Spielerwechsel

Hertha muss etwas riskieren

Noch vier Tage bis Ende der Transferfrist: Stürmer gesucht, im Mittelfeld hilft Valentin Stocker

Beide Fotos wurden in der Kabine aufgenommen, jeweils das gleiche Motiv. 13 Spieler hatten sich vor den Spinden aufgebaut, auch Genki Haraguchi, den Arm in einer stabilen schwarzen Schlinge, schaute ins Bild. Alle trugen dunkle Trainingskleidung, in der Mitte stand Änis Ben-Hatira, der verkehrt herum ein Trikot trug mit einer großen Nummer 9 und dem Namen von Alexander Baumjohann. Auf dem zweiten Schnappschuss hatte die Fotografen getauscht. Nun kniete Hajime Hosogai in der Gruppe, während Haraguchi trotz seiner Verletzung des Schultereckgelenkes das Mobilphone betätigte. Wieder stand Ben-Hatira in der Mitte, diesmal mit der Trikotnummer 17 und dem Namen Cigerci. Die Botschaft dazu lautete: „Ihr seid nicht alleine! Wir sind für euch da ... ein Team!“

Also, der Zusammenhalt bei Hertha BSC ist vorhanden. Zuspruch für Alexander Baumjohann, der nach seinem zweiten Bänderriss bis weit ins kommende Jahr ausfallen wird. Und Unterstützung für Tolga Cigerci, der nach einer Operation an einer Sehne am Fuß nicht vor November zurück erwartet wird.

Manager Michael Preetz und Trainer Jos Luhukay verbringen gerade nervenaufreibende, intensive Tage. Bekanntlich fallen mit Sebastian Langkamp (Außenbandriss und Bruch an der Außenkante des Fersenbeins) sowie Torwart Marius Gersbeck (Meniskus-Operation) zwei weitere Profis für vier bis sechs Wochen aus. Haraguchi fehlt mit seiner Schulterverletzung rund einen Monat, auch Ronny (Muskelfaserriss am Hüftbeuger) muss nun zehn Tage aussetzen.

So bedrückend die Verletzungen für die Betroffenen sind: Immerhin kann Hertha in dieser Woche noch über mögliche Neue nachdenken. Das Transferfenster schließt erst am Montag, den 1. September.

Kein Neuer für Langkamp

Schaut man sich die Ausfälle an, ergibt sich ein differenziertes Bild. Mit Langkamp fällt ein gesetzter Stammspieler aus. Da aber John Brooks sich seit Wochen in guter Verfassung präsentiert, hat der US-Nationalspieler gute Chancen, am kommenden Sonnabend gegen Bayer Leverkusen in die Startelf zu rutschen. Einen Neukauf wird es in der Defensive nicht geben, weil zudem Fabian Lustenberger nach einer halbjährigen Verletzung mittlerweile seit sechs Wochen im Training ist. Am vergangenen Sonntag spielte er bei Herthas U23 zum zweiten Mal 90 Minuten durch. Und sagte hinterher: „Alles gut verkraftet. Jedes Spiel hilft. Und klar, ein paar Prozentpunkte ist noch Luft nach oben.“ Der Kapitän ist für Trainer Luhukay ein Schlüsselspieler. Spätestens nach der Länderspiel-Pause Anfang September dürfte Lustenberger für die Startelf in Frage kommen. Als derzeit vierter Innenverteidiger hält sich Christoph Janker bereit.

Im Mittelfeld „wird eventuell mit der Ausnahme Per Skjelbred nichts passieren“, sagte Manager Preetz. Ronny wird Mitte September zum Heimspiel gegen Mainz (13.9.) zurück erwartet. Das Fehlen von Baumjohann soll mit Bordmitteln ausgeglichen werden. Hany Mukhtar, derzeit mit dem Selbstbewusstsein des U19-Europameisters unterwegs, hat gute Chancen. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, dass Luhukay die Taktik variiert. Dann würde Hertha nicht mehr mit einem „Zehner“, einem Spielmacher, agieren, sondern mit zwei „Achtern“. Das könnten Jens Hegeler und Änis Ben-Hatira sein.

Skjelbred, der noch bis Juni 2015 beim HSV unter Vertrag steht, hofft weiterhin auf seine Rückkehr nach Berlin. Hier lebt seine Frau, die Kinder gehen hier zur Schule. Und die Hamburger haben nach ihren vielen teuren Verpflichtungen (Lasogga, Ostztrolek, Behrami, Müller) ein großes Interesse, ihren Gehaltsetat zu entlasten. Da sollte sich eine Einigung mit Hertha finden lassen.

Somit konzentriert sich die Suche von Preetz und Luhukay auf die Position, für die sie seit Monaten unterwegs sind: auf einen schnellen, technisch versierten Stürmer. Ungeachtet der drei Tore, die Julian Schieber gegen Viktoria Köln (4:2 im DFB-Pokal) und Werder Bremen (2:2 zum Bundesliga-Start) erzielt hat, soll eine weitere Verstärkung her. Hertha jongliert mit verschiedenen Namen, verschiedenen Konstellationen.

Nachdem die Qualifikation zur Champions League abgeschlossen ist und heute auch die letzen Würfel bei der Europa League fallen, wird das Personalkarussell noch mal rasant an Fahrt aufnehmen. „Alles ist möglich, nichts muss“, sagt Preetz, will sich im Moment aber nicht in die Karten schauen lassen.

Die gute Nachricht bei den vielen Unwägbarkeiten: Der Ersatz für den an der Schulter verletzten Haraguchi steht bereit. „Mir geht es körperlich gut. Das Spiel bei der U23 hat mir gut getan“, sagte Valentin Stocker. Der war nach seinem WM-Start mit der Schweiz mit Verspätung zu Hertha gestoßen. „Es ist sicherlich etwas anderes, ob man sieben Wochen lang bei der Vorbereitung dabei ist, oder – wie ich – nur drei.“

In der Schweiz hatte es in den letzten Tagen Negativ-Schlagzeilen um Stocker gegeben. Bei seinem Abschied vom FC Basel hatte Stocker unter anderem gesagt, dass er sich in der heimischen Superleague „manchmal unterfordert gefühlt“ habe. Prompt wurde gehöhnt, der Schweizer Nationalspieler sei in Deutschland wohl überfordert, wenn er bei Hertha nicht mal im 18er-Kader steht. Stocker: „Die Presse in der Schweiz lese ich nicht, das beschäftigt mich nicht.“ Seinen Gesichtsausdruck kann man aber so verstehen, als habe Stocker alles sehr wohl registriert, sie könnten ihn aber mal gerne haben.

Stocker, 25-maliger Nationalspieler für die Schweiz, traf am vergangenen Wochenende beim 6:0 von Herthas U23 gegen Auerbach. Er zeigte mehrfach, wo seine Stärken liegen: Seine Schnelligkeit, wenn er ein wenig Raum hat, er ist passsicher. Alles Qualitäten, die Hertha am Sonnabend gegen einen erwartet dominanten Gegner Bayer Leverkusen gut gebrauchen kann, um sich zu befreien und selbst offensiv zu werden. Stocker spielt auch verbal den sicheren Pass: „Ich versuche, mich im Training anzubieten, dann muss der Trainer entscheiden.“