Tennis

Ein Japaner erobert New York

Kei Nishikoris Halbfinaleinzug bei den US Open überrascht die Tenniswelt. Nun gegen Djokovic

Gleich nach der kräftezehrenden Nachtschicht bei den US Open schickte Novak Djokovic einen Gruß an seinen grinsenden Trainer Boris Becker. Erst um 1.16 Uhr Ortszeit war sein Viertelfinale gegen Andy Murray vorbei. Der Serbe wollte danach nur noch ins Bett. „Ich glaube, mein Coach da oben würde mir eins mit dem Baseballschläger überbraten, wenn ich jetzt in die Stadt fahren würde, um Party zu machen“, feixte der Branchenführer der Tenniswelt nach seinem 7:6 (7:1), 6:7 (1:7), 6:2, 6:4 gegen den Olympiasieger aus Schottland. Dreieinhalb Stunden Schwerstarbeit lagen hinter dem 27-Jährigen, der es damit zum achten Mal nacheinander ins Halbfinale der letzten Grand-Slam-Veranstaltung des Jahres geschafft hat. Über seinen nächsten Gegner Kei Nishikori wollte er nach der Mitternachtsshow am Mittwoch nicht mehr sprechen.

Das tun die Zuschauer am Big Apple eh schon genug. Nishikori hatte mit dem zweiten Marathon-Match in anderthalb Tagen als erster Japaner überhaupt das Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers erreicht, mit spektakulären Vorstellungen gegen den an Nummer fünf gesetzten Milos Raonic und danach auch Australian-Open-Sieger Stan Wawrinka. Wie sich der nur 1,78 Meter große und 68 Kilogramm schwere Athlet in jeweils fünf Sätzen gegen die körperlich übermächtig erscheinenden Gegner wehrte, erinnerte an seinen Trainer Michael Chang, mit dem der 24-Jährige seit Saisonbeginn zusammen arbeitet. „Er hat mir gratuliert. Aber er hat auch gesagt: Es ist noch nicht vorbei. Bleib fokussiert und versuch dich zu erholen in den kommenden zwei Tagen“, schilderte Nishikori das Feedback des French-Open-Siegers von 1989. Der glaubt offenbar fest an einen Triumph.

Mit fünf Jahren hatte Nishikori angefangen, Tennis zu spielen. Im Alter von 14 Jahren verließ er dann seine Heimat und wurde fortan in der Akademie von Trainer-Guru Nick Bollettieri in Florida geformt und getriezt. Er zählte zudem zu einer kleinen Gruppe auserwählter Spieler seines Landes, die von Sony-Mitbegründer Akio Morita finanziell unterstützt werden.

Am Anfang spracht er kein Wort Englisch, teilte sich mit Zachary Gilbert, dem Sohn von Ex-Profi Brad Gilbert, ein Appartement und hatte nach drei Jahren erstmals Heimweh. „Vorher hatte ich keine Zeit nachzudenken. Ich durfte auch nicht zu Hause anrufen“, erzählte Nishikori mal dem „Tennismagazin“. Zielstrebig und diszipliniert arbeitete er Jahr um Jahr an sich und schaffte im Mai dieses Jahres als erster Japaner den Einzug in die Top Ten – und wird nach den US Open vermutlich wieder dorthin zurückkehren (derzeit ist er Elfter). Zu Hause anrufen brauchte er nach dem historischen Ereignis allerdings nicht. Seine Eltern reisen inzwischen zu Grand-Slam-Turnieren an.