Nationalmannschaft

Über die Kunst des Weghörens

Mario Gomez wird mal wieder ausgepfiffen, doch der Bundestrainer gibt ihm weiter Kredit

Frank Mill ist erst einmal erlöst. Früher musste immer er herhalten. Hatte irgendwo im Fußball mal wieder ein Stürmer eine große Chance vergeben, hieß es am nächsten Tag in deutschen Büros und Kantinen: „Hast Du’s gestern gesehen? Wie der Mill damals!“ 1986 hatte er in seinem ersten Spiel für Borussia Dortmund gegen den FC Bayern (2:2) dessen Torwart Jean-Marie Pfaff bereits umkurvt, musste den Ball nur noch ins leere Tor schieben – und schoss an den Pfosten.

Der neue Mill ist Junior Malanda. Der Belgier vom VfL Wolfsburg traf in den ersten beiden Saisonpartien jeweils das leere Tor nicht. Doch Donnerstag hieß es in Büros und Kantinen: „Die Dinger vom Mario Gomez hätte sogar der Malanda gemacht!“ Beim 2:4 (0:2) im Test gegen Argentinien hatte Gomez drei Chancen, bei einer musste er eigentlich nur noch einschieben.

In Düsseldorf und vor den Fernsehern raunten über zehn Millionen Zuschauer, als er sie ausließ. Auch deshalb wurde die geplante After-WM-Party zum Fehlstart in die neue Saison der Nationalmannschaft. Es war die erste Partie nach dem Triumph von Rio, und Gomez fasste sein Gefühl an diesem Abend wie folgt zusammen: „Komisch. Seltsam.“ Denn das Ergebnis entspräche nicht der Wahrheit. „Wir haben es gegen gute Argentinier nicht schlecht gemacht. Auch wegen meiner Chancen stand es 0:2 zur Pause. Ich kann sie machen, vielleicht muss ich sie machen. Wenn Du das Quäntchen Glück nicht hast, gehen sie nicht rein. Und der Torwart hat fantastisch gehalten. Im Fußball triffst Du nicht immer.“

Die Fans sehen das weniger sachlich. Gomez ist für sie der Sündenbock. Mal wieder. Was bei Gomez’ Auswechslung in der 57. Spielminute und am Tag darauf passierte, war sinnbildlich für das Verhältnis zwischen dem deutschen Fußball-Publikum und dem Stürmer vom AC Florenz. Viele pfiffen ihn aus und riefen Schmähungen. Obwohl es sein erstes Spiel für Deutschland nach 385 Tagen war. Obwohl er wegen Knieverletzungen sieben Monate kein Fußball spielen konnte. Obwohl er in 60 Spielen 25 Tore erzielt hat. Es drängt sich der Eindruck auf, dass kein anderer Nationalspieler so unbeliebt ist wie der Schwabe. In jedem Fall hat er am wenigsten Kredit.

Es gab in der Nationalelf immer wieder Stars, die polarisiert haben. An Gomez scheiden sich aber nicht einmal die Geister: Er hat kaum öffentliche Befürworter. Schon vor seinem Wechsel zum FC Bayern 2009 war von Fußball-Interessierten immer wieder zu hören, Gomez habe eine arrogante Ausstrahlung. Genau erklären konnten sie das meist nicht. Weil er für Hugo Boss modelt und viele neidisch sind? Hat Gomez zu viel Glamour? Dabei ist er heimatverbunden, war lange mit seiner Jugendliebe zusammen, engagiert sich in Stiftungen für Kinder und Afrika und gibt im Alltag geduldig Autogramme.

Scholl-Kommentar wirkt nach

Ein Grund für die Antipathien ist wohl der Fehlschuss von Wien. Bei der EM 2008 sprang der Ball im Vorrundenspiel gegen Österreich von seinem Bein nichts ins leere Tor, sondern in den Abendhimmel. Beim anschließenden Versuch eines Kopfballs reichte es nicht einmal zum Hüpfer. Vier Jahre später riss sich Mehmet Scholl als Experte in der ARD zu der Bemerkung hin, Gomez würde sich auf dem Spielfeld „wund liegen.“ Scholl war damals noch Trainer der zweiten Mannschaft des FC Bayern, Gomez Stürmer der Münchner. Einen Klubkollegen derart zu attackieren – das geht gar nicht, fanden die Vereinsbosse. Viele Fans hingegen gaben Scholl Recht. Mit fatalen Folgen für Gomez. Motto unter vielen Zuschauern: Der Scholl hält auch nichts von dem, und der muss es wissen!

Für Gomez hätte das Argentinien-Spiel ein schöner Neustart sein können. Jetzt ist alles wie vorher. Dabei bräuchte er gerade jetzt Unterstützung der Fans. Er ist seit mehr als zwei Jahren ohne Treffer für Deutschland und erlebt eine schwierige Karrierephase.

Bei Twitter schrieb am Donnerstag jemand mit Ironie: „Das Klatschpappen-Publikum hat Fingerspitzengefühl bewiesen.“ Auch Joachim Löw kritisiert die Zuschauer. „Es geht nicht, dass ein Spieler im eigenen Stadion ausgepfiffen wird. Ich war nicht unzufrieden mit ihm, Mario hat sich gut bewegt und riesige Qualitäten. Er wird nach der langen Pause etwas brauchen. Es wäre doch verrückt, wenn es nicht so wäre.“ Der Bundestrainer muss vor dem ersten Spiel der Qualifikation für die EM 2016 in Dortmund gegen Schottland am Sonntag (20.45 Uhr, RTL) eine schwierige Entscheidung treffen. Entweder, er lässt Gomez erneut von Beginn ran und stärkt ihn. Oder er spielt das WM-System ohne „echten“ Stürmer oder mit Thomas Müller in der Spitze. Das wäre für Gomez’ Selbstvertrauen nicht förderlich. Wenngleich sich der 29-Jährige gelassen gibt. „Inzwischen ist das, glaube ich, ein Stück weit normal“, sagt er zu den Pfiffen, über die er hinweghört: „Ich sehe das nicht so dramatisch.“

Gomez will einfach weitermachen. „Ich werde jetzt versuchen, in den zwei nächsten Jahren möglichst viel zu spielen.“ Was will er den Fans sagen, die gepfiffen haben? „Nichts“, sagt Gomez. Doch dann, nach kurzer Pause: „Ich werde wieder treffen!“ Frank Mill saß gegen Argentinien auf der Tribüne. Kaum vorstellbar, dass er gepfiffen hat.