Kritik

„Das ist doch eine Schande“

Volleyballer ärgert nach WM-Halbfinaleinzug die Ignoranz des Gebühren-Fernsehens

Irgendwie ist es ungerecht, den Erfolg der deutschen Volleyball-Nationalmannschaft bei der WM in Polen an einem Spieler festzumachen. Zumal er selbst sagt: „Ohne die Mannschaft hätte ich das nie schaffen können.“ Aber wenn es doch alle tun, muss er wohl wirklich ein besonders Großer sein. So lobt Verbandspräsident Thomas Krohne: „Man muss klar sagen, dass Georg Grozer einer der drei weltbesten Spieler ist.“ Bundestrainer Vital Heynen schildert zur Veranschaulichung die entscheidende Phase in der Partie gegen Asienmeister Iran (3:0), in der der 29-jährige Diagonalangreifer seinen Wert für das Team einmal mehr bewies: „Georg ist im dritten Satz beim Stand von 9:12 an den Aufschlag gekommen. Dann hat er neun Aufschläge in Serie gemacht!“ Mal ein Ass, mal ein Service, das der Gegner nicht richtig kontrollieren konnte. Die verzweifelten Iraner versuchten alles, ihn aus dem Rhythmus zu bringen, einschließlich einer Wasserflasche, die urplötzlich umfiel und das Spiel unterbrach. Grozer hämmerte unverdrossen weiter seine Aufschläge mit Tempo 130 km/h ins Feld. Heynen nennt das: „Wahnsinn!“

Das gleiche Wort könnte er wählen, wenn er den Weg seiner Mannschaft ins Halbfinale beschreiben wollte. Acht Siege, drei Niederlagen, und „jedes Mal, wenn wir gewinnen mussten, haben wir gewonnen“. Der Belgier selbst hatte das Medaillenziel ausgegeben und war dafür belächelt worden. Nun müssen die Deutschen wirklich nur noch ein Spiel erfolgreich überstehen, das Halbfinale am Sonnabend gegen Polen oder, im Falle einer Niederlage, das Spiel um Platz drei am Sonntag gegen den Verlierer des anderen Halbfinales zwischen Frankreich und Brasilien. Nun gibt Heynen zu: „Natürlich muss ich mich auch kneifen: Eine deutsche Mannschaft ist erstmals seit 1974 wieder unter den vier besten Teams der Welt.“ Damals wurde die DDR Vierter; bei der WM vier Jahre zuvor hatte sie sogar den Titel geholt.

Das scheint diesmal unmöglich, aber ist es das wirklich? Bei der WM 2010 belegte Deutschland Rang acht, Platz fünf war es bei den Olympischen Spielen in London. Auch in der Weltliga wurde das Heynen-Team Fünfter. „Es ist Vital und seinem Team in den letzten Monaten und Jahren gelungen, das aus der Mannschaft herauszuholen, was in ihr steckt“, lobt Präsident Krohne.

Der Medienunternehmer hat aber bereits mehr als den schönen Moment im Blick. „Jetzt wollen wir natürlich auch eine Medaille. Es ist ganz egal, welche am Ende herausspringt. Das ist eine Sensation für Volleyball-Deutschland“, sagte Krohne, „und wird hoffentlich auf Vereins-, Schul- und Landesverbandsebene seine Wirkung zeigen.“

Im Augenblick würde es den Verantwortlichen schon reichen, wenn endlich auch frei empfangbare Fernsehsender reagieren würde. Bisher waren die Spiele nur im Internet bei „Sportdeutschland.tv“ zu sehen. „Es ist doch eine Schande, dass kein öffentlich-rechtlicher Fernsehsender die WM überträgt“, ärgert sich Heynen, „dabei sollte es eine Pflicht für das gebührenfinanzierte Fernsehen sein. Doch es wird seinem Programmauftrag nicht gerecht, weil es nur auf Quoten aus ist.“ Er habe „vor dem Spiel gegen den Iran mit Verhandlungen mit Sport1 begonnen, die Interesse daran haben, beide Halbfinals und ein etwaiges Finale der DVV-Männer im Free-TV zu zeigen“, erklärte dazu Krohne. Er hofft auf eine rasche Einigung.

Doch wie Georg Grozer sich weder davon noch von umfallenden Flaschen irritieren lässt, will auch der Rest der Mannschaft fokussiert bleiben. „Es ist jetzt völlig egal, gegen wen wir spielen“, gab Libero und Außenangreifer Markus Steuerwald die Devise aus: „Hauptsache, wir gewinnen noch einmal.“