Berlin-Marathon

Ein weites Feld an Favoriten

Dennis Kimetto kommt mit der besten Zeit zum Berlin-Marathon, doch die Konkurrenz ist groß. Anna Hahner trägt deutsche Hoffnungen

Mit Weltrekorden in Berlin kennt sich Dennis Kimetto bestens aus. 2012 stellte der Kenianer beim „BIG 25“, einem Nachfolger des Franzosen-Laufs, mit 1:11:18 Stunden eine Weltbestmarke über 25 Kilometer auf. Am Sonntag möchte der 30-Jährige nachlegen und beim 41. Berlin-Marathon (Start 8.45 Uhr) auch den Rekord über die klassischen 42,195 Kilometer knacken. Den hält bislang sein Landsmann Wilson Kipsang mit 2:03:23 Stunden – gelaufen im vergangenen Jahr ebenfalls in Berlin. „Wenn das Wetter mitspielt, ist der Weltrekord möglich“, sagte Kimetto gestern bei der Startnummernvergabe.

Als er vor zweieinhalb Jahren in der Laufszene auftauchte, war er derart unbekannt, dass zunächst weder sein Name noch sein Alter korrekt angegeben wurden. Seine ersten beiden großen Rennen in den Vereinigten Arabischen Emiraten und beim Berliner Halbmarathon gewann er noch als Denis Koech und vermeintlich 18-jähriger Junior. Tatsächlich war er damals schon 28 Jahre alt. Seinen ersten Marathon lief Kimetto 2012 in Berlin, wo er als Zweiter mit 2:04:16 Stunden einen inoffiziellen Debüt-Weltrekord aufstellte, einen Schritt hinter dem Sieger Geoffrey Mutai (Kenia). Bis heute hält sich das Gerücht, dass er auch hätte gewinnen können, aber seinem berühmteren Landsmann und Trainingspartner den Vortritt ließ.

Obwohl Dennis Kimetto am Sonntag mit der schnellsten Bestzeit ins Rennen geht – 2:03:45 Stunden –, ist sein Sieg keineswegs garantiert. Anders als in den Vorjahren, als es beim Berlin-Marathon stets einen klaren Favoriten gab, auf den die Jagd nach dem Weltrekord zugeschnitten war, ist das Feld in diesem Jahr so offen wie nie. Neben Dennis Kimetto dürfen sich noch mindestens drei weitere Läufer berechtigte Hoffnungen auf den Sieg machen: Tsegaye Kebede (Äthiopien), Emmanuel Mutai und Halbmarathon-Weltmeister Geoffrey Kamworor (beide Kenia). „Es ist ein Experiment, das auch nach hinten losgehen kann“, gibt Renndirektor Mark Milde zu. Die Beispiele in New York oder London haben gezeigt, dass viele Köche den (Weltrekord-)Brei auch verderben können, weil sich die Läufer belauern, auf Kosten der Geschwindigkeit.

Für Tsegaye Kebede geht es ebenso wie für Dennis Kimetto auch um die Gesamtwertung in der World Marathon Majors-Serie, in der sich die sechs bedeutendsten Marathonrennen der Welt zusammengeschlossen haben: Neben Berlin sind das Boston, New York, Chicago, London und Tokio. 500.000 US-Dollar erhält der Sieger – Geld, das Kebede gern gewinnen möchte. Bei bislang 18 Marathonstarts landete er 15 Mal auf dem Treppchen, siegte unter anderem zweimal in London und einmal in Chicago. Berlin allerdings ist eine Premiere für ihn. Auch Emmanuel Mutai startet zum ersten Mal beim Berlin-Marathon. „Ich weiß, dass die Strecke sehr schnell ist“, sagt er.

Das Geld liegt auf der Straße

Allen Favoriten gemein ist, dass sie keine große Karriere auf der Bahn vorweisen können. Während es früher üblich war, sich zunächst im Stadion einen Namen zu machen und erst dann auf die Straße zu wechseln – bestes Beispiel: Haile Gebrselassie (Äthiopien) –, beginnen viele Afrikaner heute gleich mit dem Marathon, wo es deutlich mehr Geld zu verdienen gibt. Die Veranstalter stehen damit vor dem Problem, dass sie nicht mehr mit bekannten Namen werben können, die der breiten Masse von Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen bereits ein Begriff sind. „Wir versuchen jetzt, über die World Marathon Majors neue Stars aufzubauen“, erzählt Mark Milde.

Bei den Frauen ist der Weltrekord der Britin Paula Radcliffe (2:15:25) in diesem Jahr außer Reichweite. Die beiden Äthiopierinnen Feyse Tadese (2:21:06) und Tirfi Tsegaye (2:21:19), die mit den besten Zeiten gemeldet sind, müssten ihre bisherige Bestleistung jeweils schon um sechs Minuten verbessern, was nicht realistisch ist. Ebenfalls beste Chancen auf den Tagessieg hat Shalane Flanagan – sie will auf den Straßen Berlins den US-Rekord von 2:19:36 Stunden angreifen.

Die deutschen Hoffnungen ruhen auf Anna Hahner. Die 24-jährige Hessin war vor zwei Jahren Achte und kommt mit der Empfehlung des Erfolgs beim Wien-Marathon im Frühjahr an die Spree. Sie will ihre Bestzeit von 2:27:55 Stunden weiter verbessern – und Berlin scheint ihr dafür der geeignete Ort zu sein. „Der Berlin-Marathon ist ein 42,195 Kilometer langer Hotspot“, sagt sie. Der Startschuss fällt um 8.45 Uhr. „Wer den Fernseher erst um 11.13 Uhr einschaltet, soll mich nicht mehr auf der Strecke sehen.“ Bei ihrem Vorhaben wird sie von drei Tempomachern flankiert, darunter mit Hermann Achmüller einem der erfahrendsten Männer in diesem Geschäft. Er verhalf vor 13 Jahren in Berlin der Japanerin Naoko Takahashi zur weltweit ersten Zeit unter 2:20 Stunden (2:19:46). „Hermann hat breite Schultern, hinter ihm kann ich mich gut verstecken“, sagt Hahner und lacht. Begleitet wird sie außerdem von ihrer Zwillingsschwester Lisa. Die absolviert die 42,195 Kilometer auf dem Fahrrad.