Fußball

Auf der Suche nach dem nächsten Lahm

Löw muss eine neue Abwehr formieren. Die eher schwachen Gegner in der EM-Qualifikation helfen ihm dabei

Kurz vor Mitternacht geht nichts mehr. Playstation aus, Smartphone beiseite, Musik bestenfalls noch über Kopfhörer. „Nachtruhe“ steht als letzter Punkt auf dem Tagesplan. Seit Freitag lässt Joachim Löw das Losungswort auf einen Bildschirm projizieren, der an der Wand neben dem Treppenhaus der Sportschule Kaiserau hängt. Der Bundestrainer bereitet die Nationalmannschaft auf das erste Qualifikationsspiel zur EM 2016 in Frankreich vor: In Dortmund empfängt sie heute (20.45 Uhr, RTL) Schottland. Nichts bleibt dem Zufall überlassen.

Nach den Rücktritten der Routiniers Philipp Lahm, Miroslav Klose und Per Mertesacker und den Verletzungen von Bastian Schweinsteiger, Mats Hummels und Sami Khedira besteht das aktuelle Aufgebot zum großen Teil aus international recht unerfahrenen Spielern. Insbesondere in der Defensive. Erik Durm von Borussia Dortmund ist 22 Jahre und hat gerade mal zwei Spiele für Deutschland absolviert, sein Klubkollege Matthias Ginter ist 20 (drei Spiele), Antonio Rüdiger vom VfB Stuttgart 21 (zwei Spiele), Kevin Großkreutz 26 (sechs Spiele) Christoph Kramer von Borussia Mönchengladbach 23 (sechs Spiele).

Es fehlt noch die Abstimmung

Aus ihnen muss Löw nach dem WM-Triumph nun eine funktionierende Hintermannschaft bauen. Und dazu das passende Spielsystem finden. Für die Partie gegen Schottland. Für die restlichen Qualifikationspartien. Und für die EM. Löws Aufgabe: Auf- und umbauen. Gegen Argentinien am Mittwoch beim 2:4 fehlte der neu formierten Abwehr noch die Abstimmung. Das ärgerte vor allem Welttorwart Manuel Neuer. Er sagte: „Drei Spieler kennen sich vom BVB. Das darf nicht passieren. Das war ein Warnschuss.“

Löw hingegen betont, dass man Geduld mit den jungen Profis haben müsse. Die fehlende Erfahrung sei spürbar gewesen. „Unser Ziel heißt, die nächsten zwei Jahre diese Spieler in die Mannschaft zu führen“, so der Bundestrainer. Es werde Zeit brauchen, bis alles funktioniere. Löw sagt das auch, um die hohen Erwartungen an den Weltmeister nicht noch weiter steigen zu lassen. Löw weiß, dass die nächsten Wochen schwierig werden: Bundesliga, DFB-Pokal, und dann beginnt auch die Gruppenphase der Champions League. Die Belastung für die Profis ist groß, mit neuen Blessuren und Verletzungen ist zu rechnen. „Es wird nicht immer eine eingespielte Mannschaft sein“, sagt er. In Testspielen will er Leistungsträger wie Jerome Boateng, Mats Hummels, Schweinsteiger, Thomas Müller und Toni Kroos schonen. Sie sollen nicht verschlissen werden.

Sein Glück bei seinem Bauvorhaben: Die Gegner in der QualifikationsgruppeD sind nicht unbedingt Furcht einflößend. Bis Ende nächsten Jahres trifft Deutschland jeweils in Hin- und Rückspielen auf Schottland (28. der Weltrangliste), Polen (61.), Irland (66.), Georgien (95.). Und auf Fußballzwerg Gibraltar, das erstmals an einer EM-Qualifikation teilnimmt und als Nicht-Mitglied der Fifa nicht mal im Ranking des Weltverbandes gelistet ist.

Löw ist froh, dass der zuletzt angeschlagene Boateng heute wieder spielen kann. Der Verteidiger vom FC Bayern dürfte nach seiner starken WM künftig in der zentralen Abwehr mit Hummels gesetzt sein, der heute von Benedikt Höwedes vom FC Schalke 04 vertreten wird. Als Alternative steht zudem noch der nach seinen Kreuzbandrissen genesene Münchner Holger Badstuber parat. Bereits vor dem Spiel gegen Schottland hatte Löw erwogen, ihn nachzunominieren. Seine Rückkehr ist nur eine Frage der Zeit.

Offen ist die Besetzung der Außenpositionen. Lahm hinterlässt hier eine große Lücke, es ist Löws größte Baustelle. Er sieht Höwedes mehr als Innenverteidiger. Und möchte Durm, der gegen Argentinien wie fast alle enttäuschte, mehr Verantwortung übertragen. „Erik soll eine wichtigere Rolle übernehmen. Er hat den Vorteil, dass er bei Dortmund derzeit spielt“, so Löw. Badstuber könnte auch links spielen, wie zuletzt bei Bayern.

Ebenfalls gute Chancen hat Rüdiger, der gegen Argentinien überzeugte, ZDF-Kommentator Bela Rethy an den „jungen Boateng“ erinnerte und von dem der Trainerstab begeistert ist. Bis zum EM-Turnier hat Löw zwei Jahre Zeit, das 1,90 Meter große Talent zu einem gestandenen Nationalspieler aufzubauen. Er ist wie Großkreutz ein Mann für die rechte Seite – dem allerdings noch die Erfahrung fehlt. „Es war klar, dass wir nicht von heute auf morgen den neuen Philipp Lahm finden. Er ist der beste Rechtsverteidiger der Welt. Aber die Jungen haben großes Potenzial“, sagt Boateng.

Der Bundestrainer erwartet zudem, dass sich Christian Günter, 21, und Oliver Sorg, 24, vom SC Freiburg sowie Robin Knoche, 22, und Sebastian Jung, 24, vom VfL Wolfsburg weiterhin gut entwickeln. Für die zuletzt aussortierten Marcel Schmelzer von Borussia Dortmund und Marcell Jansen vom Hamburger SV wird es schwierig, in die Auswahl zurückzukehren, wobei Schmelzer die besseren Chancen hat.

Und in welchem System lässt Löw spielen? Der Bundestrainer gewährt sich alle Optionen. Gegen die Qualifikationsgegner ergibt eine offensive Ausrichtung Sinn. Die Gefahr, ausgekontert zu werden, hält sich in Grenzen. Möglich ist auch eine Dreierkette mit schnellen Flügelspielern wie Durm, vor der Abwehr könnten mehrere „Sechser“ spielen: Schweinsteiger, Khedira, Kroos, Kramer – hier hat Löw keine Sorgen. In der Offensive hat er auch zig Optionen.

In dem gegen Argentinien glücklosen Mario Gomez hat er einen erfahrenen Stürmer zur Verfügung, in Kevin Volland von Hoffenheim, Pierre-Michel Lasogga vom HSV und Karim Bellarabi von Bayer Leverkusen junge Angreifer. Als Alternative eben ohne „echte Spitze“ – und dafür mit Mario Götze oder Müller vorn. Götze wird beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) inzwischen sogar offiziell als Stürmer geführt. Im Zweifelsfall kann Löw auf sein bewährtes WM-System mit vier Innenverteidigern zurückgreifen.

Monate des Probierens

Der 54-Jährige wird die nächsten Monate also nutzen, um viel zu probieren. Löw plant, die Nachwuchstrainer des DFB zu Lehrgängen der A-Mannschaft einzuladen. Sie sollen neben seinem neuen Assistenten Thomas Schneider als zweite Co-Trainer fungieren. Auch junge Torhüter will er nominieren. „Wir wollen die jungen Spieler kennenlernen. Das Spiel gegen Argentinien hat gezeigt, dass wir nicht nachlassen und uns auf unseren Lorbeeren nicht ausruhen dürfen“, erklärt Torwarttrainer Andreas Köpke. „Der Alltag hat uns eingeholt. Die WM ist vorbei.“