EM-Qualifikation

Die Schotten können nun auch mit dem Ball umgehen

Unter Trainer Gordon Strachan hat sich der deutsche Gegner entwickelt und hofft auf die Teilnahme an der EM

Schön, dass es das auch noch gibt: Ein rothaariger Schotte, der grimmig dreinschaut, klare Ansagen macht und mit trockenem Humor über Fußball spricht. „Wir brauchen keine Kids, die technisch wundervoll sind, aber sofort weglaufen, wenn du Buh sagst“, findet Gordon Strachan: „Das wäre wie Haustiere in den Dschungel bringen.“ Natürlich ließe sich an dieser Stelle einwenden, dass er sowieso nicht in die Verlegenheit kommen wird, technische Exzellenz anleiten zu müssen: Er trainiert ja Schottland. Aber darum geht es nicht. Strachans Punkt ist ganz einfach: „Wir brauchen Charakter.“

Ein Mann wie seine Mannschaft, möchte man meinen, dabei war Gordon Strachan selbst ja nicht nur Fighter, sondern auch ein hervorragender Fußballer. Einer, wie sie das kleine Schottland früher mal in erstaunlicher Häufigkeit hervorbrachte: Denis Law, Ian St John, Graeme Souness, Kenny Dalglish und so weiter. Wie sie aber seit Abgang der Generation Strachan in den 1990er-Jahren partout nicht mehr auftauchen wollen.

Etliche Trainer, darunter Berti Vogts, haben sich seit der letzten WM-Teilnahme 1998 vergeblich bemüht, die übliche Melange aus Rangers- und Celtic-Profis sowie Fahrensmännern englischer Provinzvereine wieder zu einem internationalen Turnier zu führen. Seit anderthalb Jahren arbeitet nun Strachan an dieser Aufgabe, ohne Illusionen: „Eine Menge Leute wunderten sich, warum wir in der WM-Qualifikation nicht gegen Serbien gewinnen konnten. Dann siehst du Manchester City gegen Chelsea, zwei der besten Mannschaften der Welt, und da sind vier Serben dabei. Unsere Spieler sind nicht mal in der Nähe dieses Levels – das ist die Ausgangslage.“

Die Rangers kicken nach Insolvenz und Zwangsversetzung noch nicht wieder in der ersten Liga, Celtic hat gerade gegen NK Maribor die Champions League verpasst, nachdem es die Runde zuvor – trotz Pleiten von 1:4 und 0:2 – wegen eines Formfehlers von Gegner Legia Warschau überstanden hatte. Dennoch ist der Optimismus rund um die Nationalelf so groß wie lange nicht. In Schottland war die Hoffnung auf eine bessere Zukunft noch nie weiter weg als die nächste Niederlage, außerdem hat dank der EM-Aufstockung auf 24 Mannschaften jetzt selbst der Gruppendritte noch Chancen auf die Turnierteilnahme – verständlicherweise gehörten die Schotten zu den eifrigsten Lobbyisten der Reform – und dann ist da jetzt ja: Strachan.

Der 57-Jährige hat sich während seiner Trainerkarriere den Ruf erworben, aus wenig das meiste machen zu können. Celtic führte er wiederholt ins Champions-League-Achtelfinale und erreichte dort ehrenwert knappe Niederlagen gegen Milan und Barcelona. Strachan ist geradeheraus, kompetent, ein feuriger Typ und harter Arbeiter, der mit 40 Jahren noch für Coventry City in der Premier League spielte. Sein Weg zum Nationalcoach war vorbestimmt, als er 2010 seinen Vertrag bei Middlesbrough zerriss, auf jede Abfindung verzichtete und eine Auszeit vom Klubfußball ankündigte.

2013 übernahm er dann endlich die „Bravehearts“, war schon bald (relativ) erfolgreich. Nach Dortmund kommt eine seit sechs Spielen ungeschlagene Elf. „Zum ersten Mal seit langer, langer Zeit“, schreibt ein Autor im „Observer“, „spielen schottische Fußballer dasselbe Spiel wie alle anderen und setzen sich trotzdem durch. Es gibt Pässe, Bewegung, Kampf und manchmal sogar mehr als einen Stürmer.“ Ähnlich süffisant klingt eine andere Einschätzung: „Wir kommen einem Stadium nahe, in dem jeder Spieler in der Lage ist, mit dem Ball umzugehen.“ Sie stammt von Strachan.

Er will damit sagen, dass Schottland jetzt auch mal die Kugel über mehrere Stationen spielen kann. Strachan sagt, er freue er sich auf das Spiel in Dortmund – wo, so der Trainer, vor anderthalb Jahren noch eher die Angst regiert hätte. Seine Spieler sehen es offenbar ähnlich: „Wir fahren da hin und versuchen zu gewinnen“, so Mittelfeldmann James McArthur. Auch 58 Prozent der Leser einer Online-Umfrage des „Daily Record“ geben den Ihren immerhin eine Siegchance gegen Deutschlands Weltmeisterteam. Die übliche Mischung aus Nostalgie und Selbstironie.