Leichtathletik

In der Moderne angekommen

Athleten um Berlins Diskus-Star Harting sind begeistert von den Neuerungen beim Istaf 3.0

Das Wetter meinte es nicht gut mit den Organisatoren des 73. Internationalen Stadionfestes der Leichtathleten. Regen am Sonntagvormittag macht nicht gerade Lust auf einen spontanen Familienausflug ins Olympiastadion. Und so kamen vermutlich auch deshalb statt der erhofften 48.000 nur offiziell 45.322 Fans. Die Zahl schien eher zu hoch gegriffen, auf den Rängen gab es doch einige Lücken, obwohl schließlich während der gesamten Wettkämpfe die Sonne schien. Und gute Leistungen geboten wurden, mit dem insgesamt 16. Weltrekord beim Istaf als Krönung. Den erzielte die Polin Anita Wlodarczyk mit 79,58 Metern im Hammerwerfen (siehe nebenstehenden Artikel).

Die Veranstaltung sollte einen Aufbruch markieren in eine modernere Leichtathletik. „Istaf 3.0“ hatten die Macher ihr Event deshalb genannt. In den technischen Disziplinen wurden zum ersten Mal alle Starter einzeln vorgestellt, liefen durch Nebelschwaden und zwischen Feuerfontänen durch einen Tunnel auf die Bühne im Innenfeld. Auch bei den Zieleinläufen gab es Feuerschwaden, dazu Feuerwerk bei den Diskuswerfern und Hammerwerferinnen bei besonders guten Weiten. Dem Publikum wurde von drei Moderatoren eingeheizt, und es ließ sich willig mitnehmen. Auch die Athleten hatten offensichtlich ihren Spaß daran.

„Das war schon sehr faszinierend heute“, sagte Antje Möldner-Schmidt, die Europameisterin über 3000 Meter Hindernis. „Es ist auf jeden Fall noch mal ein anderes Istaf für mich gewesen.“ Die in Potsdam geborene Läuferin, die eine Krebserkrankung überstanden hat, war auch mit ihrer sportlichen Leistung zufrieden, wenngleich sie beim Sieg der für Bahrain startenden Kenianerin Ruth Jeged (9:26:94 Minuten) als Fünfte in 9:34:49 chancenlos war. „Ich bin meine zweitbeste Zeit dieser Saison gelaufen, das ist okay“, sagte die 30-Jährige. Die beste hatte ihr vor zwei Wochen bei der EM in Zürich die Goldmedaille gebracht.

Als erste deutsche Europameisterin hatte Christina Schwanitz die Hoffnungen der Zuschauer und ihre eigenen noch mehr erfüllt. Allerdings musste sie unerwartet harten Widerstand überwinden. Genau wie bei der Europameisterschaft in Zürich war Jewgenia Kolodko ihre schärfste Rivalin. Die Russin wuchtete die Kugel im letzten Versuch auf 19,43 Meter und setzte sich unverhofft an die Spitze. Aber die Chemnitzerin, die bis dahin scheinbar ungefährdet in Führung gelegen hatte, konnte noch einmal kontern und erzielte gleich anschließend 19,53 Meter. Ihr erster Gedanke? „Das kann ich auch“, sagte sie sich und konnte sich bestätigt fühlen.

Den Wettkampf, der noch vor dem Hauptprogramm begonnen hatte, genoss sie. „Ich fand es schön, dass der Kugelstoß so im Vordergrund stand. Die Stadionsprecher und das Publikum haben uns gepusht.“ Wie die EM-Dritte im Diskuswurf, Shanice Craft aus Mannheim, die diesmal mit der Kugel in den Ring stieg und Fünfte wurde. „Das war sehr speziell und hat viel Spaß gemacht.“ Das gleiche Gefühl hatte bei den Männern der ebenfalls siegreiche David Storl, der mit 21,41 Metern gewann. „Das Publikum hatte daran einen großen Anteil.“

Die größte Show indes bot wieder einmal der größte Star der deutschen Leichtathletik. Robert Harting schleuderte den Diskus in seinem besten, dem dritten Versuch in seinem „Wohnzimmer“ Olympiastadion auf 68,21 Meter, näherte sich also den angestrebten 70 Metern an. Und er zelebrierte seinen Erfolg. Entspannt ließ er sich noch während des Wettkampfes interviewen. Zur Lockerheit hatte der Berliner auch allen Grund. Gleich mit drei seiner sechs Würfe hätte der Olympiasieger, Welt- und Europameister gegen die starke Konkurrenz gewonnen.

Später ärgerte er sich über zwei Versuche, die im Netz landeten. „Von der Dynamik her waren das die beiden besten und hätten vielleicht für die 70 Meter gereicht.“ Ihm am nächsten kam noch der Magdeburger Martin Wierig (66,13), der Pole Piotr Malachowski (64,87) lag als Dritter noch weiter zurück. Der letzte sportliche Auftritt des zweimaligen Olympiasiegers Virgilijus Alekna (Litauen) endete auf Rang sieben. Der 42-Jährige erzielte 61,84 Meter.

Harting also genoss das Istaf in vollen Zügen – so wie eigentlich immer, aber doch noch ein bisschen anders. Bis zu den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro 2016 will er seine Karriere fortsetzen, „und am liebsten würde ich all diese Zuschauer mitnehmen. Ich stehe jedes Mal stramm hier.“ Die Unterstützung sei unglaublich, und diesmal sei der „Genuss- und Adrenalinanteil noch größer“ gewesen als sonst. „Ich finde, man hat hier mit dem Istaf einen richtigen Schritt gemacht. Das neue Format gefällt mir sehr gut.“ Erst das gewohnte Einwerfen, dann der Auftritt auf der Bühne – „man fängt nicht einfach mit dem Wettkampf an.“

Die Leichtathletik müsse sich weiter verändern, forderte Harting, „das ist auch etwas, was die Athleten selbst noch lernen müssen. Alle müssen flexibler werden“, im Kampf gegen die sinkende Attraktivität der olympischen Kernsportart. So, wie er das mit dem Interview nach drei Versuchen gemacht habe. „Man soll es nicht übertreiben, aber hier passt es perfekt.“ Der Publikumsliebling glaubt sogar: „Es gibt noch viele Reserven.“

Harting lobte besonders den Istaf-Geschäftsführer Martin Seeber, in Doppelfunktion seit diesem Jahr auch Meeting-Direktor: „Das ist ein neuer Denker.“ Das habe auch das erfolgreiche Hallen-Istaf im März in der O2 World bewiesen, das sehr gut angenommen wurde. Obwohl er mit Seebers Vorgänger Gerhard Janetzky persönlich gut klarkomme, fügte der Diskuswerfer hinzu: „Mit ihm wären solche Veränderungen nicht möglich gewesen. Das war ein alter Denker.“ Aber die Leichtathletik möchte lieber etwas moderner werden. Dann kommen vielleicht im nächsten Jahr auch wieder über 50.000 Zuschauer ins Olympiastadion. Seeber selbst war jedenfalls zufrieden. „Das Konzept wurde angenommen“, sagte der Istaf-Chef, „es war eine unglaublich gute Stimmung. Genau das, was man sich wünscht.“