Polen

Willkommen im Schlaraffenland

Volleyball boomt nirgends so wie in Polen. Zum WM-Eröffnungsspiel kommen 62.000 Fans

Die 62.000 Eintrittskarten waren im Handumdrehen ausverkauft, nicht mal zwei Stunden dauerte es. Nun kann man damit rechnen beim Eröffnungsspiel einer Weltmeisterschaft. Das Außergewöhnliche ist nur: Es geht diesmal nicht um Fußball. Gastgeber Polen trifft im Warschauer Nationalstadion auf Serbien. Die Rede ist von der Volleyball-WM der Männer, die am Sonnabend beginnt. 24 Teams kämpfen um den Titel, auch das deutsche ist dabei. „Ich erwarte eine perfekt organisierte WM in tollen Hallen mit enthusiastischen Fans“, sagt der deutsche Zuspieler Lukas Kampa, „wer den Stellenwert von Volleyball in Polen kennt, der weiß, dass es wohl kaum bessere Ausrichter für eine WM gibt.“

Bundestrainer Vital Heynen ist begeistert: „Ich habe so etwas noch nicht erlebt“, sagt der Belgier, der im Dezember seinen Zweitjob beim Erstligisten Transfer Bydgoszcz antrat. Seine Mannschaft wurde zwar Tabellenletzter, aber trotzdem kamen zu jeder Partie 3000 bis 4000 Fans. „Freitag, Sonnabend, Sonntag, Montag“, schwärmt Heynen, „an jedem dieser Tage gibt es ein Livespiel im Fernsehen.“ Der Sender Polsat hat die Nische erkannt, Volleyball zu seiner Herzensangelegenheit gemacht und Erfolg damit. Mit 30 Kameras wird der Sender nun vom Eröffnungsspiel berichten. „Wenn du morgens Radio hörst, dann erfährst du Neuigkeiten aus dem polnischen Volleyball – so wie hier darüber berichtet wird, wenn Bastian Schweinsteiger sich verletzt hat“, sagt Heynen. Volleyball ist in Polen genauso populär geworden wie Fußball. Bei vielen Familien sogar beliebter, weil sie keine Angst vor Hooligans haben müssen und in den Hallen eine friedliche Stimmung herrscht.

Dabei hilft, dass die Sportart hier große Tradition hat. Schon 1974 war Polen Weltmeister, zwei Jahre darauf wurde es Olympiasieger, den EM-Titel gewann es 2009, die Weltliga 2012. Die Frauen wurden 2003 und 2005 Europameister. Besonders in den vergangenen zehn Jahren wurde viel investiert – auch vom Staat. Das Sportministerium hat den Volleyball 2014 mit rund 7,5 Millionen Euro unterstützt, kein anderer Sportverband erhielt mehr. Das Geld fließt in die Trainingsmaßnahmen der Nationalteams ebenso wie in die Nachwuchsförderung bis in die Schulen. Die Infrastruktur für nachhaltigen Erfolg ist vorhanden.

So ist der Aufstieg des polnischen Volleyballs nur logisch, auch im Klubbereich. Meister Skra Belchatow erreichte zuletzt in sechs Jahren dreimal das Final Four der Champions League. Weitere Topteams und Stammgäste in der höchsten europäischen Spielklasse sind Resovia Rzeszow (mit dem Deutschen Jochen Schöps) und Jastrzebski Wegiel, die zuletzt Rang drei belegten. Die Erfolge ziehen Sponsoren an, die besten Spieler der Liga lächeln im ganzen Land von Werbeplakaten. Viele ausländische Spitzenkräfte bereichern die PlusLiga, die nach der russischen Superliga die höchsten Gehälter zahlt. Auch Deutsche: Neben Heynen und Schöps sind dies Kampa, Dirk Westphal (beide Radom), Denis Kaliberda (Wegiel) und Ferdinand Tille (Belchatow).

„In Polen herrscht insgesamt eine große Aufbruchstimmung, nicht nur im Volleyball“, beschreibt Kampa seine Eindrücke. Dies gilt übrigens auch für die deutsche Mannschaft, die am Montag gegen Titelverteidiger Brasilien beginnt und sich den Gewinn einer Medaille zum Ziel gesetzt hat. Nur ist noch nicht klar, ob das in der Heimat auch zu sehen sein würde: Bisher konnte sich kein deutscher Sender entschließen, von der WM in Polen zu berichten.