielen Punktverluste ließ er allerdings nicht gelten: „Wir reden hier nicht von 15-Jährigen. Es gibt genügend Spieler in der Mannschaft, die viel internationale Erfahrung haben.“

Hanning schlug deutlich Alarm: „Wenn es nicht besser wird, werden wir sogar unten reinrutschen.“