EM-Qualifikation

Hohn und Spott für Briefträger-Fußball von Oranje

Nach 0:2 auf Island steht Bondscoach Guus Hiddink schon wieder vor dem Aus

Arjen Robben hatte sich im Griff. In Wahrheit musste er sich beherrschen. „Ich koche von innen“, gestand der Angreifer von Bayern München nach der Niederlage der Niederländer auf Island. 0:2 (0:2) unterlag der WM-Dritte beim Fast-WM-Teilnehmer. „Ja, das ist peinlich“, sagte Robben. Bondscoach Guus Hiddink äußerte sich gemäßigter. „Enttäuscht“ sei er, „aber ich bin nicht böse“, behauptete er.

Auch Hiddink hatte sich diesmal im Griff, dafür spuckten die niederländischen Medien Gift und Galle. „Briefträgerfußball“, schimpfte die Zeitung „De Volkskrant“, habe die Elftal gespielt, „sie verlor gegen die nordeuropäische Variante des modernen Fußballspiels mit einem Hauch Tiki-Taka. Die Mannschaft von Hiddink fällt auseinander wie eine Mannschaft von kleinen Fräuleins.“ „De Telegraaf“ notierte: „Oranje ist im Auflösungszustand.“ Bondscoach Hiddink räumte nach der Pleite ein: „Es geht um fehlendes Tempo. Wir spielen einfach zu langsam.“

Von vier Spielen unter dem neuen Bondscoach hat Holland drei verloren. Nach drei Partien in der EM-Qualifikation hat Oranje nur drei Punkte. Die Niederlage auf Island durch die beiden Treffer des Ex-Hoffenheimers Gylfi Sigurdsson von Swansea City (10./Foulelfmeter, 42.) war die zweite nach jener gegen Tschechien (1:2). In der Gruppe A liegen die Niederlande mit drei Zählern auf Rang drei hinter Island und Tschechien (jeweils 9). Es werde ein „langer, bleischwerer Weg“ bis zur Europameisterschaft 2016 in Frankreich, schwant Kapitän Robin van Persie.

Schon gibt es prominente Stimmen, die Hiddink, 67, zum Rücktritt auffordern, der das Amt nach Platz drei bei der WM in Brasilien von Louis van Gaal übernommen hat. „Es ist vorbei, es ist an der Zeit, einem jüngeren Coach Platz zu machen“, sagte Frank de Boer, Trainer von Ajax Amsterdam, über seinen früheren Mentor Hiddink. De Boer wirft Hiddink vor, „keinen Plan“ zu haben. Hiddink wiederum schiebt die Schuld auf die Spieler. „Einige sollten sich nach ihrer Zukunft in der Nationalmannschaft fragen“, sagte der Bondscoach.

Kapitän van Persie hält nichts davon, Hiddink für die Lage verantwortlich zu machen: „Er ist ein fantastischer Coach“, betonte er. Das Problem, glaubt Robben, sei doch ohnehin die Einstellung: „Vergesst die WM. Hört auf, über die WM zu reden und über 5-3-2. Das Problem ist kein taktisches“, behauptete der Münchner. Sondern? „Wir müssen aufhören zu glauben, dass wir gut sind. In Wahrheit sind wir nicht gut.“

Für viele Beobachter ist es keine Frage mehr ob, sondern wann Hiddink das Handtuch wirft. Er will davon vorerst nichts wissen. „Man muss das jetzt alles in aller Ruhe analysieren.“ Doch bezeichnend war ein kurzes Interview. „Sitzt du hier noch im nächsten Monat auf der Bank?“, fragte ein Reporter. „Wo? Hier in Island?“, antwortete Hiddink. „Bei Oranje?“ fragte der Reporter. Hiddink sagte nichts. Und das sagte alles. „Es ist vorbei mit Guus“, meinen schon viele Kommentatoren. „Willst du dir das eigentlich überhaupt noch antun?“ fragte ein TV-Reporter. Hiddink lächelte nur verkrampft.

Der Nachfolger steht schon fest

Bei der WM 1998 hatte Hiddink die Niederländer ins Halbfinale geführt, die Runde der letzten vier soll es bei der EM erneut werden, mindestens. Grundsätzlich darf man sich wundern über die Personalpolitik des holländischen Verbandes KNVB: Schon jetzt steht fest, dass Guus Hiddink sein Amt nach der EM 2016 an seinen derzeitigen Assistenten Danny Blind, 53, übergeben wird.

In der EM-Qualifikation stehen noch sieben Begegnungen aus. Im November geht es in Amsterdam gegen Lettland. Das erste von sieben Endspielen für die Niederlande.