Hertha BSC

Kunst und Kollaps

Herthas Ben-Hatira ist eines der besten Beispiele für das Auf und Ab der Branche

Ab durch die Hecke und weg. Man kann ohne Worte nicht deutlicher ausdrücken, dass man keinen Bock auf die Presse hat, als das Änis Ben-Hatira nach Herthas 3:2 gegen Stuttgart getan hat. Anstatt vom Trainingsgelände wie üblich den asphaltierten Weg zur Kabine zu nutzen – vorbei an den Journalisten –, entschied sich der 26-Jährige, einen Umweg zu nehmen. Rüber auf den Rasen auf der anderen Seite, einen Strauch beiseite geknickt, ein bisschen böse geguckt, damit nicht doch noch einer dieser Schreiberlinge auf die Idee kommt, hinterher zu hecheln, und Adieu. Schön spielen ja. Aber drüber reden. Nö.

Man hätte zwar denken können, dass der Mittelfeldspieler Lust auf ein paar Plaudereien hat. Schließlich gelang Ben-Hatira gegen den VfB ein formidabler Auftritt. Und gegen gute Presse kann man ja nichts haben. Aber dem Deutsch-Tunesier sitzt derzeit etwas quer. Schon direkt nach dem Spiel stampfte er wortlos durch die Katakomben des Olympiastadions. Und auch in den vielen Wochen davor blockte er jede Anfrage ab.

Aber wahrscheinlich ist es genau das. Die vielen Wochen davor nämlich waren schlechte für Ben-Hatira. Seit dem Sommer muss er geahnt haben, dass sich da nichts Gutes für ihn bei Hertha tut. Die Berliner rüsteten vor allem auf seiner Position im linken, offensiven Mittelfeld mächtig auf. Mit Genki Haraguchi kam ein talentierter Mann. Zudem investierte Hertha für Valentin Stocker so viel Geld wie lange nicht mehr. Das dürfte dann jeder Profi als deutliches Zeichen verstehen: Was vorher war, hat uns nicht gereicht. Und vorher war eben Ben-Hatira. Mit dem Wissen, frische Kräfte im Kader zu haben, ließ ihn der Berliner Cheftrainer Jos Luhukay schon in der Vorbereitung meistens außen vor. Und hätte Ben-Hatira sich nach einem neuen Verein umgesehen, dann wären ihm keine Steine in den Weg gelegt worden. Weil das aber nicht geschah, blieb Ben-Hatira, bekam bis zum Spiel gegen Stuttgart nur zwei Kurzeinsätze über insgesamt 20 Minuten und schwieg sich aus.

Dass er blieb, hat sich für Hertha nun zumindest schon einmal als erfreulich herausgestellt. In der für die Gemütslage des Klubs wichtigen Partie gegen den VfB vor der Länderspielpause stand er zum ersten Mal in dieser Saison von Beginn an auf dem Feld. Ben-Hatira belebte das Berliner Offensivspiel mit frechen Dribblings und Flanken, bereitete viele Chancen und auch das letztlich entscheidende 3:1 von Roy Beerens vor. „Änis hat das richtig klasse gemacht. Er ist ein Spieler, der das Extra hat“, lobte Luhukay.

Es ist nun nicht so, dass Luhukay grundsätzlich an Ben-Hatiras Qualitäten gezweifelt hätte und deshalb im Sommer Verstärkung forderte. Im Gegenteil: Der 51-Jährige mag seinen anarchischen Stil, seine Kopf-durch-die-Wand-Mentalität, die an guten Tage zu Außergewöhnlichem führen kann. An schlechten aber steht sich Ben-Hatira selbst im Weg. Konstanz kam nie rein, auch weil der Flügelspieler oft verletzt war und danach länger brauchte, um zurück zu seiner Form zu finden. In der vergangenen Saison war das so, als Ben-Hatira zu Beginn der Hinrunde groß auftrumpfte, aber nach einer Verletzung im November nur schwer den Anschluss wiederfand. Ähnliches Bild 2012/13.

Im Schauspiel des rasanten Auf und Ab der Fußballbranche ist Ben-Hatira einer der liebsten Protagonisten. Kunst und Kollaps lagen immer ziemlich dicht zusammen bei ihm. Das aber hat auch dazu geführt, dass Ben-Hatira in Phasen des Unten besonders verbissen an sich arbeitete, um das Oben wieder zu erzwingen. So wie zuletzt: „Änis investiert unglaublich viel – auch neben dem normalen Training. Er ist ein echter Trainingsliebhaber und legt die Messlatte an sich sehr hoch“, sagte Luhukay. Deshalb habe er vor ihm „einen Riesenrespekt“.

Jetzt also ist vorerst wieder Oben für Änis Ben-Hatira. Den Umweg dorthin nahm er über den Trainingsplatz und vorbei an den Journalisten.