Länderspiel

O’Shea schockt den Weltmeister

Deutschland kassiert in der vierten Minute der Nachspielzeit den 1:1-Ausgleich gegen Irland

Joachim Löw schaute schon nervös auf die Uhr. Der Bundestrainer hätte gern gehabt, dass das Spiel längst abgepfiffen wird. 1:0 führte seine Mannschaft bis in die vierte Minute der Nachspielzeit im EM-Qualifikationsspiel gegen Irland nach einem Fernschusstreffer von Toni Kroos (71. Minute). Doch dann schlugen die Iren den Ball noch einmal in den deutschen Strafraum, der landete bei John O’Shea und der Abwehrspieler drückte ihn in seinem 100. Länderspiel für Irland zum 1:1-Ausgleich ins deutsche Tor. Die Iren rissen die Arme hoch und die Deutschen schauten perplex.

Kroos trifft per Fernschuss

Löws Team verpasst damit die Wiedergutmachung nach dem 0:2-Ausrutscher gegen Polen am vergangenen Sonnabend, schiebt gleich noch einen erneuten Ausrutscher hinterher und findet sich nun in Gruppe D nur auf Platz vier wieder. „Wir sind enttäuscht. Das war völlig unnötig. Eigentlich haben wir gut gespielt, aber in den letzten fünf Minuten machen wir alles falsch, was man falsch machen kann“, sagte Torschütze Kroos und ergänzte: „Mir ist das völlig unerklärlich. Das Gegentor kann passieren, aber nicht so.“

Löw musste seine Mannschaft personell umstellen: Nach Christoph Kramer meldete sich am Spieltag auch noch André Schürrle mit einem grippalen Infekt ab. Der Chelsea-Profi war damit bereits der achte Spieler, der Joachim Löw fehlte. Von vornherein fehlten Bastian Schweinsteiger, Sami Khedira, Mesut Özil, Benedikt Höwedes, Marco Reus und Mario Gomez. Auf der Ersatzbank saßen nur noch vier gesunde Feldspieler – ein Novum. Beim Blick auf die deutsche Aufstellung hätten die Iren zweifeln können, ob sie wirklich dem Weltmeister gegenüberstanden. Matthias Ginter im zentralen Mittelfeld? Antonio Rüdiger und Erik Durm als Außenverteidiger sowie Julian Draxler und Karim Bellarabi auf den Außenpositionen?

Dabei war die Ausgangslage für die Nationalelf klar: Der Ausrutscher in Polen musste repariert werden, um trotz des vergleichsweise leichten Qualifikationsmodus – neben den zwei besten Mannschaften jeder Gruppe und dem punktbesten Dritten können die restlichen Dritten in den Playoffs die verbleibenden Plätze ergattern – nicht unter Druck zu geraten.

Das Bemühen der DFB-Auswahl war denn auch deutlich zu sehen, zügig für eine Entspannung der Lage zu sorgen. Mit schnellen, häufig vertikalen Pässen die technische Überlegenheit auszuspielen und so den dichten Abwehrverbund der Gäste zu knacken, so lautete die erkennbare Marschroute. Die deutsche Nationalmannschaft agierte auch dominant, erspielte sich aber in den ersten 45 Minuten kaum zwingende Aktionen vor dem Tor des Weltranglisten-61. Der Distanzschuss von Erik Durm an die Querlatte war noch die beste Chance (5.). Die Zuschauer in der nicht ausverkauften Schalker Arena blieben abwartend und geduldig und honorierten das Bemühen des Weltmeisters. Unterm Strich war das viel zu wenig gegen ein Team, dessen Offensivbemühungen zumeist jämmerlich endeten. Die wie immer stimmungsgewaltigen irischen Anhänger störte dies angesichts des überraschenden Zwischenresultats nicht im Geringsten.

Löw reagierte, brachte nach der Pause Lukas Podolski für Ginter. Es schien, als wollte der DFB-Coach die Torarmut mit Brachialgewalt beenden. Und wie erwartet drückte die Nationalmannschaft nun noch stärker. Torwart David Forde musste erst gegen Bellarabi (53.), dann gegen Kroos (55.) und schließlich gegen Müller (56.) retten.

Doch wie in der ersten Hälfte verflachte das deutsche Spiel danach, der Qualitätsverlust angesichts der vielen Ausfälle machte sich bemerkbar. Löws Team rannte zwar auf das irische Tor an, doch lange wollte nichts Zählbares dabei herausspringen.

Götze wird Elfmeter verwehrt

Dann aber fasste sich Kroos ein Herz und sein 20-Meter-Flachschuss schlug im irischen Netz ein (71.). Dass dieser Treffer eine Erlösung für das deutsche Team war, konnte man an dem großen Jubel bei Löw und seinen Spielern erkennen. Doch der verstummte schnell. Erst rettete Durm gegen Wesley Hoolahan noch im Fünfmeterraum (85.). Dann kam O’Shea und der Schreck in der 94. Minute. Dass Mario Götze zuvor ein klarer Elfmeter verwehrt wurde, als ihn O’Shea im Strafraum niederriss, war umso bitterer.

„Wir sind riesig enttäuscht. Die Iren hatten nur eine einzige Chance und die nutzen sie. Wir waren in den letzten Minuten einfach zu naiv“, sagte Löw nach dem Spiel. Wirkliche Sorgen muss er sich trotz Tabellenplatz vier aber nicht machen. Noch sieben Qualifikationsspiele bis zur EM 2016 stehen an, dann vermutlich wieder mit deutlich mehr Weltmeistern. Am 14. November geht’s in Nürnberg gegen Gibraltar weiter. „Da werden wir ganz klar gewinnen“, sagte Löw.