Deutschlandpremiere

Auch ein Superheld kann feige sein

Im Kinofilm „Nowitzki – Der perfekte Wurf“ kommen Fans dem NBA-Star unerwartet nah

Bei Verbrauchertests kommt das Fazit ja fast immer erst am Ende. Der Film „Nowitzki. Der perfekte Wurf“ von Regisseur Sebastian Dehnhardt, der ab morgen in Deutschlands Kinos zu sehen ist, kann dem Sportfan aber getrost schon im zweiten Satz als sehenswert empfohlen werden – selbst Kennern, die den Werdegang des Basketball-Superstars bereits kennen.

Einer der Gründe dafür: Es deutschtümelt in den 105 Minuten nicht. Der Hauptdarsteller hätte statt aus Würzburg auch aus Nanjing/China oder Hammerfest/Norwegen kommen können. Nun erfreut sich der deutsche Basketball einer durchaus vorzeigbaren Entwicklung, die NBA mit ihren Millionen-Gehältern, Riesen-Arenen und Privatjets ist aber doch etwas anderes. Eine der Leistungen des Films ist, dass man dank der akribisch zusammengetragenen Bilder aus allen Epochen von Nowitzkis Aufstieg zum Superhelden samt NBA-Titel ein Gefühl für diesen Unterscheid bekommt. Und für die Leistung von „Dirkules“.

Zu Wort kommen viele, die sonst eher selten zu sprechen sind. Wie der fünfmalige NBA-Champion Kobe Bryant (Los Angeles Lakers), der glaubhaft erklärt, was ihn mit Nowitzki verbindet. Es gebe „viele Leute, die sagen, das mache ich morgen“, sagt Bryant. Aber so ginge das eben nicht: „Du machst es heute, damit du morgen besser bist!“

Die Statements von Bryant und allen anderen aus Nowitzkis Umfeld in der „Big Show“ werden nicht übersetzt, sondern nur untertitelt, wodurch der Film erneut gewinnt. Wenn Michael Finley, bei Nowitzkis Ankunft in Dallas der Star der Mavericks, erzählt, irgendwie seien mit dem Deutschen und dessen Mentor Holger Geschwindner „the mad scientist and his Frankenstein“ gekommen, wäre mit einer Übersetzung jeder Charme dahin.

Natürlich treten viele Weggefährten des langen Blonden auf, denen gar nichts anders übrig bleibt, als zu erzählen, dass der noch immer mit beiden Beinen in der Realität verwurzelt ist. Der Zuschauer erfährt, dass er sich trotz der dreistelligen Millionenbeträge, die er bereits verdient hat, sich das Geld von seiner Mutter geben lässt, wenn er in Würzburg zum Tanken fahren muss.

Helga Nowitzki, Dirks Mutter, von der wir erfahren, dass sie sich nachmittags die Aufzeichnungen fast aller Spiele ihres Sohnes ansieht, war während dessen Karriere noch weit weniger zu sprechen als Bryant oder Finley. Dass Dirk in seinem ersten Jahr in Dallas todunglücklich war, an sich zweifelte und Heimweh hatte, ist bekannt.

Sein Heimweh schmerzt

Wenn aber Helga Nowitzki in dem Film erzählt, wie es für sie war, als ihr Junge plötzlich weit weg und alles andere als glücklich war, und man spürt, wie dieses Gefühl aus längst vergangenen Zeiten wieder in ihr hoch steigt, ist das ein bewegender Moment. Auch Nowitzkis oft knurrigen Entdecker oder „shooting doctor“, wie sie Holger Geschwindner in Dallas nennen, lernt man besser kennen, und ihm ist wohl auch der Titel-Anhang „Der perfekte Wurf“ zu danken. Den nämlich kann er am Computer mit Eintreffwinkel in den Korb, Geschwindigkeit etc. demonstrieren. Und sein Werk ist es zu einem Großteil auch, dass mit dem Unwiderlegbaren der Physik aus seinem Meisterschüler einer der besten Basketballer aller Zeiten wurde. Es ist Jason Kidd, der seinem ehemaligen Mitspieler den „perfect shot“ attestiert, und damit es so bleibt, sagt Mavericks-Coach Rick Carlisle, lasse man „Geschwindner am besten in Ruhe“.

Jörg Nowitzki, der Malermeister aus Würzburg, war bei offiziellen Anlässen seines Sohnes schon öfter zugegen. Leider hat er seinen legendären Ratschlag „Wenn sie gewinnen wollen, müssen sie dem den Ball geben, der am meisten damit anfangen kann – so einfach ist das“ im Film nicht wiederholt. Dafür aber sagt er Sätze wie: „Wenn ich auf Dirk stolz bin, dann nicht auf ihn als Basketballer, sondern als Sohn.“ Und er erzählt, wie er seine Schwiegertochter Jessica kennen gelernt hat. Sein Sohn habe ihn in Dallas gefragt, ob er nicht zum Tennisspielen vorbeikommen wolle, für ein Doppel. Dirk habe dann an der Seite einer attraktiven Frau gespielt, die ihm von seinem Sohn nur namentlich kurz vorgestellt worden war. Dann aber sei Dirks Partnerin nach der Partie nicht zum Auto, sondern ins Haus gegangen, um sich frisch zu machen. „Da habe ich Bescheid gewusst,“ erzählt Jörg Nowitzki. Sein Sohn sei doch tatsächlich „zu feige“ gewesen, ihm die spätere Schwiegertochter etwas direkter vorzustellen.

Sie besiegt ihn beim Tennis

Jessica Nowitzki, die Dirk 2012 heiratete und für seine Mutter ein „Glücksgriff“ ist, spielt noch immer sehr gern mit ihrem Ehemann Tennis. Er spiele ja ganz manierlich, erzählt sie, aber sei halt leider „nicht der Schnellste. Meinen Stoppball erreicht er nicht.“ Ob es ehe-interne Basketballmatches gibt, wird in „Nowitzki. Der perfekte Wurf“ nicht erzählt. Leider.