Tennis

Gipfeltreffen der alten Helden

Im Halbfinale der US Open stehen nicht nur die Spieler, sondern auch ihre Trainer im Fokus

Er wird von seinen Bewunderern gern Maestro genannt. Er gilt als Tennis-Künstler, als Ästhet am Ball, als magischer Vertreter seiner Zunft. All dies ist Roger Federer ganz sicher. Doch der älteste Spitzenspieler der Welt ist noch viel mehr: Ein unbeugsamer Kämpfer, ein extrem harter Arbeiter. Und ein Mann, der als 33-jähriger Familienvater von Zwillingstöchtern und Zwillingssöhnen noch immer hungrig auf Siege ist wie vor zehn, fünfzehn Jahren, als er seine einmalige Weltkarriere begann.

Am Donnerstag, in einer begeisternden New Yorker Nachtvorstellung, erlebten die Fans genau diesen schuftenden Federer, einen Malocher, der die Kunst schwerer Arbeit bei einer gefeierten Aufholjagd gegen den französischen Showman Gael Monfils zelebrierte: Weder ein 0:2-Satzrückstand noch zwei Matchbälle seines Rivalen im vierten Satz konnten den Eidgenossen letztlich stoppen, der mit einem 4:6, 3:6, 6:4, 7:5, 6:2-Sieg über die Ziellinie und ins US-Open-Halbfinale ging.

17 Major-Titel reichen ihm nicht

Die Hände zum Himmel gereckt, brüllte sich Federer nach dem sensationellen Comeback mit einem wilden und markerschütternden „Yeees“-Schrei die Anspannung aus dem Leib. Eine ungewöhnlich emotionale Reaktion für ihn. Aber was hinter ihm lag, war ja auch ungewöhnlich. „Zwischendurch dachte ich: Das war’s für mich, gleich ist Feierabend“, sagte er, „doch ich gebe nie, nie, niemals auf.“

Und was einst mit Andy Murrays Verpflichtung des grimmigen Ivan Lendl zur Modeerscheinung geworden war, die Beratung der Stars von heute durch namhafte Altmeister, das erlebt bei diesen US Open des Jahres 2014 nun einen denkwürdigen und erfolgreichen Höhepunkt. Bei allen vier Halbfinalisten des Männerwettbewerbs wirken prominente Szenefiguren von einst einflussreich im Hintergrund. Stefan Edberg, 48, ist dies beim fünfmaligen US-Open-Sieger Federer, Boris Becker, 46, beim bisher einmal im Big Apple erfolgreichen Weltranglistenersten Novak Djokovic, Goran Ivanisevic, 42, beim kroatischen Ballermann Marin Cilic und schließlich Michael Chang, 42, bei Japans Topstar Kei Nishikori.

Federer kontra Cilic, Djokovic gegen Nishikori – es wird an diesem Sonnabend auch ein Duell der Trainer-Köpfe, der Strategen, die angestellt wurden, um die letzten paar Extraprozent für die großen Siege herauszukitzeln. „Mich beruhigt einfach, dass jemand wie Stefan bei mir im Camp sitzt. Es ist eine großartige Erfahrung, mit ihm zusammenzuarbeiten“, sagte Federer, der in der Partie gegen Monfils zum neunten Mal in seiner Laufbahn einen 0:2-Satzrückstand noch umbog. Als es ihm zum achten Mal gelang, 2012 in Wimbledon in der dritten Runde gegen den Franzosen Julien Benneteau, gewann er anschließend auch sein bisher letztes Grand-Slam-Turnier. Ein gutes Omen? In jedem Fall bleibt bewundernswert, wie Federer nach anderthalb Jahrzehnten und über 1200 Profispielen noch immer diese Willensakte auf die Centre-Courts zaubert – doch 17 Grand-Slam-Titel gewinnt nur einer, der auch das außergewöhnliche Verlangen eines Champions hat. Den Drang, immer weiter zu siegen. Federers früherer Trainer Tony Roche, der einst auch Ivan Lendl und seine Landsleute Patrick Rafter und Lleyton Hewitt unter seinen Fittichen hatte, wurde einmal gefragt, wie sich sein Schützling Federer nach so vielen Siegen noch motivieren könne. Der Australier lachte und antwortete: „Jeder Sieg macht ihn nur noch hungriger. Einer wie er will immer mehr.“

Und wie sich diese Mentalität auch bei Federers sage und schreibe 60. Grand-Slam-Turnier in Serie konkret offenbart, erlebte am Ende des elften Turniertages schmerzlichst Monfils. Lange Zeit war er der Chef im Ring, hatte Federer dicht am Knockout bei den beiden Matchbällen, doch Federer zeigte Nehmerqualitäten, kämpfte sich auf die ganz harte Tour zurück – und wurde schließlich mit seinem neunten Halbfinal-Vorstoß in New York belohnt. „In dem Moment dachte ich nur: Geh wenigstens kämpfend unter“, sagte Federer. Als alles vorbei war unter den Flutlichtstrahlern des größten Tennisstadions der Welt, blendete der US-Sender ESPN nüchtern nur zwei Worte zum Bild des erschöpften, glücklichen Siegers Federer ein: The King. Der König.

Zwei Spieler aus der Elitegruppe der Fabelhaften Vier (Djokovic, Federer), zwei Herausforderer, die spät, aber vielleicht nicht zu spät beginnen, ihre großen Potenziale auszuspielen (Nishikori, Cilic) – da verspricht der „Super Saturday“ so viel Spannung und Nervenkitzel wie lange nicht mehr. Mit dem Zusatzreiz, dass jene, die in den 80er- und 90er-Jahren noch selbst über Plätze wetzten, wieder mittendrin sind im großen Spiel. Und nicht nur dabei, als TV-Plauderer oder Ehrengast.

All-Star-Match auf der Tribüne

„Es wird ein richtiges All-Star-Match auf den Tribünen“, sagte Federer, der mit Edberg an seiner Seite in Wimbledon „Beckovic“ unterlag, dem Duo Becker und Djokovic. Becker würde diesen Erfolg sicher gern in New York wiederholen, zu einem günstigen, leicht sentimentalen Moment. Denn vor 25 Jahren siegte er selbst zum einzigen Mal bei den US Open – gegen Lendl.

Aber auch die anderen beiden Halbfinalisten wollen die Gunst der Stunde nutzen. Nishikoris Coach Chang, 1989 Sieger der French Open, weiß, wie man Favoriten ärgert und große Titel gewinnt. Das soll seinem Schützling gegen Djokovic helfen. „Er hat mir gratuliert. Aber er hat auch gesagt: Es ist noch nicht vorbei. Bleib fokussiert und versuch dich zu erholen in den kommenden zwei Tagen“, so Nishikori über die Ansage seines Trainers. Auch Cilic geht selbstbewusst ins Match gegen Federer. Das hat er seinem Trainer zu verdanken. „Marin hatte sein Spiel in den vergangenen Jahren nicht weiterentwickelt“, sagte Ivanisevic. Mit seinen 1,98 Metern ist Cilic zwar ein Riese, machte aber zu wenig aus seinen Möglichkeiten. Nun ist sein Aufschlag viel konstanter und das gesamte Spiel aggressiver. Wie bei Ivanisevic 2001, als er mit 29 Jahren endlich Wimbledon gewann – bei seiner vierten Finalteilnahme.