Traditionsmeeting

Sprinter Reus kritisiert Zürich: „Die Öffentlichkeit wird belogen“

Wenn man sich die Szene der Top-Leichtathleten als Zirkus vorstellt, mal hier gastierend und mal dort auf der Welt, dann sind die Sprinter so etwas wie die Raubtiere.

Irgendwie faszinierend, aber auch bedrohlich. Wenn einer 100 Meter in 9,8 und weniger Sekunden rennt – droht nicht dahinter ein Geheimnis zu stecken, das der Sache schadet?

Am Donnerstag findet das Traditionsmeeting „Weltklasse Zürich“ statt. Usain Bolt hat vor Tagen abgesagt, was für jeden Veranstalter ein Schlag ins Kontor ist. Flugs haben die Schweizer daraufhin andere Hochkaräter verpflichtet: Für das 100-Meter-Rennen haben sie kurzfristig den Jamaikaner Asafa Powell (Saisonbestzeit 9,87 Sekunden) verpflichtet und mit Tyson Gay (9,93) und dessen amerikanischem Landsmann Michael Rodgers (9,91) ein illustres Feld zusammen.

Nur: Alle drei waren schon wegen Dopingvergehen gesperrt. Dabei hatte Meetingdirektor Patrick Magyar erst neulich erwähnt, es gebe einen Beschluss des Trägervereins: „Wir geben unser Geld nicht Athleten, die den Sport in Misskredit gebracht haben.“ Drum wundert sich nicht nur der deutsche Sprinter Julian Reus, 26, darüber, dass der Veranstalter seine Meinung flink geändert zu haben scheint. „Letzte Woche noch ein aktiver Kampf gegen Doping, und mit einem Mal stehen über 100 Meter drei Dopingsünder in der Startliste. Ein Großteil der vorherigen Sprinter wurde in das B-Rennen abgeschoben. Wie die Öffentlichkeit durch solche Aktionen belogen wird, ist für mich eine Frechheit und macht den Sport kaputt“, zürnte der EM-Silbermedaillengewinner in der Staffel bei Facebook.

Der Berliner Lucas Jakubczyk (EM-Fünfter in 10,25 Sekunden) darf in Zürich nicht im A-Rennen laufen. Martin Seeber, Meeting-Direktor des am Sonntag stattfindenden Istaf, hat für derlei Beschwerden Verständnis. „Ich kenne Lucas Jakubczyk gut. Wenn einer wie er sagt: ‚Ich laufe so gut wie nie, bin Fünfter bei der EM geworden, komme aber in großen Rennen nicht ins Feld‘, kann ich nachvollziehen, wenn er sich darüber ärgert. Letztlich muss jeder Veranstalter für sich entscheiden, wie er damit umgeht“. Bei ihm starten die früher Gedopten nicht. Sie haben schließlich „keine Sogwirkung“. Sein Züricher Kollege Magyar erklärte, ein Ausschluss sei nur für solche beschlossen, „die bereits eine zweijährige Dopingsperre abgesessen haben.“ Deshalb würde Weltjahresbeste Justin Gatlin nicht eingeladen.