Eishockey

„Ich will hier kein Rentner werden“

Eisbären-Neuling Noebels hat klare Vorstellungen über sein Engagement bei den Berlinern

Von komplettem Neuland spricht er zunächst. Schon klar, nach fast fünf Jahren in Nordamerika fühlt sich das erst einmal so an. Um anzukommen braucht Marcel Noebels aber nur ein paar Minuten. „Ich kenne ja ein paar Gesichter“, sagt der neue Stürmer des EHC Eisbären. Mit Henry Haase spielte er damals zusammen, als er 2006/07 für ein Jahr bei den Juniors war. Peter John Lee managte schon den Berliner Klub aus der Deutschen Eishockey Liga (DEL), Trainer Jeff Tomlinson kümmerte sich seinerzeit um den Nachwuchs. Viele alte Bekannte.

Viel Zeit verlieren will Noebels daher auch nicht. Nach der ersten Einheit fährt er mit Tomlinson an die Taktiktafel. Einzeleinweisung. „Eigentlich wollten wir erst morgen darüber reden, wie gespielt wird. Aber ich wollte das gleich machen, damit ich schon eine Nacht drüber nachdenken kann“, erzählt der Stürmer. Freitag will er gegen Köln aufs Eis und gleich drin sein im Eisbären-Modus, gleich eine Rolle spielen. Die richtige diesmal.

Für ihn bedeutet das: handeln, aktiv sein. „Ich bin ein Spielertyp, der die Scheibe gern am Schläger hat“, sagt er. Was ihm Tomlinson da erklärt hat, das passt: „Die Eisbären spielen aggressiv und schnell, was mir liegt.“ Zuletzt sollte er die Scheibe mehr oder weniger ins gegnerische Drittel dreschen, wenn die Mittellinie in Sicht war. Mehr wollten sie von ihm nicht bei den Philadelphia Flyers. Für das NHL-Team stand er in der Vorbereitung noch auf dem Eis, in den Farmteams sollte er eingesetzt werden, so wie in den beiden Jahren zuvor auch. Diesmal machte er nicht mit, löste den Vertrag auf und legte den NHL-Traum beiseite. Enttäuscht? „Man muss ja für sich Schlüsse ziehen. Für mich persönlich habe ich keine Zukunft mehr gesehen bei dem Trainer und dem Team“, sagt Noebels. Ihm habe das nichts mehr gebracht, Teil dieser Mannschaft zu sein.

Spieler mit viel Potenzial

Selbstbewusst redet er darüber, nicht wie jemand, für den gerade etwas kaputtgegangen ist. So betrachtet er das auch nicht. „Ich habe hier in Berlin drei Jahre unterschrieben, damit ich neu anfangen kann. Aber ich will hier kein Rentner werden, sondern mich weiterentwickeln und gucken, was in ein paar Jahren ist“, erzählt Noebels. Jetzt ist er erst einmal froh, dass die Episode mit den Flyers erledigt ist. Dass die in Berlin vor ihm liegt. Über Alternativen hat er sich gar keine Gedanken gemacht, als nach seinem Schlussstrich in Philadelphia vor einer Woche das Angebot der Eisbären kam. Sein Berater hätte wohl lieber mehr sondiert, Noebels ist 22 Jahre alt, deutscher Nationalspieler, WM-Torschütze. So einer hat viele Möglichkeiten. „Man muss auf sein Gefühl hören, nicht nur darauf, was Spielerberater sagen“, erzählt Noebels. Er kennt ja den Klub, das Umfeld, die sportliche Leitung. Und: „Ich finde, Peter hat sich sowas von ins Zeug gelegt.“

Das lässt sich auch grundsätzlich verstehen. Noebels ist eine Verpflichtung mit Ambitionen, selten in den vergangenen Jahren schlug der EHC so kräftig auf dem Spielermarkt zu wie in dieser Saison. Ausgenommen beim NHL-Lockout, bei dem vor zwei Jahren die Superstars Claude Giroux und Daniel Briere für ein paar Spiele beim EHC weilten. Beide kamen aus Philadelphia, im Sommer wechselte der langjährige Eisbären-Torhüter Rob Zepp genau dort hin, verbrachte einige Zeit mit Noebels und spielt nun im Farmteam. Das sieht fast ein bisschen nach Kooperation aus. Jedenfalls holten die Berliner zwei Mal finnische Weltklasse und Erfahrung neu ins Team mit Torhüter Petri Vehanen und Stürmer Antti Miettinen, einmal die offensive Allzweckwaffe Petr Pohl, dazu mit Torhüter Mathias Niederberger und eben Noebels deutsche Spieler mit viel Potenzial. Die Eisbären haben nach der verkorksten Vorsaison mit dem Aus im Pre-Play-off offenbar etwas vor.

Wenn irgendwann alle Verletzten zurück sind, herrscht nun im Angriff reges Gedränge. „Wir haben Konkurrenz von innen, das wollten wir immer. Jetzt muss sich jeder für Eiszeit empfehlen. Das ist super für uns und super für die Jungs, denn du bist am besten, wenn du Konkurrenz hast“, sagt Tomlinson. Noebels kommt ihm in vielerlei Hinsicht gerade recht. „Er spielt gradlinig und mit gutem Eishockeyverstand, er wird uns in jedem Bereich helfen“, so der Trainer. Sogar Führungsqualitäten sieht er schon in dem Angreifer, der versucht, andere in Szene zu setzen und selbst Torjäger zu sein.

Erwachsen wirkt er auf jeden Fall, ziemlich professionell auch. Er kann mit all dem Neuen am ersten Tag beim EHC locker umgehen, ohne gleich nervös zu werden. Seine lange Wanderschaft hat ihn bereits mit 22 routiniert gemacht. Mit 14 ist er aus der Heimat weg, erst nach Berlin, dann nach Mannheim, noch mal kurz zurück nach Krefeld, dann Nachwuchsteams in den USA. „Als ich ging, war ich mehr oder weniger schon in der Lage, mein eigenes Bett zu machen. Jetzt kann ich mir auch schon ein bisschen was kochen.“ Noebels neigt zum Scherzen. Natürlich konnte er viele Erfahrungen sammeln.

Bald wir eine dazukommen. Nächste Woche Freitag treten die Eisbären in Krefeld an, in seiner Heimatstadt, bei seinem Heimatklub. Dort hat Noebels zuletzt immer sein Sommertraining verbracht, er kennt da alles, jeder kennt ihn. Trotzdem standen die Pinguine für ihn nicht zur Debatte bei der Rückkehr in die DEL. „Ich weiß nicht, ob ich mich noch in die Stadt trauen darf“, sagt er. Am Wochenende war er noch dort gewesen, da hofften viele in Krefeld, ihn bald wieder im KEV-Trikot zu sehen.