Motorsport

Die Formel 1 fürchtet ihre saubere, kleine Schwester

Nächste Woche startet die Formel E, die 2015 auch in Berlin gastiert

Die Warnung ist eindeutig. „Leichte Reizungen der Haut können auftreten, Personen mit Atembeschwerden oder Herzproblemen sollten die Bewegung im Freien reduzieren“, heißt es in der Legende des Air Quality Index (AQI). Auf den unrühmlichen Bestwert von 164 AQI-Punkten bringt es die Luftqualität an diesem Wochenende in Peking, das bedeutet eine Klassifizierung als „ungesund“ und eine viermal so hohe Verschmutzung wie zur gleichen Zeit in Berlin. Alejandro Agag ist am Freitag trotzdem in den Flieger Richtung China gestiegen. Der Aufbruch in die Zukunft erfordert eben Opfer.

Der Spanier Agag ist der Chef der Formel E, die am nächsten Sonntag in ihre erste Saison startet. Der Kurs führt vorbei an den olympischen Prachtbauten von 2008, das „Vogelnest“ und der „Wasserwürfel“ bilden die Kulisse für eines der spannendsten Experimente der Motorsport-Geschichte. Weil die Elektro-Antriebe bei Tempo 220 nur eine kurze Lebensdauer haben, steigen die Piloten nach der Hälfte der 60-minütigen Rennen in frisch aufgeladene Wagen um. Gefahren wird nur auf Stadtkursen, der Besuch ist mit Ausnahme kleiner Tribünen umsonst, dafür können die Zuschauer ihren Lieblingspiloten per Internet-Voting ein paar zusätzliche PS verschaffen. „Wir wollen den Menschen eine komplett neue Art von Rennsport bieten“, sagt Agag: „Es wird eine großartige Show.“ Doch die Vorbehalte sind riesig.

Vor allem in der Formel 1 beäugt man die Schwesterserie mit Argwohn. „Ich finde es Käse“, sagte etwa Weltmeister Sebastian Vettel: „Ich bin überhaupt kein Fan davon, und ich könnte mich als Zuschauer dafür null begeistern.“ Dem Hessen geht bereits die aktuelle Nachhaltigkeits-Offensive in der Königsklasse zu weit, die Sechs-Zylinder-Hybrid-Motoren klingen in seinen Ohren „wie Rasenmäher“, und die spritsparende Fahrweise behagt ihm ebenfalls nicht. Jean Todt, der Präsident des Automobil-Weltverbandes Fia, versucht Sorgen über einen Verdrängungskampf um die Gunst der Zuschauer zu zerstreuen: „Die Formel E kann die Formel 1 niemals ersetzen. Es ist eine komplett andere Kategorie, ich sehe sie daher eher als Ergänzung. Aber die ist spannend, die Erwartungen sind riesig.“ Natürlich gebe es Fragezeichen, und er habe auch die Kritik vernommen. „Aber nur die Zeit kann zeigen, ob die berechtigt ist.“ Dabei könnten die Vorzeichen für eine grüne und nahbare neue Rennserie kaum günstiger sein. Die Formel 1 steckt in einer Identitätskrise: fallende TV-Quoten, sinkende Zuschauerzahlen, überschuldete Teams und ein Reglement, hinter dem nicht einmal die Fahrer stehen.

Die Formel E will all die Dinge richtig machen, die in der Formel 1 falsch laufen. Zwar sagt Agag, der mal für die spanischen Konservativen im Europaparlament saß und 2007 als Teambesitzer in die GP2 eingestiegen war, diplomatisch: „Uns in einen Wettkampf mit der Formel 1 zu stellen, wäre der falsche Ansatz.“ Doch genau darauf wird es auf Dauer hinauslaufen. Noch setzt sich das Fahrerfeld vor allem aus Piloten zusammen, die bei den Großen der Branche aussortiert wurden (Jarno Trulli, Nick Heidfeld) oder noch zu jung für die Formel 1 sind (Antonio Felix da Costa). Mit der Britin Katherine Legge und Michela Cerutti aus der Schweiz sind aber auch zwei Pilotinnen am Start – ein PR-trächtiger Schritt, von dem die Formel 1 seit Jahren redet, ohne ihn umzusetzen.

Zudem ist mit McLaren als Motorenlieferant eine Traditionsmarke vertreten. Und Andretti Racing sowie der Virgin-Rennstall verfügen über konkrete Formel-1-Erfahrung. Der Rennkalender kann mit Destinationen wie Buenos Aires, Miami, London oder Berlin, wo am 30. Mai auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof gefahren wird, ohnehin mit denen der Formel 1 mithalten. Nicht zuletzt der Einstieg von Hollywood-Star Leonardo DiCaprio als Teameigner zeigt, dass die Macher bei aller ökologischer Nachhaltigkeit auch die Bedeutung des Faktors Glamour kennen.

„Ich bin davon überzeugt, dass sich Elektro-Antriebe in den Städten durchsetzen werden“, sagt Todt, der die Formel E zum Prestigeprojekt seiner Regentschaft gemacht hat: „Heutzutage ist es unmöglich, mit einem Elektroauto von Paris nach Berlin zu fahren, weil die Entfernung zu groß ist. Aber in den Städten, wo man ohnehin nicht schneller fahren kann als 60 oder 70 Kilometer in der Stunde, sind Elektroautos schon jetzt die perfekte Alternative zu herkömmlichen Pkw. Das ist die Mobilität der Zukunft.“ Der frisch wiedergewählte Fia-Präsident wird sicher dafür sorgen, dass sein schönes grünes Aushängeschild nicht allzu schnell wieder von der Bildfläche verschwindet. Erst kürzlich sicherte sich Bezahlsender Sky die Übertragungsrechte, bei jedem Rennen sollen zudem aufwendige Motorshows zusätzliche Besucher anlocken.

Allein 500.000 Menschen würden den Olympiapark von Peking jeden Tag passieren, versichert Agag: „Das ist ein unglaubliches Potenzial. Das wollen wir nutzen.“ Auf eine konkrete Zuschauerzahl beim Premierenrennen will er sich dennoch nicht festnageln lassen. Das sei schwer zu erheben, heißt es, da es auch möglich ist, das Rennen auf Videoleinwänden zu verfolgen, ohne vorher ein Ticket gekauft zu haben. Zudem sei das Programm mit Training, Qualifikation und Rennen binnen eines Tages so straff, dass die wenigsten Besucher die ganze Zeit an der Strecke bleiben würden. Dass auch der zehn Rennen umfassende Kalender eine Vakanz Mitte Februar aufweist, zwischen dem ersten und zweiten WM-Lauf mehr als zwei Monate liegen und das Fahrerfeld noch nicht ganz komplett ist, zeigt die Schwachstellen des Projekts. „Wir haben eine Botschaft, die wir in die Städte bringen“, insistiert der 43-Jährige: „Wir sind grün und passen hervorragend zum Zeitgeist der Metropolen, in denen wir fahren.“

Agag ist davon überzeugt, den Motorsport in die Zukunft zu führen, und zwar am rechten Ort. Denn China gehört in Sachen E-Mobilität zu den am schnellsten wachsenden Märkten, bis 2015 sollen hier die meisten Elektrofahrzeuge weltweit verkauft werden. Wohl auch deshalb findet ausgerechnet hier die Premiere statt. Dicke Luft hin oder her.