Fußball-Bundesliga

Einer für den Pott

Champions-League-Sieger Roberto Di Matteo beerbt Trainer Jens Keller bei Schalke 04

Besser hätte es nicht laufen können für Roberto Di Matteo im Mai 2012. Da stemmte er den englischen FA Cup in die Höhe und zwei Wochen später auch noch die Champions-League-Trophäe, ausgerechnet in der Münchner Arena beim „Finale dahoam“ des FC Bayern. Auf den Bildern jener Triumphe ist ein schmächtiger, schalkhaft grinsender Mann inmitten einer Traube bulliger Stars in blauen Trikots zu sehen.

Selbst die größten Experten waren überrascht vom Erfolg des damals 41 Jahre alten Trainers und fragten sich, wie es dieser Schelm aus Schaffhausen geschafft hatte, das hochexplosive Gemisch egozentrischer Topspieler wie Didier Drogba und Frank Lampard unter Kontrolle zu halten. „Solche Spieler überzeugst du vor allem mit Fachkompetenz, aber auch mit Menschlichkeit. Und Robi ist ein herausragender Mensch, dem es auch nicht an der nötigen Lockerheit fehlt“, sagt Rolf Fringer, der Schweizer Trainer.

Di Matteo spielte sechs Jahre für den FC Chelsea, gewann mit den Blues sechs Titel. Sein größter Erfolg als Spieler gelang ihm aber beim kleinen FC Aarau, mit dem er 1993 sensationell die Schweizer Meisterschaft gewann. Dort spielte er unter Fringer als Libero und überzeugte durch sein Stellungsspiel und seine Übersicht: „Schon als 20-Jähriger sprach er über Taktik und Systeme, und mit seiner Technik und seiner überragenden Spielintelligenz hatte er die Stars auch als junger Kerl im Griff. Er war schnell mein verlängerter Arm“, erzählt Fringer.

Neuer Impuls gegen Inkonstanz

Nun darf „Robbie“, wie die Engländer Di Matteo nennen, einen anderen Champions-League-Teilnehmer in Blau übernehmen: den FC Schalke 04. Nach der Demission von Jens Keller, die sich im Grunde über die knapp zwei Jahre seiner Amtszeit vollzogen hatte, entschied sich die Vereinsführung der Königsblauen am Dienstag für die vermeintlich große Lösung. Di Matteo, der Mann mit der Hand am Pott, soll endlich jenen Glanz in den Verein bringen, nach dem sie sich so sehr sehnen. „Es fehlt die notwendige Konstanz, um unsere gesteckten sportlichen Ziele zu erreichen. Daher haben wir uns dazu entschieden, einen Schnitt zu vollziehen“, begründete Schalkes Sportvorstand Horst Heldt die Beurlaubung Kellers. „Wir möchten einen neuen Impuls setzen und sind der festen Überzeugung, dass Roberto Di Matteo das Team stabilisiert und es schafft, unsere Ziele in Bundesliga und Champions League zu erreichen“, sagte Heldt.

Di Matteos Verpflichtung ist dennoch eine Überraschung. Seit Monaten wurde Thomas Tuchel für die Keller-Nachfolge gehandelt. Der ehemalige Mainzer Coach gilt als ausgewiesener Taktikexperte, dessen besondere Stärke die Einbindung vielversprechender Talente ist. Und davon hat Schalke reichlich. Eigenwillige Stars hat Schalke aber auch, etwa Kevin-Prince Boateng, Klaas-Jan Huntelaar oder Weltmeister Julian Draxler. Sie alle spielen manchmal zusammen, dann sind sie überragend. Sehr oft spielt in diesem Team aber jeder nur für sich. Hier dürfte eine der Stärken des Italo-Schweizers Di Matteo gefragt sein. Er ist ein großer Kommunikator und spricht fünf Sprachen fließend. Vor allem aber spricht er die Sprache der Spieler. „Ich kann ihn nicht genug loben für das, was er gemacht hat. Er ist unglaublich“, sagte Chelseas Frank Lampard 2012 .

Die Titel mit dem FC Chelsea sind zu großen Teilen Di Matteos Verdienst, dabei war der nach dem Rauswurf des ungeliebten Portugiesen Andre Vilas-Boas nur als Interimslösung vorgesehen. Doch der „Lückenbüßer“, wie die Zeitungen damals urteilten, überraschte. Nach dem Triumph in der Königsklasse stattete Vereinspatron Roman Abramowitsch Di Matteo mit einem Zweijahresvertrag aus, nur um ihn ein paar Monate später wieder zu feuern. Chelsea war spektakulär in die Saison gestartet, doch die Auftritte des Titelträgers in der Champions League ließen zu wünschen übrig. Und weil der Oligarch damals noch von der ganz großen Lösung Pep Guardiola träumte, musste Di Matteo vorzeitig gehen. Di Matteo trug es mit Fassung: „Wenn ihr jemandem die Schuld geben wollt, gebt sie mir“, sagte er der englischen Presse.

Di Matteo ist freundlich im Umgang, in der Sache aber hart. Er liebt schnellen, kontrollierten Offensivfußball, aber wenn es sein muss, lässt er sein Team auch Beton anrühren. Für seine ultradefensive Spielweise auf dem Weg zum Champions-League-Titel wurde er von den Fußballästheten angefeindet.

Auch dem FC Schalke würde eine Stabilisierung der Abwehr guttun. Zwölf Gegentore in sieben Ligaspielen sind zu viel. Zudem gleicht die Mannschaft einer Diva, die nach einer rauschenden Darbietung gern mal eine Woche die Beine hochlegt. Da wird Di Matteo ansetzen müssen. Doch der Italiener, dessen Vater mit der Familie aus den Abruzzen in die Schweiz zog und dort als Kranführer schuftete, ist kein Schleifer. Vielmehr schwört er seine Spieler auf einen intakten Mannschaftsgeist ein. „Das Wichtigste für einen Trainer ist, eine geschlossene Einheit zu bilden“, sagte Di Matteo einmal. Zudem gilt er als Familienmensch. Mit seiner Frau, einer Engländerin, hat er drei Kinder, seine fünf Jahre jüngere Schwester ist blind. Der heute 44-Jährige hatte es nach seinem Rauswurf bei Chelsea nicht eilig, in den Fußballbetrieb zurückzukommen, lieber kümmerte er sich um seine Familie, mit der er im Londoner Stadtteil Chelsea unweit der Stamford Bridge wohnt.

Herthas Kalou schwärmt

Für Di Matteo, der im Sommer auch bei Eintracht Frankfurt sowie als Schweizer Nationalcoach gehandelt wurde, ist Schalke nun die vierte Trainerstation. Vor Chelsea war er auch bei den Milton Keynes Dons sowie bei West Bromwich Albion. Bundestrainer Joachim Löw, der gemeinsam mit Di Matteo einst in Schaffhausen spielte, hält viel von ihm: „Als 18-Jähriger hat er mir 28-Jährigem erklärt, wie ich im Mittelfeld laufen muss. Ich wusste: Wenn es jemand schafft aus jener Schaffhauser Mannschaft, ein großer Trainer zu werden, dann er“, sagte Löw.

Di Matteos erstes Spiel als neuer Schalker Trainer wird ihn übrigens noch einmal in die Vergangenheit führen: Nach der Länderspielpause trifft er beim Schalke-Debüt auf Hertha BSC. Und da spielt bekanntlich Salomon Kalou. Der Ivorer stand 2012 im Champions-League-Finale in Chelseas Startelf und sorgte dafür, dass Roberto Di Matteo schalkhaft grinsen konnte. „Er ist ein guter Trainer und großartiger Mensch. Wir hatten eine ganz besondere Beziehung. Gegen ihn zu spielen, wird schön“, sagte Kalou der Bild.