Boxen

Pflegestufe 3

Deutschlands Amateurboxer kämpfen nach Kündigung von Bundestrainer Bastian ums Überleben

25 Jahre Mauerfall, allenthalben wird Bilanz gezogen. So auch bei den Box-Amateuren. Vor einem Vierteljahrhundert wurde aus der, im internationalen Vergleich, ordentlichen bundesdeutschen Nationalstaffel eine Mannschaft von Weltklasse. Die Verstärkung durch die ehemaligen DDR-Kämpfer war signifikant. Aus dem strotzenden jungen Mann ist inzwischen, in übertragenem Sinn, ein Patient mit Pflegestufe 3 geworden.

Überregional ist das Amateurboxen in der Versenkung verschwunden – allenfalls bei Olympischen Spielen verirrten sich einige Bilder auf die TV-Schirme. Die Bundesligen eins und zwei fristen ein Schattendasein. Vorläufig letzter negativer Höhepunkt: Am Tag der Eröffnung der Deutschen Meisterschaften in Straubing wurde bekannt, dass Cheftrainer Michael Bastian das Handtuch geworfen hat. „Wir sind zu dem Entschluss gekommen, dass wir uns trennen müssen und wollen den Schritt arbeitsrechtlich mit möglichst wenig Blutvergießen gehen“, sagte Präsident Jürgen Kyas vom Deutschen Boxsport-Verband (DBV). Bastian (Vertragsende nun Dezember 2014) hat sich bislang nicht geäußert. Aber der Trennung war Streit vorausgegangen. Dem Vernehmen nach gab es Meinungsverschiedenheiten über die Bewertung der Kämpfe und insbesondere über die Bewertung der Punktrichter.

Bastian, von 1992 bis 2008 Forschungsgruppenleiter Boxen am Institut für Angewandte Trainingswissenschaften in Leipzig, war maßgeblich an der Entwicklung der umstrittenen Punktmaschine beteiligt. Auch wenn das alles ordentlich aufgearbeitet würde, die zunächst überraschende Entwicklung ist nur ein Teilchen im Dilemma-Puzzle der Box-Amateure.

In 25 Jahren ist es nicht gelungen, einen TV-Partner zu finden – allen vollmundigen Statements („Wir sind in konstruktiven Gesprächen“) zum Trotz. Das einzige Weltklasseturnier in Deutschland, der Chemiepokal in Halle, „glänzt“ mit Zuschauerzahlen um die 350 – an allen Tagen. Darüber hinaus bekommen die hiesigen Boxfans die Spitzenamateure nur ganz sporadisch zu sehen. Der Grund dafür verbirgt sich hinter den Buchstaben WSB, World Series of Boxing. Kurz gefasst: Der Weltverband Aiba hat eine weltweite Serie ins Leben gerufen, in der Top-Staffeln aus den USA, Russland, Kuba, Kasachstan, China, Italien oder eben Deutschland gelistet sind. Somit wird auch an exotischen Orten wie Shanghai oder Almaty geboxt.

Dazu kommt, dass die deutschen Erst- und Zweitligisten Kämpfer, die in der WSB-Truppe (momentan German Eagles, zuvor Leipzig Leopards) aufgestellt sind, nicht im Liga-Team einsetzen dürfen. In der letzten Saison betraf es Berlin mit dem mittlerweile zu den Profis gewechselten Stefan Härtel. Das ist so, als würde Bayern München Arjen Robben zwar als Vereinsmitglied führen, ihn aber nie aufs Spielfeld lassen dürfen. Präsident Kyas, pensionierter Kriminalbeamter, schwört dennoch auf die Zusammenarbeit mit der Aiba: „Es ist für mich die beste Variante, unsere Spitzenboxer auf Weltniveau zu halten und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich für Olympia in Rio zu qualifizieren.“ Doch der 64-Jährige muss offen zugeben: „Finanziell hängen wir am Tropf der Aiba.“ Daran wird sich auf absehbare Zeit nichts ändern. Denn abgesehen vom Weltverband existiert der DBV nur aufgrund von Zuwendungen durch das Innenministerium (BMI) und den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB).

Ein neuer Bundestrainer, am häufigsten genannt wird Ex-Profi-Coach Michael Timm, muss schnell ein Team für die WM 2015 in Katar zusammenstellen. Bei Olympia 2012 blieben die deutschen Boxer ohne Medaille, und bei einem ähnlichen Fiasko in Rio könnte es dem Verband an den Kragen gehen. Der DOSB und auch das BMI könnten dann fragen, ob die Fördergelder besser eingesetzt werden können.