1. FC Union

Endlich einer ohne Hemmungen

Sebastian Polter wird nicht nur wegen seiner Tore zu Unions neuem Führungsspieler

Vielleicht wäre es gar nicht schlecht, sich alles noch ein paar Mal in Ruhe durch den Kopf gegen zu lassen. Den ersten Sieg ein bisschen auszukosten. Alle mussten ja lange darauf warten, sieben Partien, inklusive Pokal. Stattdessen ist nun aber nach dem Spiel schon wieder direkt davor, am Mittwoch muss der 1.FC Union in der Zweiten Liga bereits in Kaiserslautern antreten (17.30 Uhr, Sky). Womöglich fügt sich das sogar besser als eine längere Genussphase. „In der englischen Woche kann man vieles wieder gutmachen, was bisher nicht gut war“, sagt Sebastian Polter.

Viel von dem, was bisher nicht gut war bei den Köpenickern, hat Polter gar nicht mitbekommen. Als letzter Zugang wurde der 23-Jährige kurz vor dem Ende der Transferperiode verpflichtet, als ausdrücklicher Wunschspieler, als Toptransfer. Schon in seiner zweiten Partie rechtfertigte er derlei Attribute. Gegen RB Leipzig schoss er Union mit zwei Toren zum 2:1 und damit zum ersten Sieg unter dem neuen Trainer Norbert Düwel.

Schnelle Eingewöhnung

Polters Eingewöhnung in die neue Umgebung schreitet also zügig voran. „Ich glaube, dass die Abläufe schon ganz gut funktionieren“, sagt die Leihgabe des Bundesligisten FSV Mainz. Drei Wochen ist der Stürmer jetzt bei Union, in dieser Zeit präsentierte er eine Vorzüge bereits recht eindrucksvoll. Wann immer Düwel über den Angreifer spricht, gerät er fast ins Schwärmen. Spätestens gegen Leipzig konnten all jene, denen nicht wie Düwel viele Trainingsimpressionen zur Verfügung stehen, ebenso erkennen, was der Trainer an dem Profi findet. „Er war kämpferisch voll da, war genau der Spieler, den wir gebraucht haben in der Phase“, so Düwel. Einer mit körperlicher Präsenz, mit Wucht und mit einer Ausstrahlung, der sich keiner entziehen kann, mit der er alle anderen auf dem Platz mitreißt.

Genau so etwas haben sie gebraucht, einen Antreiber, der die Mannschaft aus ihrer oft ein wenig schlafmützigen Mentalität erweckt. Was da bis jetzt zu sehen war, soll längst nicht alles gewesen sein. „Er ist nicht in dem Spielrhythmus, den er sich wünscht und den wir uns wünschen“, sagt Düwel. Vergangene Saison saß Polter viel auf der Bank und blieb torlos. „Es fühlt sich gut an, nach einer für mich schlechten Saison in Mainz nun endlich wieder zu treffen“, sagt er. Union ist für ihn damit genau das, was er für Union sein soll. Eine Hoffnung auf bessere Zeiten.

Mit den Treffern, glaubt Düwel, wird es Polter gelingen, sich noch schneller auf die neuen Kollegen einzustellen. Aufnahmefähig ist er jedenfalls, das musste er schon öfter sein. 51 Bundesligaspiele, in denen sieben Mal traf, absolvierte er für Wolfsburg, Nürnberg und Mainz, teilweise unter sehr unterschiedlichen Bedingungen. In Wolfsburg legte Trainer Felix Magath viel Wert auf Fleiß und knallharte Arbeit. Polter fand das gut, heute labt sich Düwel an Polters Einstellung: „Er ist eine Trainingsmaschine.“ Jedoch kein stumpfer Malocher, das konnte er sich in Mainz unter Trainer Thomas Tuchel gar nicht leisten. Dort wurde er intellektuell gefordert, er musste die anspruchsvolle Taktik verstehen.

Dadurch bringt Polter eine gewisse Flexibilität mit, die Düwel seinem Team zu vermitteln versucht. Genauso aber tun Union die Hauptmerkmale in Polters Spiel sehr gut: Willen und Durchschlagskraft. „Er profitiert von seiner unheimlich robusten Art“, erzählt Düwel. Wie gegen Leipzig ergeben sich daraus Situationen, in die seine Mannschaft mit ihrer lange gezeigten Zaghaftigkeit sonst zu selten kommen würde.

Auch mit Selbstbewusstsein ist Polter reichlich ausgestattet, Angst vor großen Aufgaben hat er keine, die Erwartungen hemmen ihn nicht. Er nimmt die Rolle gern an, die sie für ihn vorgesehen haben bei den Köpenickern. Wie groß die angelegt ist, zeigt schon, dass der Trainer trotz der beiden Treffer noch Geduld einfordert. „Die Leistungskurve wird bei ihm noch deutlich nach oben gehen, er wird noch ein ganz wichtiger Faktor sein für unser Spiel. Genau aus dem Grund wollten wir ihn haben“, so Düwel. Am liebsten hätten sie ihn sogar ganz gehabt, zumindest nach einer gewissen Anlaufzeit. Denn bei Polters Verpflichtung gestand Union ein, dass der Klub seine „Vorstellungen in diesem Fall nicht zu 100 Prozent verwirklichen“ konnte, wie Nico Schäfer, kaufmännisch-organisatorischer Leiter, sagte. Seinen Vertrag in Mainz, der bis 2017 läuft, will Sebastian Polter also baldmöglichst wieder ausfüllen. Das ist schon nach dieser Spielzeit geplant.