Formel 1

Ein Pilot kämpft um sein Leben

Tragischer Unfall des Franzosen Bianchi überschattet den Sieg von Lewis Hamilton beim Formel-1-Lauf in Japan

Der Schock kam mit Verzögerung. Keine Kollision mit einem Konkurrenten, keine umherfliegenden Trümmer, nicht einmal Fernsehbilder zeugten von dem Unfall, der die Formel 1 am Sonntag erschütterte. Es dauerte einige Minuten, bis alle mitbekommen hatten, dass sich Jules Bianchi nicht – wie nach solchen Zwischenfällen üblich – bei seinem Rennstall Marussia gemeldet hatte. Teamchef Peter John Booth eilte mit versteinerter Miene in die Teamgarage. Die meisten Zuschauer erfuhren erst vom Streckensprecher von dem schrecklichen Ereignis, das sieben Runden vor Schluss zum Abbruch des Rennens geführt hatte.

Zwei Minuten, nachdem Sauber-Pilot Adrian Sutil beim Großen Preis von Japan in Kurve sieben in die Streckenbegrenzung gekracht war, hatte auch Bianchi die Kontrolle über seinen Boliden verloren. Anders als der Deutsche, der seinen Einschlag unversehrt überstanden hatte, erreichte der Franzose den Reifenstapel nicht. Er prallte seitlich ungebremst in das Heck eines Bergungskrans, der Sutils Wagen gerade von der Strecke bugsieren wollte. Der Zusammenstoß war so heftig, dass das Sauber-Wrack vom Haken fiel und der Überrollbügel brach, der wichtigste Schutzmechanismus bei Formel-1-Autos mit ihren offenen Cockpits. Das zerstörte Auto wurde später von der Polizei beschlagnahmt. Als die Rettungskräfte an der Unfallstelle eintrafen und den 25-Jährigen aus seinem Boliden befreit hatten, war der nicht mehr bei Bewusstsein. Das Magazin „Auto, Motor, Sport“ zitierte einen Augenzeugen mit den Worten: „Ich habe noch nie ein so übel zugerichtetes Auto gesehen.“ Der Unfall erinnert an den Crash von Maria de Villota, die 2012 bei einem Geradeaustest mit ihrem Marussia in einen parkenden Lkw gerast war und 2013 verstarb.

Regen sorgt für schlechte Sicht

Es begannen Stunden des Bangens, wie sie die Königsklasse des Motorsports seit Jahren nicht mehr erlebt hat. Der Triumph von Lewis Hamilton, der mit seinem achten Saisonerfolg den Vorsprung vor dem zweitplatzierten Mercedes-Kollegen Nico Rosberg auf zehn Punkte ausbaute, geriet zur Nebensache. Die Piloten verzichteten auf die Champagnerdusche, Pressekonferenzen wurden abgesagt. „Zu diesem Zeitpunkt zählt nur, dass Jules Bianchi okay ist und er sich wieder erholt. Im Vergleich dazu ist der Sport im Moment nicht so wichtig“, sagte Mercedes-Motorsportchef Christian Wolff. Bianchis Landsmann Jean-Eric Vergne, Ferrari-Teamchef Marco Mattiacci und Williams-Pilot Felipe Massa eilten umgehend in die knapp 15 Kilometer entfernte Mie-Universitätsklinik, in die der von der Scuderia ausgebildete Franzose gebracht worden war.

Dass der Transport mit einem Rettungswagen und nicht mit dem Helikopter erfolgte, sorgte anfangs für Verwirrung. Den ganzen Tag über hatte es wegen des heraufziehenden Taifuns „Phanfone“ zum Teil heftig geregnet, der Start war deswegen hinter dem Safety-Car erfolgt. Auch zum Zeitpunkt des Unfalls war das Rennen neutralisiert; eine übliche Maßnahme, wenn ein Unfallauto noch nicht von der Strecke geborgen ist. Beim Weltverband Fia hieß es: „Er wurde mit dem Krankenwagen transportiert, weil der Helikopter unter diesen Bedingungen nicht eingesetzt werden konnte.“ Später wurde klar, dass es schlicht zu viel Zeit gekostet hätte, Bianchi auf den Transport im Helikopter vorzubereiten. Ein Krankenwagen mit Polizeieskorte musste reichen.

Im Laufe des Abends ging die Fia näher auf den Gesundheitszustand ein. Die Details klangen alarmierend: „Die Aufnahmen des Computertomografen (CT) zeigen, dass Jules Bianchi schwere Kopfverletzungen erlitten hat. Er wird derzeit operiert und danach weiter intensivmedizinisch betreut.“ Sein Vater sprach von einem „Kopftrauma“. Nach der OP kann Bianchi aber wieder allein atmen.

Augenzeuge Sutil, dem der Schock anzumerken war, führte wenig später die Sichtverhältnisse als Grund für die Unfalldoublette an: „Es war ziemlich heikel. Gegen Ende des Rennens wurde der Regen stärker, es wurde dunkler. Die Sicht wurde schlechter, wobei diese Kurve ohnehin eine der schwierigsten ist. Nach meinem Unfall hätte man gleich das Safety Car bringen können.“ Der Crash habe von Weitem ausgesehen wie eine Kopie seines Unfalls. Andere Fahrer meinten, die Bedingungen seien trotz des nahenden Taifuns vertretbar gewesen. „Ich habe schon fünf Runden davor in meinen Funk geschrien, dass zu viel Wasser auf der Strecke ist“, klagte dagegen Massa die Rennkommissare an. „Aber sie haben sich Zeit gelassen, und dann wurde es gefährlich.“ Ex-Champion Niki Lauda sprach von einer „Verkettung unglücklicher Umstände: Man kann nicht sagen, dass heute irgendetwas falsch gemacht wurde. Ein Auto ist abgeflogen, der Truck ist herausgekommen, und dann ist das nächste Auto abgeflogen.“ Seit Ayrton Senna 1994 hat es in der Formel 1 kein Todesfall mehr gegeben.