Kampfrekord

Volltreffer beim Schlussgong

Marco Huck verteidigt zum 13. Mal seinen WM-Titel und liebäugelt mit Kampf in den USA

Knock-out? Oder kein K. o. – stattdessen nur ein Sieg nach Punkten? Die Wertung des 14. Weltmeisterschaftskampfes von Marco Huck, 29, erhitzte die Gemüter noch weit bis in den Sonntagmorgen. Selbst die Fernsehbilder belegen nicht eindeutig, ob der finale Hieb des Champions, mit dem er seinen Herausforderer Mirko Larghetti, 31, kampfunfähig schlug, sekundengleich mit dem Schlussgong der zwölften Runde erfolgte. Dann wäre es zweifelsohne ein K. o. gewesen, den Huck für sich hätte verbuchen können, was sich in einem Kampfrekord immer besser liest als ein Erfolg durch die drei Wertungsrichter.

So kann sich Huck momentan „nur“ an einem einstimmigen Sieg nach Punkten (116:112, 116:112, 118:110) erfreuen. Die World Boxing Organization (WBO), deren Titelträger der Cruisergewichtler aus Berlin seit fünf Jahren ist, kündigte bereits an, dass sie das dramatische Kampfende noch einmal genauestens prüfen und das Urteil gegebenenfalls korrigieren werde. Damit die stolze Boxerseele ihre Ruhe hat.

Egal wie das hohe Gericht des in der puerto-ricanischen Hauptstadt San Juan ansässigen Weltverbandes entscheidet, der Ausgang des unerwartet spannenden Titelkampfes im schmucken Gerry-Weber-Stadion in Halle/Westfalen bleibt davon unberührt. Die 13. Titelverteidigung von Huck ist unstrittig. Und damit auch die Einstellung des Rekordes von Johnny Nelson.

Der heute in Sheffield lebende Engländer hatte die weltweite Bestmarke im Limit bis 90,7 Kilogramm zwischen 1999 und 2006 gesetzt. In Halle saß er nun am Boxring, um den Verlust seiner angenehmen Alleinherrschaft in den Rekordbüchern aus der Nähe mitzuerleben. Leicht fiel es ihm nicht. Ganz im Gegenteil: Er konnte sich nur schwer damit abfinden.

Im Kampf zurückhaltend

Auf dem Papier habe Huck mit ihm gleichgezogen, sagte der farbige Brite sichtlich gegrämt und lästerte: „Marco glaubt doch selbst nicht, dass er wirklich der Beste der Welt ist. Außerdem ist er erst ein wirklicher Champion, wenn er seinen Titel auch außerhalb seines Heimatlandes verteidigt hat.“ So wie es Nelson tat, der dafür nach Deutschland, Dänemark, Italien und über den Atlantik in die USA jettete.

Dem aktuellen Weltmeister nötigten die Sprüche seines Vorgängers nur ein müdes Lächeln ab. „Soll er doch sagen, was er will. Ich bin die absolute Nummer eins und der Star im Cruisergewicht. Ich boxe jeden, den mir mein Promoter vor die Fäuste setzt“, erwiderte Huck vor Selbstbewusstsein strotzend. Das ist dem einst weltbesten Kickboxer abzunehmen. Denn Angst kennt er keine.

Deshalb bastelt Promoter Kalle Sauerland, 37, auch schon seit geraumer Zeit an einem „ganz großen Ding“ für Hucks nächsten Kampf. Preisgeben wollte er es noch nicht. „Es dauert noch ein paar Tage, bis die Sache endgültig eingetütet ist. Es wird ein echter Knaller sein“, versicherte der älteste Sohn von Promoterlegende Wilfried Sauerland, 74. Auch Huck, der am Sonnabend angekündigt hatte, wenn er Larghetti besiege, werde es „eine Überraschung geben, die es in sich hat“, wollte noch nicht raus mit der Sprache.

Auf jeden Fall soll er dieses Jahr noch einmal boxen, und es sieht ganz danach aus, als würde er sein Debüt in den USA geben. Dabei könnte es entweder zum Titelvereinigungskampf kommen. Oder aber er steigt endlich dauerhaft in die Königsklasse auf, um dort dann möglicherweise gleich um die Weltmeisterschaft zu boxen. Die Regeln würden es bei seinem Status erlauben. Denkbar wäre ein Schwergewichtsduell gegen Bermane Stiverne, 35. Der in Haiti geborene Kanadier ist seit Mai stolz im Besitz des von Vitali Klitschko kampflos niedergelegten Gürtels des World Boxing Council (WBC).

Doch erst einmal möchte sich Huck von den Strapazen des Kampfes erholen. Larghetti hatte ihm das Leben in seinem selbst ernannten Wohnzimmer, in dem er sich am 29. August 2009 den WBO-Titel erkämpft hatte, „viel schwerer als erwartet gemacht“. Der in 21 Kämpfen unbesiegte Italiener bewies nicht nur großen Mut, sondern erwies sich auch als technisch guter Boxer. Seine Schläge waren zumeist präziser als die des Titelträgers, der nicht schlecht staunte, wie häufig die Fäuste des Rivalen in seinem Gesicht landeten.

„Marco hat einfach zu viel zugelassen“, kritisierte Ulli Wegner, 72. Außerdem monierte der Trainer das Zaudern seines Schützlings. Ihm fehlte die Bedingungslosigkeit, dann wäre der Kampf sicher nicht über die zwölf Runden gegangen, ist sich Wegner sicher. Woran das lag? Der erfahrene Boxlehrer, sonst nie um eine Antwort verlegen, musste passen.

Auch Huck, der im 15 Kilometer entfernten Bielefeld aufwuchs, konnte oder wollte seine ungewohnte Zurückhaltung nicht begründen. Er wollte den über 5000 Zuschauern in der Arena und den knapp drei Millionen vor den Bildschirmen „unbedingt eine boxerische Delikatesse“ bieten. In den ersten Runden schien es auch so, als würde er Wort halten. Mit seinem Jab hielt er Larghetti auf Distanz; wenn er die rechte Schlaghand einsetzte, traf sie auch. Mit zunehmender Kampfdauer fehlte seinen Schlägen jedoch die Genauigkeit, zudem zeigte sich sein Gegenüber immer unbeeindruckter. „Larghetti“, sagte Huck anerkennend, „hat große Moral bewiesen.“

Gegner muss ins Krankenhaus

Demzufolge blieb ihm zum Schluss nichts anderes übrig, als wieder einmal die Brechstange rauszuholen. Wie schon so oft in seinen Kämpfen. „Am Ende habe ich gezeigt, dass ich der Huck bin. Wenn’s mir reicht, gehe ich nun mal los wie ein Terrier.“ Getreu dem Motto „Augen zu und durch“ ließ er seine harten Fäuste einfach nur fliegen, darauf hoffend, den einen vernichtenden Treffer landen zu können. Was schließlich im allerletzten Moment auch glückte. Ob es tatsächlich ein Knock-out war, werden wir in den nächsten Tagen erfahren. Larghetti jedenfalls fehlte bei der Pressekonferenz nach dem Kampf. Schwer gezeichnet von zwei dicken Blutergüssen auf seinen Wangenknochen und diversen Cuts im Gesicht, wurde er ohne Rede und Antwort zu stehen ins Bielefelder Klinikum gefahren, um dort seinen lädierten Kopf untersuchen zu lassen. Grund zur Sorge gebe es nicht, hieß es hinterher.